"Dolor y Gloria", zur Form des Films.

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"Dolor y Gloria", zur Form des Films. ?

Neu im Kapitel «Filmkurse – Theorie und Praxis 1970‑2005»

SALVADOR MALLO, Regisseur im Film «Dolor y Gloria».

SALVADOR MALLO.

ALMODÓVAR, Regisseur des Films «Dolor y Gloria».

Ausgewählte Aussagen von Antonio Banderas, dem Darsteller von Salvador Mallo, dem Regisseur des Films «El primer Deseo» im Film von Almodóvar «Dolor y Gloria».

(Dieser Text orientiert sich an der Untertitelung der DVD).

«Pedro Almodóvar hat im Studio eine ganze Kopie seines Hauses erschaffen. Nur ein Zimmer war etwas grösser, damit die Kameras hineinpassten, ohne dass Wände entfernt werden mussten. Der Rest war gleich. Er hat seine Gemälde mitgebracht. Ausserdem seine Vorhänge, alles für die Betten, alles Mögliche. Sein Geschirr, alles. Sein Haus war leer, als wir im Studio gedreht haben. Alles war dort. ()

Wir sehen ihn im Alter von über sechzig Jahren. Er sinniert über sein Leben, seine Vergangenheit. Er bringt Dinge in Ordnung. Es gibt noch offene Wunden. Vor allem in Bezug auf seine Mutter. ()

Ich sehe es als Versöhnung mit der eigenen Person, mit der eigenen Vergangenheit. Und als einen Weg, sich reinzuwaschen. Das habe ich bei  Almodóvar bemerkt. Er ist ein harter Mann, er ist sehr streng zu sich und allen anderen. ()

Ich werde oft gefragt, ob der Film biografisch sei. Nein. Der Film verkörpert Almodóvar, ist aber keine Filmbiografie über ihn. () Nicht alles, was in deinem Leben passiert, ist dein Leben. Dein Leben, das sind auch die Dinge, die du nur gewünscht hast. Die Dinge, die du sagen wolltest, aber nicht gesagt hast. Dinge, die du tun wolltest. Darum geht es in diesem Film. () Wir alle fragen uns, was unser Leben ausmacht. Das, was wir jeden Tag tun oder die Träume, die wir haben? Er nutzt seinen Film, um sich zu entschuldigen, um Wunden zu schliessen und Dinge endlich auszusprechen. Trotzdem ist er immer noch Almodóvar.»

«Dolor y Gloria», der Film und seine Gestalt.

Die Gegenwart (Salvador über 60) und seine Vergangenheit (vor 55, vor 50, vor 4 Jahren). Erinnerung und/oder filmische Inszenierungen, die Erinnerungen zu fassen suchen?

Wenn ich mir auch kritische Anmerkungen zu diesem Film erlaube, soll das nicht heissen, es habe sich nicht gelohnt, sich eingehend damit zu befassen. Als der Film im Kino lief, fiel mir auf, dass die Besprechungen nur eine Art Nacherzählungen waren, die sich ganz über die Formen der Darstellung hinwegsetzten. Kein Interesse für die Erzählweise, für das, was die Erscheinung des Films ausmacht.

Ich setze die Kenntnis des Films voraus, bemühe mich vor allem, seine Gestalt zu fassen.

Film-Protokoll und Anmerkungen –
Formen der typografischen Darstellung.

Schrift mager.

Die Gegenwart des Films, Salvadors Gegenwart (sechzig Jahre alt). Die 3-4 Monate, in der er sich an seine Kindheit erinnert – auch die Zeit, in der er den Mut fasst, wieder einen Film zu realisieren.

*     *     *

Schrift mager, unterstrichen.

Übergänge von Salvadors Gegenwart zu seinen Erinnerungen.

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Schrift fett.

Salvadors Erinnerungen an seine Kindheit:

Seine Erinnerung an das Alter von 4 Jahren im Dorf und seine Erinnerungen an das Alter von 9 Jahren.

*     *     *

Schrift fett, mit Einzug.

Salvadors Erinnerungen an das Zusammensein mit seiner alten Mutter (vor 4 Jahren).

*     *     *

Schrift mager, kursiv.

Die Vorstellung des Schauspielers Alberto, wie er Salvadors Text in Szene setzen würde.

*     *     *

Schrift mager, mit Einzug.

ANMERKUNGEN von UG zur Gestalt des Films, zu den Formen der filmischen Darstellung.

«Dolor y Gloria», Filmprotokoll mit Anmerkungen zu den Formen der Darstellung.

Ein Teil der eingefügten Anmerkungen erwähnt (vielleicht allzu spontan) Details, die jedoch auch als bewusst eingefügte Momente der Irritation betrachtet werden könnten.
Im allerletzten Text werde ich darauf eingehen.

Die deutschen Texte der Dialoge orientieren sich an der Untertitelung der DVD des Films.

0.00 Vorspann des Films, Verleihtitel, Schrifttafeln mit Darstellern und künstlerischen Mitarbeitern auf einer Folge von bewegten, verschiedenfarbigen, ornamentalen Hintergründen.

1.55 Abblendung/ Aufblendung. Salvadors Gegenwart: Organisch wirkender Übergang zu einem roten Ornament an der Decke des Bades. Die rote Farbe wird ausgeblendet. Im Bad, unter Wasser, Salvador auf einem Stuhl sitzend – die Kamera nähert sich seinem Gesicht, geschlossene Augen. Schwenk über die Operations-Narbe seiner Wirbelsäule entlang. Dann Salvador wieder frontal (Grossaufnahme) mit geschlossenen Augen.

ANMERKUNG: Etwas irritierend, eine Rücken-Ansicht zwischen zwei Frontal-Bildern – und dadurch allzu bedeutungsvoll hervorgehoben.

2.46 Übergang zu Salvadors Erinnerung, Überblendung: Von der Unterwasser-Aufnahme zum fliessenden Wasser eines Flusses, Schwenk zu den vier Wäscherinnen am Ufer, unter ihnen Jacinta, die Mutter von Salvador. Unbeschwertes Leben des vierjährigen Salvador mit der Mutter und den Frauen des Dorfes. Die singenden Wäscherinnen breiten die Laken zum Trocknen über Gebüsche aus.

4.48 Schnitt zurück zur Gegenwart: Im Bad, Salvador taucht aus dem Wasser auf, öffnet die Augen.

4.55 Gegenwart: Zulema in einer Bar. Sie erblickt Salvador, erkennt ihn.

ANMERKUNG: Der Übergang von Salvadors Grossaufnahme zum Bild von Zulema könnte auch eine seiner Erinnerungen sein; doch die Sequenz in der Bar beginnt mit einem Bild von Zulema, das eindeutig nicht aus seiner Sicht ist. Und sie sieht ihn, bevor er sie sieht – Salvadors Bild aus ihrer Sicht.

Zulema ist zuerst unsicher, erkennt ihn, begrüsst ihn mit Namen, nennt ihren Namen (falls er sich nicht mehr an sie erinnern sollte). Es ist lange her, seit sie sich gesehen haben. Sie sagt: «Wenn du nicht schreibst und nicht drehst, was machst du dann? Ich kann nicht ohne Schauspielerei sein.» Er sagt: «Einfach leben.» Er fragt nach Alberto, spricht von der anstehenden Veranstaltung mit der restaurierten Kopie seines Films 'Sabor', den er zusammen mit Alberto vorstellen möchte; er hat seit der Premiere vor 32 Jahren nicht mehr mit Alberto gesprochen, war wütend über dessen Interpretation. «Damals wollte ich ihn umbringen. Aber ich bin ihm nicht mehr böse.» Er fragt Zulema nach Albertos Adresse. Sie sagt «El Escorial, im Haus von Bekannten».

ANMERKUNG: Eine Situation, in der es üblich ist, zu fragen und zu erzählen – in der Almodóvar unauffällig in Dialoge einflechten konnte, was das Publikum am Anfang des Films über die Hauptperson seines Films wissen sollte - deren Befindlichkeit, deren aktuelle Vorhaben. (Und Zulema sagt, dass sie nicht ohne Schauspielerei sein könne; wodurch geklärt ist, dass sie Schauspielerin ist.)

Zulema wird ihm die Adresse von Alberto mailen, und damit auch ihre eigene Adresse, falls er eine Rolle für sie haben sollte. (Die Szene vermittelt also auch, dass Salvador ein Regisseur ist, bei dem Schauspieler eine Rolle bekommen möchten.)

Ein Pianist setzt sich in der Bar hinter das Klavier, beginnt zu spielen.

ANMERKUNG: Salvador schaut nicht auf, doch dadurch, dass wir sehen, wie der Barpianist zu spielen beginnt, vermittelt sich, dass Salvador zuhört, vor allem, wenn das Klavierstück in eine seiner Erinnerungen hinüberführt ...

7.28 Übergang vom Bar-Pianisten zu einer Erinnerung von Salvador. (Die Hände des Barpianisten sind hinter dem Klavier verborgen, sodass von Anfang an der Ton der Interpretation des Paters eingesetzt werden konnte.) Darauf folgt eine Aufnahme von oben, Hände auf den Tasten, gegen das Ende dieser Einstellung gerät der Kopf des Paters etwas ins Bild. Das Klavierstück klingt weiter ...

ANMERKUNG: Der Barpianist spielt ein Stück, das Salvador an seine Schulzeit erinnert – an den Pater, der dieses Stück spielte. (Eine etwas hingezwungene dramaturgische Konstruktion).

Das Klavier-Stück wird von Pater José Maria gespielt. Ein Herr führt eine Gruppe Knaben zum Klavier. Die Knaben sollen einzeln vorsingen, der dritte Knabe trifft die Töne vorbildlich, die der Pater vorgibt. Es ist der (etwa neunjährige) Salvador.

ANMERKUNG: Bin ich allzu misstrauisch, oder legt es der Film nahe oder sind es die Geschichten aus der katholischen Kirche: Hat der Pater pädophile Neigungen? Und was würde das für die nachfolgend geschilderte Zeit von Salvador an der Schule bedeuten?

9.17 Eine weitere Erinnerung von Salvador: Der Schulchor stellt sich auf der Bühne bereit, der Pater leitet das Einsingen für einen Auftritt. Zum ersten Mal ist die Erzählstimme des sechzigjährigen Salvador zu hören: «Und so wurde ich zum Solisten des Schulchors. Die Priester beschlossen, dass ich nicht an Geografie und Geschichte teilnehmen soll, nicht an Naturwissenschaften und Kunstgeschichte. In den drei Jahren auf dem Gymnasium verbrachte ich die Unterrichtsstunden dieser Fächer mit Singen. Ich bestand immer alle Prüfungen. Sie machten einen absoluten Dummkopf aus mir, der alle Fächer bestand ohne an den Prüfungen teilzunehmen.»

ANMERKUNG: Darauf eine Sequenz, die sich in jeder Beziehung von den Bildern des Films unterscheidet.

9.57 Schnitt: Eine Bild-Sequenz abstrakter und symbolischer Darstellungen von Geografie und Anatomie – auch über die Schul-Fächer hinausgehend, das ganze Leben bis zur Gegenwart von Salvador umfassend. Diese Darstellungen durch einen Text des heutigen Salvador kommentiert, einerseits eine Abrechnung mit der Schule, andrerseits seine späteren Erfahrungen im Zusammenhang mit seinen Filmerfolgen, das spätere Aneignen all des verpassten Wissens während der Reisen, die seine Karriere mit sich brachten.

ANMERKUNG: Die abstrakten und symbolischen Darstellungen, die Überkopierungen und Animationen wären an sich schon allzu überfrachtet, wenn einem nicht gleichzeitig noch der sich distanzierende Salvador-Text zugemutet würde, in dem dieser seine Erfolge und seine Leiden ausbreitet.

Texte zum Fach Geografie: Später Filmregisseur – auf Promo-Touren lernte er die Geografie Spaniens kennen, mit den internationalen Erfolgen die ganze Welt.

Zum Fach Anatomie: «Organe lernte ich durch Krankheiten und Schmerzen kennen», sagt er. Damit führt der Text, Salvadors Sprache wieder in die Gegenwart des Films.

ANMERKUNG: Da scheint jemand einen Auftrag zur 'Visualisierung' dieser Sequenz erhalten zu haben und nutzte die Gelegenheit, um – ohne besondere Rücksicht auf den Film – all seine überbordenden Fantasien zu präsentieren.

Der Salvador-Kommentar umfasst dessen ganzes Leben, bis zur Gegenwart.

12.34 Der Text führt in die Gegenwart, endet auf einer Grossaufnahme des heutigen Salvador in einem Taxi sitzend «In den Nächten, in denen verschiedene Schmerzen gleichzeitig auftreten, glaube ich an Gott und bete zu ihm. An den Tagen, an denen ich nur an e i n e m Schmerz leide, bin ich Atheist.»

Das Taxi hält an (Salvador scheint von Zulema Albertos Adresse erhalten zu haben). Er steigt vorsichtig aus (Schmerzen, Versteifung seines Rückens). Läutet bei Alberto, spricht in die Gegensprechanlage «Salvador – Salvador Mallo.»

Alberto ist überrascht, denn Salvador hat 32 Jahre nicht mehr mit ihm gesprochen, weil er, entgegen seines Versprechens, während der Dreharbeiten des Films 'Sabor' Heroin genommen hatte. Salvador hatte ihn dann auch von der Premiere des Films ausgeschlossen. Nun möchte er zusammen mit ihm, an der angesagten Veranstaltung die restaurierte Fassung des Films vorstellen (Innenaufnahmen).

15.18 Schnitt: Sie sitzen im Garten, Alberto nimmt Heroin, offeriert auch Salvador, dieser nimmt auch davon – Salvador weggetreten.

16.54 Die Drogenwirkung als Übergang zu Salvadors Erinnerung.

ANMERKUNG: Es könnte auch eine Fantasie sein, doch bald hat man begriffen, dass in diesem Film Heroin-Trips benutzt werden, um eine Geschichte in konventioneller Form zu erzählen.

Auf der Eisenbahnfahrt nach Paterna ein Zwischenhalt auf einem Bahnhof. Klein-Salvador findet ein Heft, in das Filmschauspieler-Fotos eingeklebt sind, in einer Schokoladen-Verpackung stösst er auf weitere Fotos. Er und seine Mutter mussten ihre Reise unterbrechen, konnten in einem Bahnhofsgebäude übernachten. Sie essen, die Mutter stopft einen seiner Socken.

19.17 Alberto streichelt über Salvadors Gesicht «Alles ok?» Salvador öffnet die Augen halb, döst wieder weg.

ANMERKUNG: Auch hier ist der Heroin-Konsum für Salvadors Zugang zu den Kindheitserinnerungen eingesetzt.

19.33 Übergang zu einer weiteren Erinnerung von Salvador: Ankunft in Paterna. Vater mit dem Hausrat auf einer Schubkarre. Ein Maler streicht eine der Mauern (es ist Eduardo). Als der Vater sagt, sie würden auf der Wohnung stehen, ist die Mutter entsetzt über diese Höhlen-Wohnung unter ihnen. Sie sehen sich die Wohnung an, die Mutter beruhigt sich, dem Knaben Salvador gefällt es hier.

22.45 Schnitt zurück in die Gegenwart: Salvador bestellt telefonisch ein Taxi für die Fahrt nach Madrid. Zum Abschied wird er von Alberto auf die Wangen geküsst. Mühsames Einsteigen in Taxi.

23.51 Salvador betritt seine Wohnung (er trägt dieselbe Kleidung wie bei Alberto, scheint also vom Taxi zu kommen). Ein Zettel liegt auf dem Tisch, Mercedes wünscht einen Anruf. Er ruft sie an – beide abwechslungsweise im Bild, Mercedes an ihrem Arbeitstisch (sie scheint seine Managerin, seine Produzentin zu sein, wie ich den Informationen zum Film entnehme). Er bestätigt ihr, dass er an der Veranstaltung mit seinem restaurierten Film anwesend sein wird.

24.39 (Salvador in anderer Kleidung, auf dem Bett liegend.) Die Haushälterin Maya «Noch etwas? bis Morgen.» Schwenk zu Salvador. Schon während des Schwenks ist seine (Gedanken-)Stimme zu hören, die den Text eines Buches liest – dann er mit dem Buch im Bild – «Ich war der einsamste Mensch, den der Tod je gesehen hat. Ich betrat das Zimmer, in dem Johannes schlief. Er hatte sich umgedreht und zusammengerollt, dass es keinen Platz mehr für mich gab. Als ich mir etwas Platz verschaffen wollte, wachte er auf und wir liebten uns. Aber die Einsamkeit war meine ständige Begleiterin und es gelang mir nicht, sie aus meinem Herzen zu verbannen.» Salvador streicht den Text im Buch an.

25.11 Salvador liegt auf Sofa in Gedanken (andere Kleidung, also zu anderer Zeit). Fortsetzung des Textes aus dem Buch, seine (Gedanken-)Stimme, also in Gedanken noch beim Text aus dem Buch: «Wir waren uns so nah, wie zwei Menschen sein können, aber jeder in seiner eigenen Welt.» Die Türglocke. Vorsichtig steht Salvador auf (die Rücken-Operation, Schmerzen), geht zur Tür, schaut durch den Spion. Alberto winkt ihm zu. Salvador lässt ihn ein. Alberto empfindet die Wohnung als sehr dunkel. «Wegen der Kopfschmerzen» sagt Salvador. Er will aus der Küche etwas zu trinken holen. Alberto hört, dass Salvador einen heftigen Hustenanfall hat. Er eilt in die Küche. Salvador kann kaum atmen. Alberto kümmert sich um ihn, gibt ihm Wasser zu trinken. «Ich verschlucke mich an allem.» Alberto ist erschrocken, schenkt sich Alkohol ein, trinkt.

Schnitt: Fortsetzung der Sequenz, einige Zeit später, anderer Ort in der Wohnung: Grossaufnahme Alufolie, Heroin. Sie sitzen auf dem Sofa. Alberto offeriert auch Salvador Heroin. Salvador inhaliert. Auf dem grossen TV-Schirm zwei schwimmende Frauen in einem blauen Bassin (Ausschnitt aus einem Film?). Antonio sieht die geschlossenen Augen von Salvador. Er geht zu Salvadors Arbeitstisch, schaltet PC ein. Verschiedene Ordner auf dem Bildschirm, einer davon 'La Adicción' (die Sucht). Salvador mit geschlossenen Augen auf dem Sofa. Alberto öffnet den Ordner, trifft auf einen Text. Seine (Gedanken-)Stimme liest einen von Salvadors Texten: von Filmvorführungen, von einem Bach. Salvadors Jugenderinnerungen – sie mussten bei den Filmvorführungen wegen des nahen Baches, dem Rauschen des fliessenden Wassers immer pissen «Im Kino meiner Kindheit riecht es immer nach Pisse und Jasmin und Sommerwind.»

Albertos (Gedanken-)Stimme spricht den Text, den er auf dem Bildschirm vor sich hat. Dazu eine sehr ungewöhnliche Form der Darstellung innerhalb dieses Films: Wir sehen Albertos Vorstellungen – wir sehen, wie er sich eine Szene zu diesem Text vorstellt: Er steht auf einer Szene mit einer Leinwand und spricht den Text vor den leeren Sitzreihen. Auf der hingestellten Leinwand Filmbilder – Wasser, eine Frau, die eine Böschung erklimmt, Warren Beatty und Natalie Wood (sie im Meer ertrinkend?), Niagara-Fälle, Marilyn Monroe singend.

ANMERKUNG: Wir sehen, wie Alberto sich die Inszenierung dieses Textes vorstellt, mit sich als Darsteller. Das entspricht nicht der sonstigen Darstellung des Films, eines Films in dem alles konsequent von der Hauptfigur Salvador her erlebt wird. Doch noch weit seltsamer ist, dass sich Alberto die Inszenierung der Szene genau so vorstellt, wie sie ihm Salvador später vorschlagen wird (im Film bei 51.38 - erst in der Szene, in der Alberto von Salvador die Rechte am Text bekommen wird).

Salvador öffnet die Augen: «Was machst du da?» Alberto «Ich lese deine Texte.» Salvador: «Hättest du nicht tun sollen.» Alberto: «Man könnte diesen Text auf die Bühne bringen – ich könnte.» Salvador: «Du bist das Gegenteil dieses Textes.»

Schnitt: Im Garten. Salvador entspannt sitzend, Augen halb offen, noch halbwegs auf dem Heroin-Trip. Alberto: «Ich bin Schauspieler, muss auf die Bühne.» Salvador will seinen Text nicht dafür geben, er habe ihn geschrieben, um zu vergessen.

Schnitt: Abschied. Salvador möchte Heroin von Alberto. Alberto: «Ist dein Kopfweh weg?» Salvador bestätigt dies. Alberto: «Ich bin kein Dealer, ich gebe dir den Rest.»

32.18 Ein Kino, von hinten aufgenommen, ausverkauft. Auf der Leinwand der Nachspann eines Films, Halbdunkel. Das Publikum applaudiert, Mercedes (Nah) klatscht.

In der Wohnung von Salvador, er und Alberto. Beide gut angezogen. Salvador trinkt Alkohol aus einer Flasche.

Im Vorraum des Kinos ein aufgeregter Veranstalter und Mercedes. Wo ist Salvador? Der Moderator ruft ihn an.

Alberto gibt Salvador das läutende Telefon, dieser steckt es in die Tasche. Er sagt, Alberto solle doch hingehen, so wolle er sich nicht zeigen «Ich will nicht zugedröhnt vor mich hin stammeln.» Salvador ruft an.

Der Moderator steht vor dem Publikum, nimmt den Anruf entgegen «Wo bis du?» «Zu Hause.» Er sagt dem Publikum, dass er Salvador am Telefon hat, bittet das Publikum um einen Applaus.

Salvador und Alberto hören sich lachend den Applaus an. Salvador entschuldigt sich, es gehe ihm gar nicht gut. Der Darsteller Alberto sei bei ihm.

Fragen aus dem Publikum zum Konflikt mit dem Darsteller im Film «Sabor», was hat ihn an der Darstellung nicht befriedigt?

Salvador «Die Schwermütigkeit. Der tödliche Rhythmus. Ich wollte eine dynamische Figur, einen lustigen, bissigen Kokainsüchtigen. Alberto hatte diese Leichtigkeit nicht. Er war nicht unfähig, aber er nahm Heroin, die entgegengesetzte Droge. Der Rhythmus seiner Interpretation war ernster, der Witz verschwand aus dem Text, doch ich will nicht unfair sein, ich finde, dass das gut zur Figur passt und ihr Substanz verleiht.» Alberto ist wütend, schlägt Salvador das Telefon aus der Hand.

Im Kino, die Verbindung ist abgebrochen.

Salvador zu Alberto: «Ich habe nur die Wahrheit gesagt. Vor dem Dreh hattest du versprochen, dass du clean bleibst.» Alberto geht «Du bist doch verrückt».

36.39 Salvador nun in T-Shirt (d.h. zu einer anderen Zeit), zerstampft Pillen (eine Montage aus zerstückelten Einstellungen, acht Bild-Fragmente) und trinkt den Medikamenten-Mix aus einem Glas (Einstellung zerschnitten in zwei Fragmente).

37.26 Salvador liegt auf dem Bett, reibt Schläfen, schaut nach der Zeit, schmeisst Buch weg (Einstellung in zwei Teile zerschnitten).

37.44 Küche in Salvadors Wohnung, die Haushälterin Maya und Mercedes. Mercedes «Er geht mir in letzter Zeit aus dem Weg». Maya «Er isst kaum und verschluckt sich oft.» Mercedes «Sag ihm, dass es dir nichts ausmacht, ihm die Schuhe zu binden. Die Schnürsenkel zu binden, ist für den Armen sicher schwierig.» «Er will das nicht, er schämt sich. Er tut mir leid, ich weiss nicht, was ich tun soll.» Mercedes «Wenn dir etwas Seltsames auffällt, dann ruf mich an.» «Senora Mercedes, hier ist alles seltsam.»

38.40 Ein Platz in der Stadt, eine Gruppe von Schwarzen. Aus einem Taxi steigt Salvador, kauft bei einem von ihnen Heroin. Im Hintergrund eine gewalttätige Szene. Polizei-Auto fährt vorbei.

40.27 Salvador auf dem Sofa liegend, weggetreten, die Nase reibend (offensichtlich nach Heroin-Konsum).

40.36 Heroin, Übergang zu einer Folge von Erinnerungen: Knabe Salvador sitzt draussen auf einer Treppe, liest in einem Buch. Ein Paar kommt vorbei «Er kann schon lesen. Kannst du auch schreiben – einen Brief an eine Tante?» Salvadors Mutter kommt dazu, vernimmt, dass der junge Mann Maurer ist, schlägt vor, Salvador werde ihm am Feierabend Schreiben und Rechnen beibringen. Eduardo, der junge Mann, soll dafür am Sonntag die Wohnung streichen. Den Brief wird ihr Sohn gratis schreiben.

ANMERKUNG: Bei einem Drogen-Trip würde sich eigentlich die Frage stellen, ob einer Erinnerung zu trauen sei, doch die Sachlichkeit der Darstellungen und die zeitliche Folge dieser filmischen Fragmente lassen keine solche Zweifel aufkommen.

*     *     *

41.59 Schnitt: Eduardo streicht eine Wand in der Höhlen-Wohnung, während er das Alphabet zu repetieren sucht, Salvador korrigiert ihn. Die Mutter steht am Herd, sagt «Wann ist die Spüle dran? Die Spüle ist dringender!» Die beiden kümmern sich nicht um sie.

*     *     *

42.52 Schnitt: Eduardo und Salvador sitzen am Tisch. Eduardo schreibt, Salvador korrigiert dessen Schreibhaltung. Die Mutter schaut skeptisch hin, während sie ein Kleidungsstück flickt. Grossaufnahme: Salvador führt Eduardos Hand – auch danach Hand auf Hand. Eduardo «Ich bin nervös.»

*     *     *

43.48 Schnitt: Mutter an Nähmaschine schaut zu den beiden. An der Wand eine Fotografie von ihr und ihrem Mann vor hängenden Trockenwürsten. Eduardo kann schon Sätze schreiben, die er halblaut vor sich hin sagt «… die eine heilige katholische und apostolische.» Er versteht den Inhalt nicht. Salvador erklärt den Sinn des Satzes, den man ihm in der Schule beigebracht zu haben scheint «'Spanien', was denn sonst.»

ANMERKUNG: Die Zeitsprünge zwischen den einzelnen Unterrichts-Sequenzen werden durch die verschiedenen Arbeiten verdeutlicht, bei denen die Mutter jeweils gezeigt wird. Und Eduardo hat von Mal zu Mal wesentlich dazu gelernt. Die Folge der vier Szenen scheint einen längeren Zeitraum zu umfassen.

ANMERKUNG: Die Fotografie des Ehepaars in der letzten dieser Szenen wirkt seltsam unmotiviert (und damit besonders bedeutungsvoll). Später im Film wird sich ein Bezug ergeben: Auf dem Nachttischchen von Salvadors alter Mutter steht eine Fotografie eines anderen Paares vor demselben Dekor, den hängenden Trockenwürsten (auf der Fotografie hier ist das Paar etwa gleich gross, auf der Fotografie, die 40 Minuten später zu sehen ist, ist die Frau wesentlich kleiner als der Mann.)

44.30 Wohnung Salvador, er sieht die Post durch, kulturelle Einladungen. Mercedes kommt mit einem Tablett mit Getränken aus der Küche. Sie macht Vorschläge, was er unternehmen könnte, sie würde ihn auch begleiten. Er lehnt alles ab. Und vom Arzt will er auch nichts wissen.

Sie erhält einen Anruf, steht auf, telefoniert länger. Er fühlt sich nicht beobachtet, nimmt eine Prise Heroin aus einem Kästchen. Mercedes wird sich von ihrem Freund trennen, sagt sie auf seine Frage. Wenn es ihm nichts ausmache, würde sie sich gerne weiterhin um sein Post kümmern. «Du musst etwas machen, hast zu viel Zeit, um an deine Leiden zu denken.» Salvador: «Ich würde keine Dreharbeit durchhalten. - Ich würde  auch gerne etwas tun. Aber du weisst genau, dass ich in diesem Zustand keine Dreharbeiten durchhalte. Und ohne das Filmen hat mein Leben keinen Sinn, aber so ist es eben.» Abschied an der Türe, Mercedes «Ruf mich an, wenn du etwas brauchst.» Mercedes gibt ihm Küsse auf die Wangen.

48.12 Salvador liegt im Bett, döst, ein Buch auf der Bettdecke. Es könnte eine Szene sein, die direkt an den Besuch von Mercedes anschliesst. (Noch mit der Wirkung des Heroins? Die folgende Erinnerungssequenz deutet darauf hin.)

48.15 Übergang zu einer Kindheits-Erinnerung: Am Tisch in der Wohnung: Der Knabe Salvador (Grossaufnahme), eine Besucherin in Schwarz und die Mutter. Die Besucherin sagt zu Salvador, die Mutter habe ihr erzählt, dass er mit neun Jahren schon Lehrer sei, schon einen Schüler habe. Salvador sagt, dass er gerne lerne und wenn er mehr wisse, könne er andern das beibringen. «Das nenne ich eine Berufung» sagt die 'Schwester'. Sie will sich beim Padre für seine Schulbildung einsetzen, sodass er in das Seminar aufgenommen wird. Als sie gegangen ist, flieht Salvador aus der Wohnung, Mutter folgt ihm. Er sitzt auf der hohen Treppe des Turmes von Paterna, will nicht Priester werden. Mutter «Wir sind arm, es ist nur für die Ausbildung, danach werden wir einen Ausweg, eine Arbeit finden. Sonst endest du wie dein Vater.» Er will hier bleiben. «Und was willst du hier machen, sich wie dein Vater auf dem Feld zu Tode schuften?» «Ich will kein Priester werden!»

ANMERKUNG: Das Seminar scheint an einem anderen Ort zu sein, was bedeuten würde, dass die Innenaufnahmen der Schulszenen an einem anderen Ort spielen werden (dessen Aussenansicht uns verborgen bleibt).

ANMERKUNG: Dass die Besucherin in Schwarz 'eine Betschwester' ist, wissen der kleine Salvador und seine Mutter. Doch das Kinopublikum erfährt das erst 40 Minuten später, aus dem Gespräch zwischen Salvador und seiner alten Mutter.

51.22 Salvador (Grossaufnahme) sitzt an seinem Arbeitstisch, liest in einem Buch. Eine Seite des Buches. Seine (Gedanken-)Stimme: «… ich sehe klar vor mir, wie ich mich von dem Leid erlösen könnte. Wenn ich nur die Kraft hätte, das wirklich zu wollen.» Er streicht den Text an.

ANMERKUNG: Selbstmord-Gedanken? Grund dafür, dass er in der folgenden Sequenz Alberto die Rechte an seinem Text 'Die Sucht' für eine Aufführung geben will? (Schnitt von Ursache zu Wirkung?)

51.38 Salvador steigt aus Taxi, läutet bei Alberto «Ich bins.» Alberto erscheint hinter dem Gitter des Eingangstors zum Garten «Hau ab. Ich rufe die Polizei!» «Du kriegst die Rechte für 'Die Sucht', habe den Text da.»

Alberto öffnet. Drinnen. Salvador gibt ihm den Text. Seinen Namen möchte Salvador nicht erwähnt haben «Entweder ein Pseudonym oder dein Name.» Der Text sei ein Geständnis, er wolle nicht erkannt werden. Alberto wird den Text gerne unter seinem eigenen Namen veröffentlichen.

Salvador «Für die Szene empfehle ich dir eine leere Bühne, nur eine hingestellte Leinwand auf der Szene, und ein Stuhl.»

ANMERKUNG: Hier also Salvadors Beschreibung der Szene, die wir seltsamerweise schon vor einiger Zeit als Albertos Fantasie gesehen haben.

Alberto küsst den überraschten Salvador auf den Mund, versenkt sich in den Text. Alberto «Fühl dich wie zu Hause. Es hat Zeitschriften aus den 80ern, auch eine mit dir drin, in Frauenkleidern – diese Phase hattest du schon vergessen.» Salvador «Gib mir etwas, gib mir die Adresse deines Dealers.» «Nicht notwendig», Alberto offeriert Salvador Heroin, doch selbst nimmt er nichts «Das Stück ist für mich lebenswichtig – dafür muss ich so clean sein wie möglich.» Alberto «Kommst du an die Vorstellung?» «Ich glaube nicht. Wenn du schlecht bist, wäre das schlimm. Und wenn du gut bist, ginge es mir noch schlechter.» Alberto liest, zitiert eine Zeile, die wir von früher kennen (aus der Szene, in der Alberto den Text ab dem Bildschirm von Salvadors Labtop las) «Im Kino meiner Kindheit riecht es immer nach Pisse...» Salvador «und Jasmin ...» Alberto «und Sommerwind.» Salvador verladen, döst.

56.26 (Theatersaal, Alberto, Probe.) Die leeren Sitze des Theaters. Die hingestellte Leinwand, ein Stuhl. Alberto tanzt zu Musik, stellt sie ab.

Eine Assistentin kommt nach vorn, trägt den Ghettoblaster weg. Alberto setzt sich auf den Stuhl, spricht: «In einer überfüllten Toilette habe ich Marcelo kennengelernt. Das war nicht das erste Mal, dass ich ihn sah. Aber an diesem Abend, als wir uns zufällig berührten, merkte ich, dass mir dieser Junge gefiel. Das ganze Wochenende verbrachten wir im Bett. Im Nu war ein Jahr vergangen. Einer konnte nicht mehr ohne den anderen leben. Das war 1981. Madrid gehörte uns.»

Die leeren Stuhlreihen im Theater. Alberto stehend: «Eines Tages kam mir Marcelo viel blasser vor als gewöhnlich. Er hatte in der letzten Zeit abgenommen. Er hatte Augenringe. Ich fragte ihn, ob er sich nicht gut fühle. Da gestand er mir, dass er angefangen hatte, mit Heroin zu experimentieren. Ich war überrascht, Ich hatte das noch nie probiert. Ich trank Alkohol und schnupfte Koks, so wie alle andern. Aber niemals Heroin. Ich ahnte, dass das nicht gut war. Es gefiel mir nicht. Ich war beschäftigt, schrieb immer nachts, machte in Musicals mit, sang in einer parodistischen Punkband und schrieb meinen ersten Film. Ich drehte ihn und er lief mit Erfolg. Ich schrieb und drehte den zweiten. Ich machte tausend Sachen und schlief nie. Marcelo siechte währenddessen auf dem Sofa vor sich hin oder schloss sich im Bad ein.»

58.45 Ein unbekannter Mann geht durch eine Strasse der Stadt – zuerst von hinten zu sehen, dann auch von vorn, sein Gesicht in Grossaufnahme, wendet sich Details in der Strasse zu, einem Balkon, einer Türe, Fenstern. (Später wird klar, dass dies 'Marcelo' ist). Er sieht den Eingang zum Theater 'Sala Mirador'. Dort das Plakat zur aktuellen Vorstellung 'Adicción'.

Zu dieser Szene war Albertos Sprache weiter zu hören: «Oder er ging an Orte, die ich nicht kannte. Ich lief nachts vom Bett zum Fenster und zurück und wartete auf das Geräusch der Tür.»

59.04 Wieder ist Alberto auf der Szene zu sehen (Nah): «Madrid war eine schwierige Arena geworden, wie die Stierkämpfer sagen. Also reisten wir ständig.»

Alberto ist nun von hinten zu sehen, vor ihm das Publikum des ausverkauften Theatersaals. (Erst jetzt wird der Wechsel von der Probe zur Aufführung sichtbar.) Innerhalb des Publikums auch 'Marcelo'. «Wir taten alles, um aus Madrid wegzukommen, die ersten Tage waren am schlimmsten. Ich kümmerte mich um Marcelo, der auf Entzug war.» (Marcelo nah. In Wirklich heisst er Federico, wie wir später erfahren werden.) «Und ich schrieb. Ich weiss nicht wie, aber ich schrieb. Alberto im Profil mit Publikum im Bild. «Marcelo war noch sehr jung, nach drei, vier Tagen ging es wieder. Danach stürzten wir uns ins Getümmel und hatten Spass wie kleine Kinder.» Alberto und Publikum.

Dann auf der Leinwand (die auf der Szene steht) Bilder von Menschen, die in einem Fluss ihr Wäsche wuschen. «Ich erinnere mich an die Elfenbeinküste. Muskulöse Jugendliche wuschen im Fluss ihre Kleider auf Autoreifen.

Der Malecón in Havanna. Am Tag oder am Abend. Die Altstadt von Havanna pulsierte im Rhythmus der Trommeln.» Auf der Leinwand Bilder von Havanna. Im Publikum 'Marcelo'. Alberto «Ich erinnere mich an Mexiko-City. Marcelo und ich waren betrunken. Chavela Vargas sang 'La noche de mi amor'. Das Lied wird eingespielt (Untertitel) «Ich will die Freude eines heimkehrenden Schiffes spüren. Tausende prachtvoller Glocken läuten ...» Alberto gibt ein Zeichen, die Einspielung wird angehalten.

Alberto sitzt nun auf dem Stuhl direkt vor dem Publikum, dann wieder in Nahaufnahme «Wir machten diese Reisen, um aus Madrid zu entkommen, um dem Heroin zu entkommen. Ich lernte dabei sehr viel. Auf diesen Reisen fand ich die Inspiration für die Geschichten, die ich Jahre später erzählte – die Farben, die sie erstrahlen liessen.» 'Marcelo' in Grossaufnahme, Alberto: «Aber wir konnten nicht unser Leben lang reisen. Früher oder später mussten wir nach Madrid zurück. Madrid war ein Minenfeld, eine Sackgasse. Ich war verzweifelt und hilflos. Ich konnte mich nur wiederholen. Wir beide haben uns drei Jahre lang wiederholt.»

Alberto und Publikum, Alberto gross «Ich dachte, meine Liebe könne seine Sucht besiegen. Aber so war es nicht. Liebe reicht nicht aus. Vielleicht kann Liebe Berge versetzen. Aber sie kann die Person, die man liebt, nicht retten.» 'Marcelo' gross, Alberto gross, er steht auf, geht zur Leinwand. «Vor der Weissen Wand, auf der die Filme meiner Kindheit gezeigt wurden, betete ich, dass den Darstellerinnen nichts passierte. Aber das klappte nicht. Nicht bei Natalie Wood und nicht bei Marilyn. Danach versuchte ich Marcelo und mich zu retten. Falls Marcelo gerettet wurde, war das weit weg von mir. - Ich blieb in Madrid. Und der Film rettete mich.» 'Marcelo' im Bild. Der Text endet, das Publikum beginnt zu klatschen. 'Marcelo' weint.

ANMERKUNG: Nach dem Ende des Textes von Alberto setzt das Bild mit dem Applaus des Publikums viel zu früh ein.

ANMERKUNG: Ich bin nicht besonders beindruckt von der Qualität des Textes von Salvador Mallo und der Interpretation durch Alberto. Interessant scheint mir, wie der Film einen Eindruck von dessen besonderer Qualität herstellt – ein ausverkaufter Theatersaal, gebannt zuhörende Zuschauer, begeisterter Applaus – Eindrücke, die wir uns im Kino in aller Selbstverständlichkeit zu eigen machen.
(Ein gängiger Kinofilm-Mechanismus. Ich erinnere mich an den Film «Youth». Gegen das Ende hin ein Konzert des Komponisten (einer der beiden zentralen Figuren des Films) – prunkvoller Konzertsaal, ein grosses Orchester, üppige symphonische Klänge, wie sie das Publikum zu erwarten scheint, entsprechend tosender Applaus. Im Kino wird sich kaum jemand fragen, ob die Musik den Applaus wert war – der Applaus steht für die Musik, steht für den Erfolg des Komponisten, ist Teil der filmischen Erzählung.)

1.02.50 Die Türe der Theatergarderobe, es klopft, «Herein!» 'Marcelo' tritt ein «Wir kennen uns von den Dreharbeiten von 'Sabor'. Ich bin Federico, der Marcelo dieses Monologs.» «Hat dir die Vorstellung gefallen?» «Ich weiss nicht, gefallen ist das falsche Wort. Es hat mich beeindruckt.» «Du hast geweint.» «Es scheint so.» «Du hast sicher viele Fragen.» «Lebt Salvador noch?»

1.03.55 Salvador liegt im Bett, liest in einem Buch. Das Telefon klingelt, er setzt sich auf «Wie ist es gelaufen?» Alberto «Hervorragend. Ausverkauft. - Heute war ein besonderer Zuschauer da. - Federico. Federico Delgado. Dein Marcelo. Er war danach bei mir in der Garderobe.» «Hat er den Text erkannt?» «Jedes Wort. Er wollte deine Telefonnummer und deine Adresse.» «Sonst hast du ihm nichts verraten?» «Nein, dass du Folien rauchst, habe ich nicht erwähnt.» «Danke. Irgendwann komme ich dich besuchen.»

Salvador sitzt auf dem Bett. Das Telefon klingelt. Auf dem Smartphone erscheint zur Anrufadresse 'Argentina'. Er nimmt ab, wir sehen ihn im Glas eines Bilds gespiegelt. «Salvador? Bist dus? Ich hätte dich nicht wiedererkannt. Hier ist Federico.» «Federico.» «Ich bin in Madrid.» «Was machst du hier?» «Ich muss zu einem Anwalt, wegen einer Erbschaft. Morgen Abend fliege ich wieder. Würde dich gerne sehen.» «Ich dich auch, aber ich war schon im Bett. Können wir uns morgen sehen?» «Passt es dir am Mittag? Nachmittags muss ich zum Anwalt. Ich habe dich gar nicht gefragt, wies dir geht.» «Ich bin alt.» «Nur fünf Jahre älter als ich.» «Wie geht es dir?» Federico draussen in einer nächtlichen Strasse «Jetzt schon wieder besser. Als ich rauskam, war ich fix und fertig. Ich habe «Die Sucht» gesehen.» «Woher hast du gewusst, dass das gespielt wird?» «Zufall, ich bin durch die alte Strasse spaziert. Ich stand auch vor unserem Haus.» «Verstehe, und das Theater ist um die Ecke.» «Ich bin rein, um mir die Zeit zu vertreiben und weil ich mich an Alberto Crespo erinnerte, von 'Sabor'. - Ich weiss nicht, wie ich dich um Verzeihung bitten soll, ich wusste nicht, wie du dich gefühlt hast. Und wie du gelitten hast.» «Du musst mich nicht um Verzeihung bitten, ich habe nichts getan, was ich nicht selbst wollte. - Hör mal, nach all dem kann ich sowieso nicht schlafen. Gib mir zwanzig Minuten zum Duschen. Dann kannst du zu mir kommen.»

Salvador geht zum Schrank, nimmt das Kästchen mit dem Heroin heraus. Macht die Zigarette feucht, zögert, bläst das Heroin weg, das er vorbereitet hatte. Zieht die Schlupfschuhe mit dem langen Schuhlöffel an.

Es läutet. Gegensprechanlage, Türöffner. Salvador öffnet die Wohnungstüre, wartet auf die Ankunft des Lifts. Herzliche Umarmung Federico und Salvador. Drinnen «Was möchtest du trinken?» «Tequila, zu Ehren von Chavela. Als sie in deinem Monolog vorkam, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten.»

Küche. Salvador schenkt ein «Zur Feier unseres Wiedersehens.» «Wo wohnst du?» «In Buenos Aires.» «Hattest du da nicht einen Onkel?» «Ja, 1985 bin ich dort hingegangen.» Anstossen, trinken.

Schnitt: In Sesseln im Wohnraum. «Nach unserer Trennung war ich ein Jahr bei meinen Eltern. Damals wurde noch kein Heroin nach Argentinien geschmuggelt. Ich ging zu meinem Onkel, um in seinem Restaurant zu arbeiten. Heroin gab es dort nicht. So kam ich am besten davon los.

Ich habe meine Frau Lucrecia kennengelernt. Wir haben geheiratet. Ich habe zwei erwachsene Kinder, zwei grosse Söhne, ein eigenes Restaurant. Ich bin zum ersten Mal in Madrid. Es stimmt, was du geschrieben hast, Madrid ist eine schwierige Arena für mich geworden. Schade, dass du gerade hier lebst.» «Ich habe Madrid gebraucht. Ich habe auch dich gebraucht. Aber nicht unter diesen Bedingungen.» «Liebe reicht nicht aus, um die Person zu retten, die man liebt.» Salvador: «Lass uns nicht über meinen Monolog reden, der ist sehr traurig.» «Es hat mich beruhigt, dass du dich in der Zeit mit mir dennoch als Autor und als Filmemacher weiterentwickelt hast. - Stimmt das wirklich?» «Du hast mich nicht gebremst Federico. Ganz im Gegenteil. Du hast mein Leben erfüllt, wie es bis heute niemand sonst konnte.» Federico «Deinen Werdegang habe ich verfolgt. Und ich habe mich gefreut, wenn ich uns in einer Szene wiedererkannt habe. Jeder einzelne Film war ein Ereignis in meinem Leben. Ich war stolz auf deinen weltweiten Erfolg. Du bist der einzige spanische Regisseur, den meine Familie kennt.» Salvador «Deine neue Familie.» «Meine Frau Lucrecia – was rede ich, meine Ex-Frau – wir trennen uns. Sie weiss davon. Nicht dass du das warst. Sie weiss, dass ich in Madrid mit einem Mann zusammen war. Und einem Sohn habe ich es erzählt, um ihn zu ermutigen. Ihm werde ich sagen, dass du es warst. Er liebt Filme, das würde er mir nie verzeihen.» Salvador: «Bist du in einer Beziehung?» «Ja, und du?» «Nein.» Salvador: «Mann oder Frau?» «Frau. – Du warst mein einziger Mann.» Federico zeigt Fotos seiner Söhne, spricht von künftigen Besuchen. Er hält Salvadors Arm, sucht den Körperkontakt zu ihm.

Schnitt: An der Wohnungstüre, Abschied. Sie küssen sich leidenschaftlich. Federico: «Soll ich bleiben und mit dir schlafen?» «Das wäre schön, aber wir beenden unsere Geschichte, wie es Gott wollte. - Auf jeden Fall freue ich mich, zu sehen, dass du mich noch begehrst.» Federico: «Aber denk daran, du hast versprochen, mich in Buenos Aires zu besuchen.» Federico am Lift. Salvador: «Gute Reise. Danke, dass du gekommen bist.» Lifttüre schliesst sich. Die Wohnungstüre schliesst sich hinter Salvador. Er eilt zum Schrank, nimmt sein Heroin-Kästchen heraus, öffnet einen Umschlag, zögert, wirft ihn in die Toilette, spült.

Schnitt: Er zerklopft seine Pillen. Während dessen wählt er eine Verbindung auf seinem Mobil-Telefon, macht einen Kunststoff-Beutel bereit, um die Medikamente hinein zu füllen.

Schwarzfilm (18 Kader).

ANMERKUNG - Montage-Notlösung: Die Andeutung einer nächtlichen Zwischenzeit, damit weniger der seltsame Eindruck entsteht, Mercedes hätte schon mit dem Telefon in der Hand bei Licht im Bett gesessen.
Wenn der Film sieben Sekunden länger bei Salvadors Szene geblieben wäre, hätte die Zeit gereicht, damit Mercedes das Licht einschalten und das Telefon hätte abnehmen können. Doch Almodóvar scheint die zeitliche Verdichtung wichtiger gewesen zu sein.

Die Nachttischlampe brennt, Mercedes hat das Telefon abgenommen, setzt sich im Bett auf «Salvador?». Er: «Ich möchte so schnell wie möglich zu Dr. Galindo.» «Was hast du genommen?» «Beruhigungsmittel und Tequila. Jetzt Schmerzmittel in einem Joghurtdrink.» Während er spricht, zerhackt er weiter Pillen. Mercedes fragt, ob er zu einem Gastroenterologen möchte. Salvador «In Ordnung.» Er leert das Medikamentenpulver ins Glas.

ANMERKUNG: Salvador hat sich damit abgefunden, doch wieder den Arzt aufzusuchen. Doch Mercedes spricht von einer Anmeldung bei einem Gastroenterologen und Salvador sagt zu. (Es scheint ihm entgangen zu sein, dass sie nicht von Dr. Galindo sprach.)

Wenn nun eine Szene bei Dr. Galindo folgt, wird auch vielen Zuschauern entgehen, dass Mercedes am Telefon von einer Konsultation bei einem Gastroenterologen gesprochen hatte. Erst am Ende ihres Gesprächs mit Dr. Galindo, spricht sie diese Konsultation an (die der Film übersprungen hat).

1.16.33 Wartezimmer: Salvador und Mercedes sitzen nebeneinander. Hinter ihnen eine Foto-Tapete mit Naturabbildung. Salvadors Blick nach oben: Auch an der Decke eine Fotografie, ein Blütenzweig vor blauem Himmel. - Die Assistentin ruft Salvador auf.

Eintreten, an der Türe ein Schild 'Unidad del Dolor, Dr. Galindo'.

Sie sitzen dem Arzt gegenüber. Salvador «Die Rückenschmerzen bringen mich um.» Arzt «Ich verschreibe ein anderes Schmerzmittel. Warum kommen sie erst jetzt?» «Habe mit Heroin angefangen.» «Wollen Sie weitermachen?» «Nein, darum bin ich hier. Nehme Medikamente gegen Asthma, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit. Sollte Medikamente haben für Migräne, Rücken, Kopfschmerzen. Der Rücken, lähmt mich komplett.» Arzt «Haben Sie ein Projekt?» «Ja, ich verbessere meine Lebensqualität.» «Ich meinte Arbeit, ein Filmprojekt.» Salvador «Arbeit würde gut tun, ich denke jeden Tag daran. Bin nicht in der Lage für Dreharbeiten. - Meine Mutter ist vor vier Jahren gestorben. Zwei Jahre danach die Rücken-Operation. Von beidem habe ich mich nicht erholt. Brauche ihre Hilfe.» - Salvador «Muss die Beine etwas vertreten.» Geht hinaus, lässt Mercedes mit dem Arzt allein. Mercedes: «Da ist noch etwas. Er verschluckt sich, ist fast an Wasser erstickt. Ein Gastroenterologe hat eine Endoskopie gemacht – eine Geschwulst drückt auf die Speiseröhre.» «Weiss er von diesem Ergebnis?» «Nein, sie schicken ihn zum MRT, um das abzuklären. Der Gastroenterologe sagt, es könnte ein Tumor sein. – Was soll ich tun?» Arzt «Ersparen Sie ihm zwei Tage Panik.»

1.21.14 Auf einem Nachttischchen ein Rosenkranz, ein Bild von San Antonio. Und zwei Fotografien - eine junge Frau (wer?) - ein Paar, Salvadors Mutter mit ihrem Ehemann (auffallend ist, dass die Frau wesentlich kleiner ist als ihr Mann).

ANMERKUNG: Auf den Erinnerungsbildern vom Einzug der Eltern in Paterna sahen wir, dass Salvadors Eltern eine ähnliche Grösse hatten. Soll über diese Fotografie hier noch deutlicher werden, dass Salvadors Kindheitserinnerung an seine Mutter keine Ähnlichkeit mit seiner alten Mutter hat?

Schnitt (innerhalb derselben Szene): Mercedes richtet das Bett. Salvador sitzt in einem Sessel dabei «Gibst du mir das Kästchen?» Mercedes gibt ihm ein Kästchen, sagt «Es rührt mich, dass ich im Zimmer deiner Mutter wohnen darf.»

ANMERKUNG: Von Mercedes einer dieser Dialog-Sätze, die nur da sind, um dem Publikum Informationen zu geben. (Es ist vereinbart, dass Mercedes in nächster Zeit hier wohnen kann. Und: Es war das Zimmer von Salvadors Mutter in Madrid.)

Er öffnet das Kästchen, schaut hinein. Wir wissen nicht, was er sieht; erst in seiner nun folgenden Erinnerung an das Zusammensein mit seiner alten Mutter, werden wir sehen, was darin ist, was sie ergreifen wird.

ANMERKUNG: Salvador hatte in den vergangenen Monaten Erinnerungen an seine Kindheit. Diese Erinnerungsbilder sind das Einzige, was wir von Salvadors Kindheit kennen. Seltsam: Auf diesen Erinnerungs-Bildern fallen uns die misstrauischen Blicke der Mutter auf, ihn und Eduardo beobachtend. Doch wie die Bilder auch zeigen, bemerkt Klein-Salvador diese Blicke der Mutter nicht. Wie kann er von etwas wissen, das er nicht bemerkt zu haben scheint – wie die Bilder doch zeigen.

Erst vor vier Jahren, kurze Zeit bevor seine Mutter starb, hatten sich Gespräche zwischen ihm und seiner Mutter ergeben, die ein zusätzliches Licht auf ihre Beziehung warfen (und - ohne konkret zu werden – auf seine Homosexualität).

*     *     *

Übergang zu einer Erinnerung von Salvador: Als Mercedes sagte 'Es rührt mich, dass ich im Zimmer deiner Mutter wohnen darf' erinnert er sich an das Zusammensein mit seiner Mutter in diesem Zimmer.

1.21.43

In der vorangehenden Szene mit Mercedes war die Zimmertüre nicht im Bild. Nun eine Einstellung der Türe.

Salvador kommt zu dieser Türe herein, trägt ein Tablett «Etwas Süsses zu deiner Milch.» Die Kamera schwenkt mit ihm zum Sessel, in dem jetzt seine alte Mutter sitzt. Sie hat nun das Kästchen auf dem Schoss.

Mutter «Die Törtchen sind schwarz, die mag ich nicht.» Salvador «Das ist Vollkorn.» «Irgendwann stellst du mir einen Teller mit Sprossen hin, weil sie gut für mein Herz sein sollen.» «Trinkst du wenigstens die Milch? Versuch es.»

ANMERKUNG: In Salvadors Erinnerungen an die Reise mit seiner Mutter nach Paterna, an das Übernachten auf dem Bahnhof, hatte die Mutter einen seiner Socken mit Hilfe dieses Stopf-Eis geflickt (auch dort eine Gross-Aufnahme davon).

1.24.04 Küche, Salvador sitzend «Ich denke viel an sie.» Mercedes rüstet etwas «Du sagst zum ersten Mal, dass du den Tod deiner Mutter nicht verarbeitet hast.» Salvador «Ich denke viel an meine Kindheit. Wenn ich döse, und das mache ich fast immer, denke ich an meine Mutter und an meine Kindheit.» «In deinen Filmen kommt sie oder deine Kindheit nie vor.» «Das hätte ihr nicht gefallen, bei einem meiner letzten Besuche im Krankenhaus hat sie es mir gesagt.»

Der letzte Satz von Salvador wird zur Überleitung zum Gespräch in der folgenden Erinnerung.

1.24.32

Erinnerung von Salvador an das Zusammensein mit seiner alten Mutter. Sie sitzt in einem Sessel neben dem Spitalbett. Salvador sitzt daneben, er streicht über ihre Beine «Du hast so glatte Beine, Mama.» «Das liegt in der Familie. Bei uns hat niemand Krampfadern. Schade für dich.» Salvador «Schade?» «Du wirst es schwer haben, wenn du alt wirst.» «Wieso?» «Du kommst nach der Familie deines Vaters.» «Also wirklich Mama, worüber du alles nachdenkst – erzähl lieber, wie du geschlafen hast.»

*     *     *

1.27.26

Schnitt: Erinnerung von Salvador an das Zusammensein mit seiner alten Mutter, vor vier Jahren, in seiner Wohnung – vier Sequenzen vom selben Tag. Zuerst in der Küche. Salvador «Komm, wir haben uns heute noch nicht bewegt.» «Warum bewegen? Wohin?» «In den Flur.» Sie steht auf, er reicht ihr den Arm, gibt ihr den Stock. Er öffnet die Schiebetüre «Schön langsam.»

Schnitt: Die Beiden im Flur langsam gehend. Mutter «Du warst kein guter Sohn, mein Junge.» «Nicht?» «Nein – du hast mir nie verziehen, dass ich mich an die Betschwester gewandt habe. Dafür hast du dich an mir gerächt. Ich wollte doch auch nicht, dass du auf die Priesterschule gehst, aber wir waren arme Leute.» Salvador «Natürlich wollte ich da nicht hin, aber dass ich mich an dir rächen wollte? Wie kommst du denn auf so etwas?»

Schnitt: Sie haben sich in Sessel gesetzt. Mutter «Nach dem Abschluss bist du nach Madrid gegangen. Und nach dem Tod deines Vaters habe ich dich gefragt, was du davon hältst, wenn ich zu dir ziehe. Da hast du gekniffen und gesagt, du könntest das Leben, das du führen würdest, unmöglich mit deiner Mutter teilen.» Salvador «Das stimmte auch, aber nicht so, wie du es verstanden hast.» Mutter «Ich habe genau verstanden. Weisst du, meine Beine wollen nicht mehr, aber der Kopf funktioniert noch hervorragend.» Salvador «Wenn ich nicht auf Reisen war, habe ich gedreht – du hättest diese Einsamkeit in einer Wohnung in Madrid nicht ertragen, das war kein Leben für dich.» Mutter «Ich hätte mich um dich gekümmert und mit dem anderen hätte ich mich arrangiert, aber du wolltest nicht. Das hat mir weh getan.» «Mama, es tut mir leid, dass ich nie der Sohn war, den du dir gewünscht hast. Und wenn du gesagt hast 'Woher der Junge das wohl hat?' dann klang das nicht, als ob du stolz wärst. Und das habe ich auch empfunden.» Beide schweigen.

*     *     *

Schnitt: Nacht. Wieder das Zimmer, in dem die Erinnerungen an seine alte Mutter begannen, wo sie im Sessel sass, er ihr die Milch brachte. Die Mutter im Bett, Salvador sitzt auf dem Bett.

1.30.59 Küche, Fortsetzung der vorangegangenen Szene von Salvador und Mercedes – Fortsetzung ihres Gesprächs. Salvador (Gross) «Ich konnte ihr den Wunsch nicht erfüllen, am nächsten Tag musste ich sie ins Spital einliefern.» Mercedes «Du hast getan, was du tun konntest.» Die beiden sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Salvador «Die Arme starb auf der Intensivstation im Spital. Ganz allein.»

1.31.28 Salvador sitzt neben Mercedes in einem Wartezimmer. Sie schaut seine Post durch. Eine Einladung nach Island, gut bezahlt – interessiert ihn nicht. Anfrage des Guggenheim-Museums, ob er seine Gemälde für eine Ausstellung ausleihen würde – er kann nicht ohne die Bilder sein. Einladung einer kleinen Galerie 'Volkstümliche Kunst', «Das Bild hat mir gefallen» sagt Mercedes.

Er sieht die Einladungskarte an. Das Bild in seiner Hand – eine kolorierte Zeichnung: Der neunjährige Knabe Salvador in einem Buch lesend. Eduardo hatte gesagt, er werde sie zuhause fertig machen. Zur Zeichnung des lesenden Knaben eine Stimme: «Salvatore Mallo». Es ist die Stimme der Arzt-Assistentin, die den nächsten Patienten aufruft. Er steht auf.

Zur Überleitung: Die überraschende Begegnung mit der Zeichnung von damals wird Salvadors nächste Erinnerung prägen.

1.31.59 Die MRT-Untersuchung. Anweisungen an Salvador, wie er sich hinlegen soll. Dann wird die Liege in die richtige Stellung und Höhe gefahren. Eine Grossaufnahme von Salvador, während er in die MRT-Röhre gefahren wird –

1.32.28 wird zum Übergang zu einer seiner Erinnerungen: In der Höhlen-Wohnung, der Knabe Salvador in einem Buch lesend, wie wir ihn auf der Zeichnung gesehen haben. Musik im Hintergrund (könnte von einem Radio stammen), Gesang, Mina 'Come sinfonia'.

Eduardo setzt die letzte Platte in die Küchenwand ein. Er fragt, wann die Mutter zurückkommen werde. Salvador «Auf Mittag, wenn sie bei der Schwester näht, bleibt sie immer den ganzen Morgen.»

Eduardo nimmt die angefangene Zeichnung, setzt sich Salvador gegenüber, korrigiert dessen Haltung, die Art wie er das Buch hält. Eduardo zeichnet.

Eduardo zeigt Salvador die Bleistift-Zeichnung, sagt, er werde sie zu Hause fertig machen. Eduardo ist schmutzig von der Arbeit «Kann ich mich waschen?» Er stellt einen Zuber mit Wasser für sich bereit. Salvador gibt ihm die Seife, zieht sich zurück, legt sich auf das Bett. (Der Ton des Radios wird unauffällig ausgeblendet).

ANMERKUNG: Das Ausblenden einer Musik während einer Szene deutet eigentlich darauf hin, dass die Musik kein Originalton war, dass der Ton nicht von einem Radio stammen konnte. Doch vielleicht ging man bei der Tonmischung davon aus, dass es niemand merken würde, denn etwas später wollte man ja in die Stille eine Filmmusik einsetzen – verbunden mit dem zu Boden sinkenden Knaben bis zum Blick der Mutter auf die Zeichnung ihres lesenden Sohnes.

Eduardo zieht sich aus. Salvador öffnet die Augen ein wenig, sieht Eduardo nackt.

Später bittet Eduardo um ein Tuch zum Abtrocknen. Salvador holt ein Tuch, hat den nackten Eduardo vor sich, lässt das Tuch fallen, sinkt zu Boden.

Schnitt: Eduardo (wieder angezogen) trägt Salvador zum Bett und legt ihn hin. «Du könntest einen Sonnenstich haben.» Kurz darauf kommt die Mutter herein, blickt misstrauisch auf die Beiden. Eduardo schildert ihr das Geschehen «Ich habe an der Küchenwand Platten angebracht, da ist er umgekippt, habe ihn hingelegt.» Salvador «Mir war schwindlig.» Die Mutter sagt, der Vater hätte doch hier sein sollen – sei wohl in der Kneipe. Zu Eduardo sagt sie, er hätte sich auch zu Hause waschen können, jetzt sei das Wasser im Zuber schmutzig. Eduardo geht frisches Wasser holen.

Die Mutter sieht Eduardo nach, schaut die Zeichnung an, die Eduardo von Salvador gemacht hat.

ANMERKUNG: Eduardo hat der Mutter das Geschehen etwas unverfänglicher geschildert, als es sich ereignet hatte. Und Klein-Salvador hat auch seinen Teil zu dieser Art der Schilderung beigetragen. Komplizen.

1.37.55 Salvador und Mercedes sitzen einer Ärztin gegenüber. Die Ärztin: «Sie können beruhigt sein, es ist kein Tumor.» Sie erklärt, dass es sich um eine Wucherung eines Knochens handelt, die mit einer ungefährlichen Operation entfernt werden kann.

1.39.00 Aussen: Salvador und Mercedes gehen auf eine Galerie zu, die Schrift 'Arte Popular'.

Innen: Salvador vor dem Bild des lesenden Knaben Salvador. Der Galerist tritt hinzu. Salvador möchte das Bild kaufen «Von wem ist es?» Der Galerist: «Unbekannte Herkunft, unsigniert, vom Flohmarkt in Barcelona. Doch auf der Rückseite steht etwas.» Umdrehen des Bildes, auf der Rückseite ein langer handschriftlicher Text.

ANMERKUNG: Mercedes scheint hier nicht zu erfahren, dass dies ein Bild des Knaben Salvador ist. Schliesslich kauft Salvador immer wieder mal ein Bild.

1.39.56 Im Auto, Mercedes fährt, Salvador liest den Text auf der Rückseite des Bildes, seine (Gedanken-)Stimme: «Lieber Salvador, ich schicke dir das Bild nach Hause, weil ich die Adresse der Schule nicht habe. Ich freue mich, dir schreiben zu können, du hast es mir beigebracht. Ich bin dir dankbar. Ich arbeite im Laden von Conchitas Onkel. Ich kann gut mit Zahlen umgehen, das verdanke ich dir. Hier ist es schön, aber ich vermisse die Höhlen. Und dich ganz besonders. Wenn ich schreibe, denke ich daran, wie du meine Hand hältst. Du lernst sicher viel in der Schule. Du liest viele Bücher und schaust viele Filme.

Hier ist meine Adresse in Bilbao, Dein Schüler Eduardo.»

Im Bild die Adresse.

ANMERKUNG: Mercedes lernt hier den Inhalt des Briefes nicht kennen, denn am Lesen des Textes durch die (Gedanken-)Stimme kann ja nur das Kino-Publikum teilhaben.
Dürfen wir annehmen, dass Salvador ihr in der Folge vom Inhalt des Briefes erzählen wird – ausserhalb der Szenen, die wir zu sehen bekommen werden?

Salvador wischt die feuchten Augen. Mercedes schaut zu ihm, doch er sagt nichts. Auf diesem Bild setzt das Lied vom Radio ein, das uns von der Kindheits-Erinnerung bekannt ist, in der Klein-Salvador liest und Eduardo ihn zeichnet – 'Come sinfonia' in die nächste Szene hinüberführend (Ton-Übergang).

1.40.46 Ein langsamer vertikaler Schwenk über das Bild des lesenden Knaben (jetzt auf Salvadors Arbeitstisch stehend). Dazu ist das Tippen auf einem Labtop zu hören. Und während der ganzen Szene leise das Lied, das vom Radio zu hören war, doch jetzt liegt ein Smartphone auf dem Tisch; darauf das schwarzweisse Bild der Sängerin in einer Hängematte. Der Gesang während der ganzen Szene.

ANMERKUNG: Das Lied erschien als ein Teil von Salvadors Kindheits-Erinnerung, doch nun scheint es, dass sich Salvador eine Bild-Ton-Aufnahme davon besorgt hat.

Grossaufnahmen: Salvadors Hände tippend, sein Gesicht konzentriert, und wieder Hände tippend. Mercedes kommt hinzu, freut sich, dass er wieder am Arbeiten ist, sagt «In einer halben Stunde musst du dich anziehen.» Er nickt «Sag mir kurz vorher Bescheid», ist ins Schreiben vertieft. Am Ende dieser Sequenz eine der von ihm geschriebenen Zeilen in Grossaufnahme, versale Schrift, der Titel seines Textes auf dem Bildschirm: EL PRIMER DESEO (DIE ERSTE BEGIERDE.) Zu dieser Titelschrift wird der Gesang besonders laut «lassù sento gli angeli che cantano per noi ...» und führt hinüber zur nächsten Szene.

ANMERKUNG: Das Lied während dieser Zeile penetrant laut – keine Hemmung vor Kitsch.
«Dort höre ich die Engel für uns singen.» (sentire: hören, fühlen, empfinden).

1.41.41 Ton-Übergang: das Lied führt hinüber in die nächste Szene. Salvador im Auto im Profil. Mercedes fährt «Was ist mit dem Bild?» Das Lied wird ausgeblendet, bevor Salvador antwortet. (Vielleicht kennt Mercedes den Inhalt von Eduardos Brief nicht; doch dass es ein Bild aus Salvadors Kindheit ist, scheint sie wohl von ihm erfahren zu haben.) «Eduardo hat es nach Paterna geschickt. Mutter muss es erhalten haben. Ich war im Priesterseminar. Sie hat es mir nicht geschickt, hat nichts gesagt.» Mercedes: «Willst du ihn suchen?» «Eduardo?» «Im Internet könnte das einfach sein. Oder erkundige dich in Paterna.» «Fünfzig Jahre danach?» - Salvador: «Das ist eine gute Geschichte. Vielleicht schreibe ich sie auf. Aber ihn suchen, das wäre verrückt.» Mercedes: «Wie kam wohl das Bild nach Barcelona?» «Keine Ahnung. Zufall. Hauptsache, es hat seinen Empfänger erreicht.» Mercedes schaut schweigend zu ihm. (Fahrt zur Operation.)

ANMERKUNG: Im Nachhinein erfahren wir hier, dass Salvadors Mutter von diesem Brief wusste, als sie vor vier Jahren mit Salvador sprach und die Homosexualität unausgesprochenes Thema war. (Doch wir wissen auch, dass sie den Brief nicht vernichtet hat.)

1.42.34 Grüner Operations-Vorraum. Salvador wird von einer Roll-Liege auf die Operations- Liege gehoben, die Infusion ist schon angeschlossen. Dr. Galindo «Alles gut?» Salvador «Ich schreibe wieder.» Arzt «Drama oder Komödie?» Salvador eindösend «Weiss ich noch nicht.»

Narkose, Salvador schliesst die Augen. Übergang zu einer Erinnerung:

1.44.01 Nacht, Feuerwerk.

Der kleine Salvador steht draussen an der Wand des Bahnhofs, schaut das Feuerwerk an, strahlend, staunend (Lichtreflexe auf seinem Gesicht).

Schnitt: Raum im Bahnhofsgebäude, den wir vom Anfang des Films kennen. Klein-Salvador und seine Mutter legen sich zum Schlafen hin. Salvador: «Gibt es ein Kino in Paterna?» Mutter: «Ein Dach über dem Kopf würde mir genügen.»

Salvador dreht sich zum Schlafen zur Wand. (Klein-Salvador hat Träume – die Mutter macht sich Gedanken um das Konkrete, das auf sie zukommen wird.)

Während diesem Dialog hat unauffällig ein langsamer Rückwärts-Travelling begonnen, wodurch sich die Bedeutung des Bildes verändert hat – was Kindheits-Erinnerung war, wird Gegenwart, wird zur Inszenierung einer Spielfilm-Szene, wird zur Realisierung des Films über Salvadors Kindheit. (Und somit an Stelle der fetten Schrift der Erinnerung die magere Schrift der Gegenwart.)

Durch den Rückwärts-Travelling hat sich ein totalerer Bildausschnitt ergeben, sichtbar wurde die Tonassistentin mit der Ton-Angel, im Vordergrund des Bildes die Travelling-Schienen. Aus dem, was als Erinnerung wahrgenommen wurde, ist die Aufnahme einer Szene für den Film «El primer Deseo» geworden.

1.44.37 Der Regisseur Salvador Mallo (60) nimmt seine Kopfhörer ab, sagt «Cut!»

1.44.43 Eine Assistentin kommt ins Bild von Mutter und Sohn und schlägt die Klappe «El primer Deseo», sagt: 38,5, erste Szene, letzte Klappe.

ANMERKUNG: Natürlich ist es nicht an ihr, zu bestimmen, dass dies die letzte Klappe ist; doch am Ende eines Films macht es sich halt gut, wenn das Gefühl vermittelt wird, es sei etwas zu einem Abschluss gekommen.

Musik hat eingesetzt (sie wird in den Nachspann hinüberführen).

Die Darstellerin der Mutter wendet sich mit einer Geste an den Darsteller ihres kleinen Sohnes «Kannst dich wieder umdrehen, es ist vorbei.» Ihr Ausdruck «Das haben wir gut gemacht.»

Unauffällig geht das Filmbild in eine Standkopierung über – kurz darauf eine Abblendung ins Schwarz.

ANMERKUNG: Der Übergang zur Standkopierung ist sehr sanft, vom Publikum kaum wahrzunehmen, trotzdem kann die Frage nach dem Warum von Interesse sein.

Auf dem Standbild gibt es keine Bewegung, sodass während der Abblendung kein Ansatz zu einer Handlung zu sehen ist, die sich danach fortsetzen könnte.

Durch dieses Anhalten der Handlung wird vermieden, dass sich das Publikum Gedanken zum weiteren Verhalten der Protagonisten, über einen möglichen Fortgang der Geschichte zu machen beginnt.

Der Autor hat alles gesagt, was er sagen wollte, es darf nichts geben, das auf ein Danach hindeuten könnte.

1.45.10 Nachspann.

1.48.55 Ende des Nachspanns. (Dauer des Films ab dem Beginn der DVD-Titel berechnet.)

Anmerkungen rund um die letzte
Kindheits-Erinnerung im Film.

Fiktion und Thematisierung des Fiktiven –
der Film «Dolor y Gloria»
und der Film im Film «El primer Deseo».

Mit dem Rückwarts-Travelling wird sichtbar, dass diese Salvador-Erinnerung eine inszenierte Szene für den Film «El primer Deseo» von Salvador Mallo war.

Und auch all die 'Erinnerungen' davor?

Bei einem Spielfilm, der sich an die Konventionen des Genres hält, mag es etwas seltsam sein, wenn ich einen Unterschied zwischen den 'echten' Erinnerungen und den inszenierten Kindheits-Szenen mache, denn offensichtlich ist ja beides gespielt, in Szene gesetzt. So kann es nur darum gehen, ob etwas in der üblichen Form des Spielfilms daherkommt oder ob das Fiktive durch eine besondere Form der Darstellung als solches thematisiert ist.

Thematisiert wurde es, wenn der Film in der Gegenüberstellung der jungen mit der alten Mutter deutlich machte, dass da etwas mit der Identität der Personen nicht stimmt. Auf den Fotografien die junge Mutter etwa gleich gross wie ihr Mann, die alte Mutter wesentlich kleiner als ihr Mann. Im Film drängt sich der Vergleich nicht besonders auf, denn die beiden Aufnahmen liegen 40 Minuten auseinander.

Allerdings erschien mir die Mutter der Kindheitserinnerungen gleich als eine Fehlbesetzung – die Darstellerin Penélope Cruz als Spekulation auf einen Kassenerfolg eingesetzt? im Besonderen für die Almodóvar-Fans? Oder eingesetzt um den fiktiven Charakter der Kindheits-Szenen zu betonen – wo Penélope Cruz auftritt, kann es sich nur um einen klassischen Film aus der Almodóvar-Küche handeln? Schon in der ersten Erinnerungs-Szene (Wäscherinnen am Fluss) tritt der Unterschied zwischen dem Star und den andern drei Wäscherinnen extrem hervor.

Und ein witziges Spiel mit der Fiktion – oder unfreiwilliger Humor? – wenn die Mutter eine Socke von Klein-Salvador stopft. Er (der Schauspieler-Fotos sammelt) fragt sie, ob Liz Taylor auch die Socken von Robert Taylor flickt. Die Mutter antwortet: «Auf Fotos sieht die nicht aus, wie eine, der Socken-Stopfen Spass macht.» Auch Penélope Cruz wirkt nicht auf mich, als ob ihr Socken-Stopfen Spass machen würde.

*     *     *

Nachdem die Klappe zur letzten 'Erinnerungs-Szene' geschlagen war, traten die Darstellerin der Mutter und der Darsteller von Klein-Salvador aus ihren Rollen heraus und sie brachte gegenüber dem Darsteller ihres kleinen Sohnes zum Ausdruck, dass ihr Zusammenspiel gut gelungen war.

Wenn ich schreibe, die beiden Darsteller seien aus ihren Rollen herausgetreten, ist das etwas naiv, denn sie sind nur aus den Rollen von Mutter und Sohn herausgetreten und wir sehen sie nun als Darstellerin und Darsteller – auch dies wieder Rollen – sie sind immer noch in einem Spielfilm. Bisher hatten die beiden auf Anweisung von Salvador Mallo ihre Rollen für den Film «El primer Deseo» gespielt (dies jedenfalls die filmische Fiktion). Nach dem Heraustreten aus den Rollen von Mutter und Sohn spielen sie nun nach den Anweisungen von Almodóvar für den Film «Dolor y Gloria».

Auch dies ein Grund, die Schluss-Szene mit den beiden Darstellern einzufrieren – ihr Handeln anzuhalten, um dann das unbewegte Bild in der Abblendung entschwinden zu lassen, damit wir bis zuletzt in der Fiktion des Kinofilms aufgehoben sind.

Anmerkungen zum Ganzen des Films.

Filmmusik.

Im Protokoll des Films habe ich die Einsätze der Filmmusik nicht eingetragen. Mir scheint, dass ihr keine besondere Bedeutung zukommt. Auch qualitativ hält sie sich im Filmmusik-Mittelmass – die üblichen emotionsverstärkenden Einsätze und Überleitungen, wie man sie vom internationalen Mainstream-Kino kennt. Und als eine Besonderheit dieses Films, die simpel dramatisierenden Versuchungen des Heroins.

Im Filmprotokoll erwähnenswert schien mir die Musik, die Teil des Original-Tons, die Teil der Handlung ist, beispielsweise der eingespielte Gesang in der Theaterszene.

Auch Teil des Originaltons: Das Musikstück in der Wohnung in Paterna, wenn Klein Salvador liest, während Eduardo ihn zeichnet – Mina «Come sinfonia» (ab einem Radio?).

Das Stück ist wieder zu hören, nachdem Salvador diese Zeichnung von Eduardos gekauft hat, es an seinem Arbeitstisch aufgestellt hat, er die Musik ab seinem Smartphone abspielt. Es sind die Erinnerungen an dieses Lied, an Eduardos Zeichnung, an Eduardos nackten Körper, die bei Salvador wieder einen Text entstehen lassen, einen Entwurf für ein Drehbuch für den Film «El primer Deseo».

*     *     *

Übergänge zu Salvadors Erinnerungen.

Etwas befremdet hat mich, wenn Salvadors Kindheits-Erinnerungen nicht aus dem Gehalt von Szenen entstanden. Fast immer ist der Heroin-Konsum Auslöser zu Salvadors inneren Bildern, zu seiner Vergangenheit. Wir sehen Salvador Heroin konsumierend, verladen, dösend und können uns darauf verlassen, dass wir wieder eine Szene aus seiner Kindheit zu sehen bekommen.

(Oder die beiden ebenso oberflächlichen Übergänge zu seinen Erinnerungen, das Einfahren in die MRT-Röhre und die Narkose vor seiner Operation.)

Da der Film keine inhaltlichen Zusammenhänge von den Gegenwarts-Szenen zu den Erinnerungen schafft, konnten diese Kindheits-Szenen auch beliebig eingesetzt  werden – auch brav chronologisch (entgegen aller Wahrscheinlichkeit von Trips).

Die beiden anderen Arten von Übergängen, nur der Vollständigkeit halber erwähnt:
Ein Klavierstück, von einem Barpianisten gespielt – Schnitt – von einem Pater an der Schule gespielt (Übergang von einem Klavierstück zum selben Klavierstück, an einem anderen Ort, zu einer früheren Zeit).
Salvador im Wasser eines Hallenbades – Überblendung – seine Erinnerung an die Mutter mit drei weiteren Wäscherinnen am Fluss (Übergang von Wasser zu Wasser).

*     *     *

Salvador – im Film eine Figur mit Gefühlen, die wir zu dieser Zeit nicht kennen können.

Die erste Szene des Films: Salvador im Wasser eines Bades, er erinnert sich – Übergang zu den Bildern seines glücklichen Zusammenseins mit seiner Mutter unter den Wäscherinnen an einem Fluss. Auffallen könnte uns, dass Klein-Salvador sehr glücklich zu sein scheint, während der alte Salvador im Bad sehr ernst wirkt.

Neunzig Minuten später werden wir wissen: Zur Zeit als sich Salvador im Bad an seine Mutter erinnert, war sie seit vier Jahren tot. Und wir werden wissen, dass sich Salvador noch immer schuldig fühlt, weil er den letzten Wunsch seiner Mutter nach dem Sterben in ihrem Dorf nicht erfüllen konnte.

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In klassischen Spielfilmen kann man zwischen zwei prinzipiellen Arten von Bildern vergangener Zeiten unterscheiden.

Es gibt Filme mit Sequenzen, die zeigen, wie es früher war – bei denen man als Zuschauer den Eindruck bekommen soll, das seien Bilder aus einer früheren Zeit – manchmal in Form von Wochenschau-Material, manchmal durch Aufnahmen, die sonstwie dokumentarisch zu wirken suchen.

Und es gibt Filme, die den Eindruck vermitteln sollen, sie würden die Erinnerung einer zentralen Figur darstellen. Typisch an dieser Form wäre eigentlich, dass den Darstellungen nicht zu trauen ist. Wie wir eigentlich wissen, ist kein Verlass auf unsere Erinnerungen.

So ist es nicht selbstverständlich, dass wir Salvadors Erinnerungen ohne jeden Vorbehalt vertrauen. Vielleicht auch, weil ihre Darstellungen ausserordentlich normal wirken, in jeder Beziehung den Spielfilmen entsprechen, an die wir uns gewöhnt haben (ohne jeden Anflug des Fantastischen).

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Und wenn eine Erinnerungsszene endet – wie zurück in die Gegenwart, wie zurück in die normale Fiktion des Spielfilms?

Irgendwie ist man von der Gegenwart in die Fantasien einer Filmfigur gelangt, beispielsweise in deren Erinnerungen; doch wie gelangt sie, wie gelangt man wieder zurück in die Gegenwart des Films?

Die Frage wird sich selten stellen, da sich Spielfilme fast immer an die Konvention halten, dass sich die Gegenwart nicht direkt an eine Fantasie-Vorstellung anschliesst. Wenn eine von Salvadors Erinnerungen endet, erfolgt kein Schnitt in die direkte Zeit danach, sondern ein Schnitt zu einem halben Tag später, zu einer Woche später, oft zu einer unbestimmten Zeit danach.

Eine Szene im Film «Dolor y Gloria» hebt sich von dieser Konvention ab: Nach einem seiner Heroin-Trips bestellt Salvador ein Taxi. Und während seines Anrufs wird deutlich, dass er noch etwas Mühe hat, sich in den Formen des alltäglichen Umgangs zurecht zu finden.

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Fussnoten.

Salvadors Erinnerungen an das Zusammensein mit seiner alten Mutter haben im Film einen ganz eigenen Charakter. Diese Sequenzen – Einschübe, die im Film fremd bleiben. Bereiche, die nicht von Handlungen bestimmt sind. Kein Geschehen, bei dem man sich fragt, wohin es führen könnte, keine Szenen, die Konsequenzen erwarten lassen. Man konnte sich nur fragen, wohin die Gespräche führen könnten. Annäherungen einer Mutter an die Zeit, die Salvador im Text «Adicción» zu fassen suchte, die Alberto auf die Bühne brachte, die in der Person von Federico verkörpert ist.

Vielleicht könnte man diese Gespräche zwischen Mutter und Sohn als eine Art klärende Fussnoten zu Unausgesprochenem betrachten. Salvadors Homosexualität wird nicht angesprochen, doch Beiden scheint deutlich zu sein, was sie hier nicht in Worte fassen können. Die Mutter hätte Salvadors Andersartigkeit akzeptiert, sagt sie*, doch er (der junge Erwachsene) hatte sie zurückgewiesen, konnte sich nicht vorstellen, sie an seinem Leben teilhaben zu lassen.

*Mutter: «Ich hätte mich um dich gekümmert und mit 'dem Anderen' hätte ich mich arrangiert, aber du wolltest nicht.»

(Salvador konnte da noch nicht wissen, dass die Mutter den Brief kannte, den ihm Eduardo geschrieben hatte.)

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Die Zeit zwischen zwei Sequenzen.

Als Zuschauer eines Films bekommt man nach einiger Zeit ein Gefühl dafür, ob dieser von einem Tag oder von Jahrzehnten erzählt. Und so bekommt man auch ein Gefühl für die Zeit, die bei einem Schnitt am Ende einer Sequenz liegt – die Zeit zwischen der Sequenz, die zu Ende gegangen ist und der Sequenz, die jetzt beginnen wird.

Es ist mir wichtig, dass meine Filme das Verfliessen der Zeit auf eine sinnliche Weise erleben lassen, Lichtstimmungen, Wetter, Wechsel der Jahreszeiten. «Dolor y Gloria» enthält kaum Aussenaufnahmen, durch die man sich in der Zeit orientieren könnte. So bleibt es bei einem etwas unbestimmten Gefühl von etwa drei bis vier Monaten Realzeit, die während den 109 Minuten des Films verstreichen könnten. (Doch da ich Erfahrungen mit Kultur-Veranstaltern habe, müsste ich wohl den Zeitraum etwas nach oben korrigieren, damit das Einplanen der Theater-Aufführung von «Adicción» etwas realistischer wird.)

Wenn der Film etwa eine Realzeit von vier Monaten umfasst, stellt sich ein Gefühl für eine durchschnittliche Zeit ein, die zwischen den Sequenzen liegen könnte. Doch der Schnitt zur letzten Sequenz des Films (fünf Minuten vor dessen Ende), entspricht nicht dem üblichen Prinzip von «dann und dann und dann», hat eher eine Bedeutung von Ursache und Wirkung.

Dieser Schnitt in seinem Zusammenhang:

Nach der ärztlichen Diagnose 'kein Tumor', konnte Salvador seine Ängste ablegen, fasste den Mut, wieder einen Film zu realisieren. Als er vor der Operation gegenüber dem Chirurgen zum Ausdruck bringt, er schreibe wieder an einem Filmprojekt, bringt dies der darauf folgende Schnitt direkt mit der Realisierung des entsprechenden Films zusammen – von der Aussage 'Ich schreibe wieder' direkt zu den Dreharbeiten des Films «El primer Deseo».

Happy End.

Auch mir schien dieser glückliche Schluss der Geschichte einleuchtend. Und doch konnte ich nicht ganz darüber hinwegsehen, dass die Montage hier einen Wunsch und dessen Realisierung sehr leicht zusammenbringt. Führt der Schnitt nicht allzu leichtfüssig über ein ganzes Jahr hinweg? Nach einem ersten Text-Entwurf das Erarbeiten des Drehbuchs, der Dialoge, die Schwierigkeiten der Finanzierung, die Suche nach den Darstellern, der Techniker, des Komponisten, die Suche nach den Drehorten – all die Arbeiten, die in diesem Jahr zu leisten sind, bevor es zu Dreharbeiten kommen kann (abgesehen davon, dass viele Projekte in dieser Zeit auch scheitern können).

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Im Film «Dolor y Gloria» zwei filmische Erzählungen.

Als Zuschauer bekam ich den Eindruck, ich hätte an zwei filmischen Erzählungen teilgehabt:

Salvador Mallos Gegenwart: Die schwierigen Monate, die er bis zur Realisierung seines Films «El primer Deseo» durchzustehen hatte.

Salvadors Kindheitserinnerungen, Inhalt des Films «El primer Deseo».

(Und wie gesagt, parallel dazu: Salvadors Erinnerungen an die Gespräche mit seiner alten Mutter, eine Art Fussnoten zum Ganzen des Films «Dolor y Gloria».)

109 Min. «Dolor y Gloria».

9 Min. Gespräche mit der alten Mutter.

100 Min. Die beiden Hauptstränge des Films.

83 Min. Salvadors Gegenwart.

17 Min. Szenen aus Salvadors Kindheit.

Diese Fragmente von 17 Minuten aus dem abendfüllenden Kinofilm «El primer Deseo» haben mir seltsamerweise das Gefühl vermittelt, den Film zu kennen; jedenfalls hatte ich kein Bedürfnis, einen grösseren Einblick in den Film zu erhalten.

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Filmtitel (Übersetzungen nach Pons).

«Dolor y Gloria». (Verleih-Titel Deutschland «Leid und Herrlichkeit»).

«Dolor»: Schmerz, Leid – dem Geschehen angemessen, konkreter Schmerz, konkretes Leiden, auch Ängste von Salvador.

«Gloria»: Seligkeit, Ruhm, Herrlichkeit, Himmelreich, Freude – Begriffe, die mir etwas hoch gegriffen zu sein scheinen, aber wohl dem Selbstgefühl Salvador Mallos entsprechen könnten (dem Alter Ego von Pedro Almodóvar?).

Unbemerkte Dialoge.

Selbstverständlich setze ich Handlungen und Aussagen der Figuren in einem Spielfilm nicht mit der Haltung des Filmautors gleich, frage mich, wie er wohl zum Dargestellten stehen mag, erkunde ob sich im Film Elemente finden, die dies erkennen lassen.

In diesem Film eine Sequenz, bei der ich mich über Aussagen der Figur des Regisseurs Salvador Mallo ärgerte, über deren extreme Selbstbezogenheit. Kam da etwas von Almodóvar zum Ausdruck, oder brachte er etwas gesellschaftlich Erhellendes zur Darstellung?

Besonders irritiert hat mich jedoch das Publikum – Zuschauer, mit denen ich mich unterhielt, hatten problemlos über diesen Dialog hinweggehört und die Filmbesprechungen, die mir in die Hände gerieten, gingen nicht auf die Thematik dieser Szene ein.

Die entsprechenden Sequenzen (Kurzform):

Salvador hat in der Galerie Eduardos Zeichnung gekauft, Mercedes fährt ihn nach Hause. Salvador liest im Auto den Brief, den Eduardo auf die Rückseite des Bildes geschrieben hat, ist gerührt, wischt sich die feuchten Augen. Eine Erinnerung an das Lied kommt auf, das erklang, als Eduardo ihn zeichnete 'Come sinfonia'. Leise hat es eingesetzt, führt hinüber in die nächste Sequenz.

Schnitt, Salvador an seinem Arbeitstisch. Ein langsamer vertikaler Schwenk über die Zeichnung des lesenden Klein-Salvador (das Bild jetzt auf Salvadors Arbeitstisch stehend). Dazu ist das Tippen auf dem Labtop zu hören, Salvador konzentriert schreibend. Eduardos Zeichnung und die Erinnerung an Eduardo sind Salvador Anregungen zu einem Text für einen nächsten Film. Im Bild der Titel des Textes, den Salvador schreibt EL PRIMER DESEO. Dazu besonders laut eine Zeile des Liedes «lassù sento gli angeli che cantano per noi ...»

Das Lied führt kurz hinüber zur nächsten Szene.

Schnitt zur Autofahrt, in der Salvador von Mercedes zu der leichten Operation gefahren wird. Mercedes fragt ihn: «Was ist mit dem Bild?» Salvador «Eduardo hat es nach Paterna geschickt. Die Mutter muss es erhalten haben. Ich war im Priesterseminar. Sie hat es mir nicht geschickt, hat nichts gesagt.» Mercedes: «Willst du ihn suchen?» Salvador: «Eduardo?» «Im Internet könnte das einfach sein. Oder erkundige dich in Paterna.» Salvador: «Fünfzig Jahre danach?» - Salvador: «Das ist eine gute Geschichte. Vielleicht schreibe ich sie auf. Aber ihn suchen, das wäre verrückt.» Mercedes: «Wie kam wohl das Bild nach Barcelona?» Salvador: «Keine Ahnung. Zufall. Hauptsache, es hat seinen Empfänger erreicht.» Mercedes schaut schweigend zu ihm hin.

Es ist zwar 50 Jahre her, doch trotzdem kann ich mich nicht so leicht damit abfinden, dass es Salvador gleichgültig zu sein scheint, was Eduardo empfunden haben mag, als keine Reaktion von ihm kam. Salvador ist nur mit seinem Erlebnis beschäftigt, nur mit seiner 'Ersten Begierde', mit dem, was eine 'Gute Geschichte' ergeben könnte. Die Erinnerungen sind zum Stoff seiner Kunst geworden.

Am Ende der Sequenz im Auto ein Blick von Mercedes zu Salvador – kein besonders freundlicher Blick. Hat sie kein Verständnis für seine Haltung? Ärgert sie sich über ihn? Wenn ich den Blick von Mercedes so interpretiere, könnte das bedeuten, dass auch Almodóvar keinen freundlichen Blick für Salvador hat, dass auch er dessen Haltung kritisch sieht. Möglich wäre auch, dass Almodóvar einen selbstkritischen Blick für sein Alter Ego hat.

Mercedes hat Salvador darauf aufmerksam gemacht, dass er Eduardo suchen könnte. Weiter geht sie nicht, sie freut sich vorallem darüber, dass er endlich wieder zu arbeiten begonnen hat. Ihre Freude war deutlich zu sehen, als sie Salvador beim konzentrierten Arbeiten sah.

«Dolor y Gloria»

Wer besonders aufmerksam hinschaut und hinhört, kann vom Film irritiert werden.

Auf den ersten Blick wirkt der Film selbstverständlich, scheint sich ganz an die konventionellen Formen des Kinos zu halten. Vieles war mir Anregung, um mich mit den Formen seiner Darstellung zu befassen.

Und einiges habe ich erwähnt, weil es mich als Teil dieses Ganzen nicht überzeugt. Doch mit etwas Distanz fällt mir ein, dass die von mir erwähnten Unstimmigkeiten auch System haben könnten.

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Der Schauspieler Alberto entdeckt auf Salvadors Labtop den Text «La Adicción» und liest diesen – wir hören seine Gedankenstimme, sehen sein Gesicht in Grossaufnahme, sehen Zeilen des Textes, dazu die Bilder der Vorstellung, die sich Alberto von dieser Inszenierung mit sich als Darsteller macht.

25 Minuten später im Film: Salvador gibt Alberto die Rechte an diesem Text für eine Aufführung und macht ihm einen Vorschlag, wie er den Text inszenieren, ihn auf die Bühne bringen könnte.

Seltsamerweise entspricht dieser Vorschlag bis in die Details der Vorstellung, die sich Alberto beim Lesen des Textes in Salvadors Labtop gemacht hatte.

Es bleibt ein Widerspruch.

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Die letzte Kindheits-Erinnerung im Film wird als Szene eines Spielfilms enthüllt – Mikrophon, Travelling, Regisseur, Klappe, gleiche Personen wie in Salvadors Erinnerungsbildern.

Das ändert jedoch nichts daran, dass diese im Film als Salvadors innere Bilder erscheinen, durch die Montage klar mit seinem Heroin-Konsum in Verbindung gebracht.

Es bleibt ein Widerspruch.

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Salvadors Erinnerungsbilder sind der einzige Zugang, den wir zu seiner Kindheit haben. Auf diesen Bildern sind die misstrauischen Blicke der Mutter zu Eduardo und Klein-Salvador zu sehen – bahnt sich etwas Erotisches zwischen ihnen an? Auf diesen Bildern ist jedoch auch zu sehen, dass Klein-Salvador die misstrauischen Blicke seiner Mutter nicht bemerkt.

Wie kann es Erinnerungsbilder geben, auf denen die misstrauischen Blicke der Mutter zu sehen sind, wenn diese Bilder auch zeigen, dass Klein-Salvador nichts davon bemerkt?

Es bleibt ein Widerspruch.

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Ich komme auf eine Szene zurück, hier etwas ausführlicher:

Als Salvador mit seiner alten Mutter zusammen ist (Erinnerung an Madrid, vor 4 Jahren) wird offensichtlich, dass diese keinerlei Ähnlichkeit mit der Mutter seiner Kindheitserinnerungen hat (Erinnerung an Paterna, vor 50 Jahren).

Im Zimmer, das Salvadors alte Mutter in seiner Wohnung bewohnte, ein Nachttischchen, darauf eine Fotografie von ihr und ihrem Mann. Dieser ist sehr viel grösser als sie.

In Salvadors Kindheits-Erinnerungen, an der Wand hinter der jungen Mutter eine Fotografie mit ihr und ihrem Mann. Die beiden haben eine ähnliche Grösse.

Im Film liegen die beiden Fotografien 40 Minuten auseinander. Doch auf eine auffallend bizarre Weise werden sie miteinander in Verbindung gebracht - auf beiden Fotografien hängt hinter dem Paar eine Girlande von Trockenwürsten.

Die Fotografien betonen zusätzlich, dass in diesem Film die Darstellungen von Salvadors Müttern (jung und alt) zu akzeptieren sind.

Diesen Widerspruch gilt es zu akzeptieren.

Es könnte sein, dass sich Almodóvar den in Spielfilmen oft spektakulär ausgestellten Fertigkeiten von Maskenbildern verweigern wollte, dem Publikum lieber eine andere Darstellerin zumutete – beide Fiktion - beide gleichermassen prominente Schauspielerinnen des Spanischen Films (was ich erst nachträglich in Erfahrung brachte: Penélope Cruz und Julieta Serrano).

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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