Gleichnis

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Gleichnis ?

Neu im Kapitel «Film und Medien»

Ich hätte mich kaum mit der Form von Gleichnissen befasst, wenn der Schriftsteller Clemens J. Setz nicht den Kurzspielfilm 'Time Enough at Last' besonders gerühmt hätte, der die Form eines Gleichnisses habe.

Gleichnis.

Im Buch «Warum Lesen – mindestens 24 Gründe» ist der Text von Setz veröffentlicht, in dem er Qualitäten dieses Films hervorhebt. Man muss es einem Schriftsteller wohl nachsehen, wenn ihn ein Film besonders anspricht, der sich um einen Mann dreht, der seiner Lesesucht ganz ausgeliefert ist – einen Mann, den alle Menschen vom Lesen abhalten wollen.

Setz schreibt: «Bekanntlich kam nach 'The Twilight Zone' (1959 bis 1964) kein vernünftiges Fernsehen mehr. Eine der besten und bekanntesten Folgen der Reihe nennt sich 'Time Enough at Last' und handelt von dem kauzigen Bankangestellten Henry Bemis.»

In seinem Text fasst C.J. Setz die Handlung des Films kurz zusammen. Solange ihm zu dessen Schilderung Sätze einfallen, die sich flüssig lesen lassen, scheint es ihn wenig zu kümmern, was im Film wirklich zu sehen und zu hören ist. Ich will mich da nicht einmischen, doch scheint es mir nützlich, wenn ich hinzufüge, dass Henry Bemis eine Brille mit auffallend starken Gläsern trägt.

Setz: «Henry liebt Bücher. Den ganzen Tag sitzt er da, mit der Nase in einem Buch, glücklich und aufgehoben in den Fiktionen. Seine Frau hasst ihn dafür. Sie übermalte in einem Buch die Zeilen seiner liebsten Gedichte mit schwarzer Tinte. Auch sein Chef in der Bank sieht es nicht gern, wenn Henry während der Mittagspause in einem Buch blättert. Also schliesst sich Henry eines Mittags im Tresorraum ein, um endlich ungestört in David Copperfield lesen zu können. Als er wieder herauskommt, muss er feststellen, dass die ganze Welt von einer Bombe zerstört worden ist. () Er findet nur noch Ruinen und Abfall. Das ist kein Leben mehr. Henry beschliesst, sich umzubringen. Gerade als er sich einen Revolver an die Schläfe setzt, entdeckt er () die umgestürzte Eingangssäule der Public Library. () Überall liegen Bücher verstreut: Dickens, Shelley, Keats, es sind alle da. Alle Bücher dieser Welt! Er wird sie lesen, er wird sie alle lesen! Jetzt, da die ganze Menschheit bei der Explosion getötet worden ist, hat er endlich genug Zeit! Auf den Stufen der Bibliothek liegt ein Buch im Staub. Der Zuschauer kann nicht erkennnen, welches es ist (). Henry bückt sich nach dem Buch. Und da, ach, fällt ihm natürlich seine Brille vom Gesicht und die Gläser zerbrechen. Er kann nichts mehr erkennen, nichts mehr lesen. Er ist verloren.»

Zwischenbemerkung.

Einerseits lobt Setz diesen Kurzfilm: «Bekanntlich kam nach 'The Twilight Zone' kein vernünftiges Fernsehen mehr. Eine der besten und bekanntesten Folgen der Reihe nennt sich 'Time Enough at Last' ...»

Andrerseits schreibt er: «Henry bückt sich nach dem Buch. Und da, ach, fällt ihm natürlich seine Brille vom Gesicht und die Gläser zerbrechen.» Die Brille fällt ihm vom Gesicht, weil dies die Konstruktion des Gleichnisses erfordert.

Machen ihm solche Konstruktionen Spass und er bringt dies zum Ausdruck, indem er noch ein «ach» vor das «natürlich» setzt?

Und überhaupt kann es keine allzu ernste Angelegenheit sein, aus irgendwelchen dramaturgischen Versatzstücken ein Gleichnis zu basteln, man darf sich halt nicht scheuen, ihm wenn nötig etwas Gewalt anzutun, damit es auf eine möglichst eindrückliche Weise Sinn  macht.

C.J. Setz: «Was will uns dieses Gleichnis nun eigentlich mitteilen?»

Es ist wohl jedermann klar, dass man zu einem anspruchsvollen literarischen Text nicht fragen kann, was dieser mitteilen wolle. Ein Text lässt sich nicht auspacken, um einen darin verborgenen Gehalt zu finden.

Bei Gleichnissen ist das anders. Sie sind nicht an literarischen Ansprüchen zu messen. Sie wollen in bildhafter Form eine Mitteilung machen.

So ist es nicht falsch, wenn Setz die Frage stellt, was dieses Gleichnis uns mitteilen wolle, denn Gleichnisse wollen etwas mitteilen.

Und es hat auch seine Logik, wenn Setz fragt, was das Gleichnis 'uns' mitteilen will, denn auch dieser Anspruch ist im Gleichnis enthalten – Gleichnisse wollen eine allgemeine Wahrheit / Weisheit / Moral verkünden.

Gleichnis.

Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts, nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern. (Wikipedia)

Gleichnis (mündlich).

Überliefert ist, dass Jesus zu Leuten aus der Gegend seiner Herkunft sprach. Keine üblichen Erzählungen, eher Beispiele menschlichen Verhaltens, von dem die Zuhörer wussten, dass dies lehrreiche Beispiele sind. Und doch waren es nicht nur belehrende Texte, sondern Geschichten von Personen, deren Handeln man sich vorstellen konnte – Situationen von Wortwechseln, Bilder eines Geschehens, hingestellt, damit man selbst seine Schlüsse daraus ziehen soll.

Die Sinnlichkeit der Erzählsituation – der Sprechende, seine Worte, die Zuhörer.

Und die Sinnlichkeit der Erzählung, Vorstellungen der Handelnden innerhalb der Erzählung – Identifizierungsmöglichkeiten, vielleicht auch wechselnd im Verlauf der geschilderten Handlung.

Gleichnis (schriftlich überliefert).

Schilderung eines Geschehens – sinnliche Vorstellungen – ein Erzähler und seine Zuhörer. Das Gleichnis. Aus der Art der Schilderung glauben wir zu wissen, welche Schlüsse die Zuhörer zogen.

Gleichnis (das geschriebene Wort zitierend).

Wir kennen diese Gleichnisse aus der Bibel – also in schriftlicher Form – oder aus der Kirche, wo sie von einem Pfarrer vorgetragen, von ihm zitiert werden. Der Erzähler Jesus und seine Zuhörer als Rahmenhandlung.

Die Kirchgänger werden das Gleichnis zu hören bekommen. Sie müssen nicht besonders aufmerksam sein – sie können sich darauf verlassen, dass der Pfarrer auf seine Worte zurückkommen und sie ausführlich darlegen wird – mögliche Beziehungen zum Leben der Zuhörer herstellend.

Gleichnis (auf der Bühne / als Spielfilm).

Die Rahmenhandlung fällt meistens weg – es bleibt das eigentliche Gleichnis.

Auf der Bühne sind die Personen aus dem Gleichnis in verschiedener Weise verkörpert. Vielleicht noch deutlicher als in der verbalen oder schriftlichen Form bringt uns die Darstellung auf der Bühne eine der Figuren besonders nahe.

Während die Form der Erzählung etwas erhaben Archaisches an sich haben kann, wird die starre Charakterisierung und das Handeln auf der Bühne oft schematisch, unglaubwürdig wirken.

Ein Gleichnis auf der Bühne oder in einem Spielfilm ist weit weg von unseren Theater-Ansprüchen – unbefriedigend eindimensional, banal.

Gleichnis (im Puppentheater).

Dem Gleichnis angemessen könnte ein stilisiertes Spiel sein, wie wir es von Marionetten kennen.

Vielleicht bin ich den Marionetten gegenüber voreingenommen, wenn ich sie mir hölzern vorstelle, nicht zu Veränderungen fähig. Doch die Figur des Henry Bemis könnte ich mir am ehesten als Marionette vorstellen.

Gleichnis (Mischform, gesprochen und szenisch dargestellt).

Zu hören der Text des Gleichnisses, zu sehen die Figuren der beschriebenen Handlung. Spielfilm-Szenen als Illustration des Gleichnis-Textes, Bühnen-Figuren, die der Logik des Textes gehorchen. Doch lassen Mimik, Haltungen, Bewegungen der Darsteller das Gleichnis reicher erscheinen, als dies den Marionetten möglich wäre.

Vielleicht sind Verkörperungen reicher als Sprache?

Vielleicht ist Sprache reicher als Verkörperungen?

Film «Time Enough at Last».
Gleichnis (Mischform – erzählt und szenisch dargestellt).

Zum ersten Teil des gesprochenen Textes dieses Gleichnisses.

Der Film beginnt und entwickelt sich entlang der üblichen Spielfilm-Konventionen. Im ersten Kapitel der Alltag von Henry Bemis an seinem Arbeitsplatz in der Bank, dann Abblendung ins Schwarz.

Im zweiten Teils des Films wird dieser Alltag in Frage gestellt und die Katastrophe ereignet sich.

Gegen Ende des ersten Kapitels des Films hören wir die Erzählstimme des Kommentars hinüberleitend zum zweiten Kapitel. Die Gleichnis-Charakteristik wird in den Vordergrund gestellt; es geht nicht nur um das Schicksal von Henry Bemis.

«Mister Henry Bemis, privilegiertes Mitglied in der Bruderschaft der Träumer. Seine Leidenschaft, bedrucktes Papier. Damit hatte er sich jedoch verschworen gegen die Welt in der er lebte und gegen die unerbittlichen Zeiger der Uhr.

Nur einen Augenblick und er wird sich in der Welt wiederfinden, in der es weder Bankpräsidenten, noch Uhren, noch sonst irgend etwas gibt. Und diese Welt wird für ihn ganz allein da sein, für niemanden sonst.»

Der Kommentar spricht von der Zukunft, das Gleichnis ist im Film schon präsent, bevor Henry davon betroffen ist. Das Gleichnis weist von Anfang an über Henry Bemis hinaus.

Das Ende des Films «Time Enough at Last».

Zum zweiten und letzten Teil des Films, zu dem der gesprochene Text hinüberführt.

Damit eine Ahnung vom Zusammenhang der Filmhandlung bewahrt wird, zitiere ich den Schluss der Zusammenfassung von C.J. Setz:

«Auf den Stufen der Bibliothek liegt ein Buch im Staub. Der Zuschauer kann nicht erkennen, welches es ist (). Henry bückt sich nach dem Buch. Und da, ach, fällt ihm natürlich seine Brille vom Gesicht und die Gläser zerbrechen. Er kann nichts mehr erkennen, nichts mehr lesen. Er ist verloren.»

Das Ende des Films (Fortsetzung der Handlung nach der Setz-Zusammenfassung): Die letzten Scherben fallen aus Henrys Brillengestell. Seine Stimme: «Das ist nicht fair. Ich habe all die Zeit gehabt, die ich brauchte – das ist nicht fair, das ist nicht fair.» Ein Echo-Effekt auf dem letzten Satz verstärkt den Bildeindruck, die Einsamkeit in der wüstenhaften Trümmerlandschaft. Ende des Originaltons, Henry in der endlosen Weite.

*     *     *

Auf dem letzten Bild jedes Films der Reihe «The Twilight Zone» immer ein Kommentar, auch wenn es eigentlich – wie es Gleichnisse an sich haben – nichts hinzuzufügen gibt. Dazu kommt, dass – auch aus Gründen der Konsequenz – der Kommentar immer mit den Worten enden muss «… in dieser unwahrscheinlichen Geschichte.»

Inhaltlich ist der Kommentartext bedeutungslos – er ist ist nur ein Markenzeichen, um der Filmreihe eine möglichst einprägsame Erscheinung zu verleihen.

So muss sich der Produzent der Reihe etwas einfallen lassen, das das Ende der Handlung nicht beeinträchtigt und noch etwas Tiefsinn ausstrahlt. Das hört sich so an: «Die besten Intentionen von Menschen und Mäusen und von Henry Bemis, einem kleinen Mann hinter einem Schalter, der nichts als Zeit wollte. Henry Bemis jetzt nur noch Teil einer zertrümmerten Landschaft, selbst nur Teil dieser Trümmer – nur Fragment dessen, was der Mensch sich selbst auferlegt – Mister Henry Bemis, in dieser unwahrscheinlichen Geschichte.»

Gleichnis (Interpretation).

Die Weise wie Gleichnisse erzählt werden, legen auch den Sinn nahe, den sie zu vermitteln suchen.

So kommt auch C.J. Setz in seinem kleinen Text zum Film «Time Enough at Last» zu einer Interpretation, die nicht zu übersehen ist:

«Am Ende sollte man Bücher vielleicht nur lesen, solange man noch Menschen um sich hat.»

Gleichnis (Prolog zu einem Spielfilm).

Gleichnisse enden an der Stelle, an der ihr Sinn deutlich hervortritt. Ich wüsste auch nicht, was Henry Bemis danach auf der Erde noch beschäftigen könnte. Also kaum das Bemis-Schicksal als Anfang einer längeren Film-Geschichte.

Henry hätte wohl auch keine Chance, bei einer Spielfilmproduktion unterzukommen. Auch die Kino-Konventionen setzen auf ein emotionales Geschehen, an dem mindestens zwei zentrale Personen beteiligt sind.

*     *     *

Vorstellbar wäre, dass ein Film mit einem Prolog beginnt, einem eigenständigen Teil, der aber eindeutig als Teil des Ganzen erscheinen würde. Die Handlung um Henry Bemis würde zu ihrem Ende kommen und die Handlung rund um die Personen des 'Hauptfilms' würde beginnen. Und doch würden die Geschehnisse des Prologs von uns Zuschauern nicht ganz vergessen – auch nach einer Stunde könnten Momente des 'Hauptfilms' von unseren Erinnerungen aus dem Prolog thematisch beleuchtet oder beschattet werden. Mögliche Vertiefungen aus unseren Gleichnis-Erinnerungen könnten bis zum Ende des Films präsent bleiben – zwei Betrachtungsweisen würden sich durchdringen.

Der Prolog des Films «Der Prozess».

Dem Film «Der Prozess» von Orson Welles nach Kafka ist ein Prolog vorangestellt. Altertümlich wirkende Illustrationen eines Tores, dazu die Stimme eines Erzählers, der eine Geschichte vom Scheitern eines Mannes erzählt, der durch das Tor eingelassen werden wollte.

Der Text endet mit den Worten:

«Diese Geschichte wird in einem Roman namens «Der Prozess» erzählt. Man sagt, dass seine Logik, die eines Traumes sei – eines Albtraums.»

Nach diesem Prolog beginnt der Hauptfilm mit einer Grossaufnahme der zentralen Person des Films. Ein Mann, im Bett liegend, er öffnet die Augen. (Mit diesem Bild hat der Hauptteil des Films begonnen.)

 

 

 

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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