Motivation / Prolog des Films.
Cristina Fessler.

Motivation / Prolog des Films.
Cristina Fessler.

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Motivation / Prolog des Films.
Cristina Fessler.

Motivation / Prolog des Films.

Cristina Fessler.

Malerin, Zürich.

Krankheit: MSA, Multi System Atrophie (Nervenkrankheit, zunehmende Lähmungen).

Notizen die ich zum Schreiben des Off-Textes für den Prolog des Films herangezogen habe.

Ich habe Cristina im Januar 2012 getroffen.

Ein langes Gespräch. Fotografie von Cristina mit Klaus Stromer. Wir treffen die Vereinbarung, dass ich Aufnahmen ihres Arbeitens machen werde, sobald sie einen Guten Tag hat.

Es kommt nicht dazu, sie stirbt im Juni dieses Jahres.

Meine Sorge:

Sorge um mein lahmendes linkes Bein, die zunehmende Taubheit,

- und in den letzten Jahren immer öfter Momente, in denen es mir nicht (mehr) gehorchen will (als Anfang des Films?).

Stolpern kann man immer. Aber ich musste vor kurzem erfahren, dass mir dieses Bein in solch heiklen Situationen nicht schnell genug gehorcht und ich auf dem Asphalt lande, auf der Treppe falle, Bruch im Fuss, Wunde genäht. Viele neurologische Untersuchungen, Diagnose: Nervenabbau in Gliedern. Keine Behandlungsmöglichkeit, Ratschlag zur Verzögerung des Abbaus: täglich auf nicht-asphaltierten Wegen gehen.

Sorge, ob ich noch einen nächsten Film werde realisieren können,

ob ich (in den nächsten Jahren) noch unterwegs sein kann, um mit der Filmkamera die Welt zu erkunden,

ob dies mein letzter Film sein wird.

Cristina, Ermutigung (Bild: Video CF malend? Foto CF krank?)

Event. Widmung Cristina (Fessler) gewidmet.

Nachname in Widmung oder im Kommentar?

Cristina und ich kennen uns seit Jahrzehnten, haben uns immer für unser Schaffen interessiert.

Sie ist vier Jahre jünger als ich.

Ich habe erfahren, dass sie vor drei Jahren an ALS erkrankt ist - zunehmende Lähmungen und Muskelschwund – und nun Möglichkeiten gefunden hat, entsprechend ihren abnehmenden Möglichkeiten - weiter künstlerisch arbeiten zu können.

Ein Neuanfang ist möglich.

Das ist ermutigend – ich besuchte sie.

Sie fand eine Möglichkeit, um an ihren letzten grossen Bildern mit dem PC weiter zu arbeiten.

Im zweiten Jahr ihrer Krankheit begann sie (hatte sie begonnen) nach anderen Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks zu suchen.

Sie liess die letzten grossen Bilder, die sie gemalt hatte, digital erfassen, sodass sie mit dem Computer weiter daran arbeiten, sie weiter entwickeln konnte. Dann wieder auf Originalgrösse – sogar ein erstes verkauft.

Sie war ihrer persönlichen Arbeitsweise beraubt worden.

Der Mut, ihre Arbeitsweise aufzugeben, den künstlerischen Ausdruck, den sie über Jahrzehnte hinweg entwickelt hatte, mit dem ihre Identität unlösbar verbunden schien und nach einer andern Form des künstlerischen Ausdrucks zu suchen, nach einer Arbeitsweise die ihren weniger gewordenen Fähigkeiten/Möglichkeiten entspricht.

Das ist ermutigend.

Statt mir wegen meiner vagen Sorge um das blöde Bein in schlaflosen Stunden dunkle Fantasien auszumalen, Albträume einer düsteren Zukunft, mich zu quälen mit vagen Sorgen – wäre es besser, sich auf Menschen wie Cristina einzulassen, für die das harte Realität geworden ist und die einen künstlerischen Neuanfang gewagt haben.

Cristina sagt, seit Tagen / in den letzten zwei Wochen fehle ihr die Energie um sich an ein Bild heranzuwagen, fehlten ihr die Kräfte um etwas wirklich Intensives zu schaffen / etwas das ihr wichtig sei, das sie überzeugen könnte, doch sobald sie sich etwas erholt habe, könne ich mit der Filmkamera dabei sein.

Klaus, ihr Mann, werde mich anrufen sobald sie sich wieder erholt habe, einen guten Tag habe / ein paar gute Tage habe. Cristina sagt, dann könne ich Aufnahmen machen, wie sie heute arbeite, wie heute am PC ein Bild entsteht, eine Neufassung davon. (Eines ihrer letzten Bilder digital erfasst, jetzt am PC weiter entwickeln dann wieder auf das Originalformat vergrössern. Eines hat sie schon verkauft.) Wie sie heute arbeitet - Ihre Arbeitsweise, ihre Hände, aber sie lieber nicht im Bild. Werden wir dann sehen.

Als ich frage, ob ich eine Fotografie von ihr machen dürfe, sagt sie, ihr Äusseres sei ihr fremd geworden, sie habe das Gefühl, das sei nicht sie – sie habe sich anders in Erinnerung. Klaus sagt, er hätte gerne ein Bild mit ihr, ein Erinnerungsbild. Sie ist einverstanden, eine Foto zusammen mit Klaus, mit Überwindung.

Wir werden Kontakt halten.

Ihr Mann Klaus wird mich gleich benachrichtigen, sobald Cristina wieder ein paar gute Tage hat, damit wir Filmaufnahmen machen können.

Off-Text, wie er nun am Anfang des Films steht.

Film-Beginn, Szene: Ein Weg mit einem Bäumchen, Raureif, Nebel, daneben die Autobahn.

Totale: UG geht auf dem Weg der Autobahn entlang.

Einkopierte Schrift: Cristina Fessler gewidmet.

Video-Dokument: Cristina Fessler, Malen in früheren Jahren. Aufnahme nicht bildfüllend, Raureif-Gras als Hintergrund.

Cristina. Wir kennen uns seit Jahrzehnten.

Jetzt ist es bald drei Jahre her, dass sie erkrankte und ihre Malerei aufgeben musste.

Doch es gelang ihr ein Neuanfang. Nach zwei Jahren fand sie zu einer Arbeitsweise, mit der sie trotz zunehmenden Lähmungen, wieder künstlerisch schaffen konnte.

Bild: Raureif-Landschaft: UG geht zu einer Bank, setzt sich, schaut in Landschaft. Blick von UG: drei Raureif-Landschaften.

Ich bin in den letzten Jahren wohl öfter mal gestolpert. Doch erst als ich im letzten Sommer einmal ganz aus dem Gleichgewicht geriet, begriff ich, dass ich mich auf mein linkes Bein nicht mehr verlassen darf.

Ich mache mir Sorgen, was ich tun werde, wenn ich nicht mehr mit der Kamera unterwegs sein kann.

Nach all den Untersuchungen hatten die Ärzte gesagt, für das Bein wäre es gut, wenn ich mich möglichst viel abseits der asphaltierten Wege draussen in der Natur bewege. Aber sonst müsste ich wohl damit leben.

Ich habe Cristina besucht, Cristina und ihren Mann Klaus.

Foto: Cristina Fessler und ihr Mann Klaus Stromer am Labtop.

Cristina sagte, sobald sie wieder etwas bei Kräften sei, könne ich gerne zu ihr ins Atelier kommen und ihre Arbeit an den Bildern aufnehmen; aber es wäre ihr lieber, wenn man sie dann nicht sehen würde. Das Bild im Spiegel sei ihr fremd geworden, sei weit weg von der Person, als die sie sich halt immer noch fühle.

Doch sie werde gleich von sich hören lassen, sobald sie wieder einen guten Tag habe.

Filmtitel: «GUTE TAGE»

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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