Anmerkungen des Filmautors zur Drehvorlage.

Anmerkungen des Filmautors zur Drehvorlage.

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Anmerkungen des Filmautors zur Drehvorlage.

«Gute Tage»

Vom Bundesamt für Kultur erwünschter Text zur Drehvorlage.

Anmerkungen des Filmautors.*

In der Drehvorlage sind meine Motive und Absichten auf vielfältige Weise offengelegt; so ist dieser Text eine Art Kürzestfassung, in der einige mir wichtige Aspekte von Form und sog. Inhalt besonders hervorgehoben sind.

Das Publikum wird nicht einfach mit einem Thema konfrontiert, sondern kann sich einem Menschen anschliessen, dessen Zukunftsängste es kennenlernt, und mit ihm am Leben der fünf Protagonisten teilhaben, an ihrem Streben, ihren Schwierigkeiten, ihren Erfolgen, ihrem Scheitern, vor allem aber an der Beharrlichkeit, mit der sie jedem Tag einen Sinn zu geben suchen.

Dieser zentralen Thematik gehe ich im Leben von Bildenden Künstlern nach, weil diese meinem eigenen Schaffen nahe stehen; doch als Filmschaffender ist es für mich immer auch wichtig, eine Thematik dort zu ergründen, wo sie sichtbar ist, wo sie sich in Filmbilder fassen lässt, die uns in ihrer Sinnlichkeit direkt berühren können.

Dazu kommt der Wunsch, eine Thematik, über die wir in unserem Alltag hinwegsehen können (und oft hinwegzusehen suchen), dort darzustellen, wo sie in konzentriertester Form zum Ausdruck kommt, im Leben von Menschen, deren Leben während 24 Stunden im Tag und 7 Tagen in der Woche von ihrem Schaffen geprägt ist, sodass leicht mitempfunden werden kann, wie die Gefährdung dieses Schaffens von existenzieller Bedeutung sein kann.

Aus den Geschichten der Protagonisten wird aber auch deutlich, wie schnell sich unser aller Leben von einem Tag auf den andern verändern kann, wie leicht uns durch einen Unfall oder eine Krankheit das verloren gehen kann, was wir heute als selbstverständliche Normalität empfinden.

Doch das, was uns im Film berühren kann, hat nicht nur mit dieser bestimmten Behinderung, mit diesem künstlerischen Ausdruck zu tun. Uns berührt, was wir aus unserem eigenen Leben kennen – unsere Erfahrungen und Hoffnungen, unsere bewussten und unbewussten Ängste vor dem, was uns aus der Bahn der Normalität werfen könnte – eine Stelle verlieren, Arbeitslosigkeit, das Scheitern einer Beziehung, der Tod einer uns nahestehenden Person.

Ich lege in der Drehvorlage dar, welche Motive am Anfang des Projekts standen, doch das, was mir in den langen Gesprächen mit den Protagonisten aufging, geht weit darüber hinaus und es wird sich im Jahr der Dreharbeiten bestimmt weiter vertiefen. Immer wieder war zwischen uns die Rede davon, wie schwer es fällt, sich von einem alten Selbstbild zu lösen und langsam geht mir auf:

Das Leben ist kein Ort, an dem man sich sicher einrichten kann. Es ist heute anders als gestern und es wird morgen anders sein, als es uns heute vorstellbar ist – dabei fällt es schon unendlich schwer, uns von unserem gestrigen Selbstbild zu lösen. Das müsste nicht sein; ich könnte mir das Leben leichter machen, könnte freier atmen, wenn ich weniger darauf bedacht wäre, mir eine Identität zurecht zu legen, mit der ich mich und andere zu überzeugen hoffe.

PS:

Wenn ich jetzt die Texte überblicke, die ich zu diesem Projekt geschrieben habe, bekomme ich Bedenken, ich hätte vielleicht ein Übermass an Überlegungen ausgebreitet, die das zudecken könnten, auf das es mir ankommt. Darum möchte ich hier abschliessend betonen: Wenn ich mit der Kamera mit einer der fünf Personen dieses Films zusammen bin, geht es um nichts anderes als um diesen Menschen, dann existiert nur dieses Gegenüber – dann geht es nur noch um diesen Moment und sonst um nichts.

Urs Graf, April 2012

*Ich habe die ganze Drehvorlage zum Filmprojekt verfasst, die den möglichen Geldgebern, der Förderkommission vorgelegt wurde. So scheint es etwas seltsam, dass das Bundesamt für Kultur, als Teil des sogenannten Produktionsdossiers, auch noch einen Text des Filmautors im Umfang einer A4-Seite wünscht. Da heutzutage nur noch Eingaben von Produktionsfirmen erwünscht sind, möchte man vielleicht doch noch wissen, was der (dafür angestellte) Filmautor darüber denkt.

Also habe ich halt noch einen Text zu meinem Text geschrieben. Und im Nachhinein scheint es mir nun sogar nützlich zu sein, dass ich noch einen Schritt zurück tun und mit etwas Distanz betrachten musste, was ich da geschrieben hatte.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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