Unterwegs zur definitiven Form.
«Gute Tage» Teil 2.

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Unterwegs zur definitiven Form.
«Gute Tage» Teil 2.

Zur definitiven Form.
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Filmmusik.

Der Komponist Alfred Zimmerlin hatte 1999 für meinen Film «Die Zeit mit Kathrin» die Filmmusik komponiert.

In den Kritiken wurde der Film auf einen Nenner gebracht, der nicht ganz an der Sache vorbei geht: 'Die Geschichte eines jungen, kichernden Mädchens, das eine Schauspielausbildung macht, in diesen vier Jahren die Möglichkeiten von Frauenrollen erkundet und nach und nach zu einer selbstbewussten jungen Frau wird.'

Als es um die Filmmusik ging, hatte ich mit dem Komponisten vereinbart, dass er dieser Geschichte, die so positiv erlebt werden kann, eine leicht melancholische Musik entgegensetzt, die der Frische und Spontaneität, die da verloren gehen, etwas nachtrauert. Ruhige Klänge zweier Bratschen, ein diskreter Kontrapunkt, der der Komplexität des Films gerecht wird.

Die Musik, etwas Fremdes, das zu einem Teil des Films «Die Zeit mit Kathrin» wird, ihm aber auch fremd bleibt. Und weil die Musik etwas Eigenständiges bleibt, lässt sie sich auch mit dem Film «Gute Tage» zusammenbringen – hatte ich mir überlegt

Die Filmmusik aus dem Film «Die Zeit mit Kathrin» für den Film «Gute Tage»?

Es schien mir interessant, eine Musik, deren Zusammenspiel mit den Szenen eines Films ich so gut kenne, fast zwanzig Jahre später erneut einzusetzen, sie mit anderen Bildern, anderen Geschichten in Verbindung zu bringen. Die Musik würde hier einen anderen Sinn in den Film bringen. Auch Alfred Zimmerlin war gespannt, seine Musik in einem ganz anderen Zusammenspiel zu erleben.

Die Kathrin-Musik umspielt in feinen Variationen ihre Themen, geht sehr fein auf Kathrins Entwicklung, auf einzelne Szenen ein. So wird die Musik auch immer stark von den einzelnen Szene eingefärbt, ist fast nicht mehr von den Bildern zu trennen. Ich wäre erstaunt, wenn sie jemand wiedererkennen würde. (Und falls sich jemand aus dem Kinopublikum wirklich an die Musik erinnern sollte, wäre dies ein besonders spannendes Erlebnis für ihn.)

Im Film «Gute Tage» würde die Musik eine ähnliche Funktion haben, wie im Kathrin-Film. Dort hatte sie mit einer leichten Melancholie dazu beigetragen, dass das Kindlich-Unbefangene nicht ganz vergessen wird, das wir am Anfang des Films erlebt hatten. Im Film «Gute Tage» steht die leichte Melancholie dem unbeirrbaren künstlerischen Schaffen der vier Protagonisten entgegen, lässt das Schwinden der Kräfte nicht vergessen, das Vergehen der Zeit, die Endlichkeit. (So etwa hatte ich mir das etwa vorgestellt.)

Vorführung der Rohmontage.

Eine erste Vorführung der Rohmontage des Films für einige wenige Leute aus dem Kino-Geschäft, die am Film interessiert sein könnten. Der Film noch mit einer Überlänge von etwa zehn Minuten – Musik aus dem Kathrin-Film, der provisorische Off-Text von mir gesprochen.

Ich bekam ein paar nützliche Anregungen, doch vor allem waren sich alle einig, dass die Musik die Schwierigkeiten der zentralen Personen aufnehme, dem aber nichts entgegensetze, die ermutigenden Szenen nicht betone, wenn ein künstlerisches Werk am Entstehen sei. Kein Kino-Besitzer (natürlich wurden auch Namen genannt) werde einen Film mit solch depressiver Musik spielen.

Über die Wirkung von Musik lässt sich schwer streiten. Also schaltete ich das Bild aus und spielte ein Stück der Musik vor – eine stille, berührende, zarte und auch etwas melancholische Musik – eine Musik, die niemand als depressiv bezeichnen würde, der sie ausserhalb eines solchen Zusammenhangs hört. Das konnte natürlich Leute nicht überzeugen, die Vorstellungen von Kinobesitzern und Kinopublikum im Kopf haben. Sie blieben dabei: Es gebe in diesem Film nur diese eine Musik, nur eine musikalische Stimmung, die den ganzen Film düster einfärbe.

So empfand ich das nicht, doch wahr ist, dass ich das Leben von Boris, Renate, Daniel und Schang immer überschattet sah, vom Abnehmen der Kräfte, von der Möglichkeit eines Lebens ohne künstlerisches Schaffen, von einem nahenden Tod.

Schon vor etwa vierzig Jahren hatte ich die Erfahrung gemacht, dass von vielen Leuten aus der Kinobranche nicht zu erfahren ist, ob ihnen ein Film gefällt. Sie orientierten sich an ihren Vorstellungen von Kinobesitzern und deren Vorstellungen vom Publikum. Wenn ich nachfragte, zeigte sich oft, dass sie keine eigene Meinung zu einem Film haben. Vermutlich hatten sie sich das abgewöhnt, weil es für das Geschäft nicht wichtig ist. (So gingen die Dokumentarfilmer des Filmkollektivs und die Kollegen  vom Verleih der Filmcooperative auch verschiedene Wege.)

Wer in der Kinobranche tätig ist, weiss, dass er ein bis zwei grosse Publikumserfolge braucht, um geschäftlich übers Jahr zu kommen. Für die Grossen heisst das, irgendwelche amerikanischen Monsterproduktionen, die mit Riesenbudgets in die Medien gebracht werden. Für die Kleinen können schon Schweizer Filme genügen, die ein Thema haben, von dem ein grösseres Publikum glaubt, es nicht verpassen zu dürfen. Und auf ein solches Publikum werden die Filme von den Produzenten oft auch ausgerichtet. Allerdings gibt es auch immer mehr Filmautoren, die sich nur noch von gerade aktuellen Themen die Arbeit bestimmen lassen (oder von einem Thema, das nächstes Jahr aktuell sein wird, weil gerade ein Jubiläum ansteht).

Konsequenzen?

Wenn man etwa fünf Jahre an einem Film gearbeitet hat, kann man sich nicht so leicht damit abfinden, dass der Film von den Leuten ignoriert wird, die in dieser Branche tätig sind. All das, was über diese Zeit hinweg in den Film eingeflossen war, durfte nicht einfach verloren sein. Vor allem fühlte ich mich auch verantwortlich gegenüber den Darstellern, die so viel Energie und Zeit in dieses Projekt eingebracht hatten.

Eine andere Musik.

Der Film musste zu einer Musik kommen, zu der ich genau so stehen konnte, wie zu den Bildern, den Texten – eine Musik, die den melancholischen Teil des Films nicht leugnet und die sich nicht dazu hergibt, die Gefühle der Zuschauer bei jedem irgendwie berührenden Geschehen auf eine gewünschte Weise zu bewegen.

Nachdem ich ein paar mal darüber geschlafen hatte, war mir klar, dass ich mich auf die Wünsche nach einer Betonung des Positiven durch die Musik nicht einlasse; doch nachvollziehen konnte ich, dass die melancholischen Anklänge der Musik während Kathrins Schauspielausbildung nur eine kleine Relativierung des Gelingens sind, während sie sich bei Boris, Renate, Daniel und Schang eher mit den zunehmenden Schwierigkeiten, dem Abnehmen der Lebenskraft verbinden.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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