Unterwegs zur definitiven Form.
«Gute Tage» Teil 6.

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«Gute Tage» Teil 6.

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Unterwegs zur definitiven Form.
«Gute Tage» Teil 6.

Zur definitiven Form.
«Gute Tage» Teil 6.


Der Film.

Die Montage des Films ist beendet, die definitive Farbbestimmung ausgeführt, die Tonmischung gemacht, eine erste Kopie des Films hergestellt.

Der Verleiherin Bea Cuttat von LookNow! gefällt diese Fassung. Sie bringt den Programmierer eines Zürcher Studio-Kinos dazu, sich den Film anzusehen.

Man muss wissen, dass ein Film in den Deutschschweizer Spielstellen nur programmiert wird, wenn er in Zürich in einem namhaften Kino herausgebracht wurde und dort einen erwähnenswerten Publikumserfolg hatte.

Kino. Ablehnung des Films.

Nach der Projektion wirkt der Kino-Programmierers sehr mitgenommen. Nach eine Viertelstunde treffen wir uns mit ihm in einem Café. Er hat sich etwas erholt und sagt, auf einen solchen Film werde sich kein heutiges Kinopublikum einlassen – dermassen düster, nur über Krankheit und Tod. Und ein junges Publikum werde sich ohnehin keinen Film ansehen, in dem es nur um Alte gehe.

Und dazu komme: Dem Film stehen keine Finanzen für eine grossangelegte Werbung zur Verfügung, wie bei den Filmen zu denen er in Konkurrenz stehen wird. So wird er auch in den Medien keine Resonanz finden. Der Film könnte also nur über Mundpropaganda ein Publikum finden, doch er könne sich niemanden vorstellen, der seinen Freunden und Bekannten begeistert sagt, sie müssten diesen Film unbedingt anschauen. Das wolle niemand sehen. Also sei es nicht möglich, den Film im Kino herauszubringen.

Die Verleiherin Bea Cuttat und ich erwiderten, der Film mache doch auch Mut. Es sei doch ermutigend, wie diese Künstler unter schwierigsten Bedingungen weiter dran bleiben, an dem was ihnen im Leben wichtig ist – dass sie ihrem Leben immer wieder von neuem einen Sinn zu geben suchen, das Bestmögliche aus jedem Tag machen.

Der Kino-Programmierer antwortet: Aber durch den Film hindurch würden ihre Möglichkeiten doch immer kleiner, es werde doch weniger und weniger.

Ich gebe zu, dass wir vielleicht eines Tages sterben könnten und dass der Film das nicht verschweigt.

Ablehnung vertagt.

Ich sage, dass ich die Meinung des Kino-Geschäftsführers zur Kenntnis genommen habe, aber dass wir uns nochmals mit ihm in Verbindung setzen werden, wenn der Film an den Solothurner Filmtagen gezeigt wurde. Ich würde ihn (nun doch noch) dort anmelden.

Eine Premiere an den Solothurner Filmtagen widerspricht eigentlich den Wünschen von Verleih und Kino, weil es in den Medien schon lange keine Berichterstattung mehr über die gezeigten Filme gibt, weil die Zeitungen gar keine Journalisten mehr über die ganze Zeit hinweg an die Filmtage senden, weil auch gar nicht mehr über einzelne Filme berichtet werden darf, denn ein Film soll in einer Zeitung nur ein Mal 'stattfinden' und das wird (höchstens) beim Kino-Start in dieser Ortschaft sein. Und weil in Solothurn über tausend Leute den Film sehen werden, ohne dass der Verleih etwas einnimmt, also in jeder Beziehung ein Verlust.

Dazu kommt, dass sich die Filmtage von einer Werkschau immer mehr zu einer Veranstaltung mit verschiedensten Wettbewerben und Preisen entwickelt haben, die sich immer mehr einem mittelmässigen Publikumsgeschmack anpassen. Und darüber wird berichtet, denn das lässt sich mit einem Artikel und einer Fotografie erledigen.

Als Filmautor mit Solothurner Hintergrund und Kunstpreisträger des Kantons war mein Film vom Solothurner Kuratorium finanziell grosszügig gefördert worden, sodass ich mich ohnehin verpflichtet fühlte, ihn in Solothurn zu zeigen.

Premiere an den Solothurner Filmtagen im Januar 2017.

Ich schrieb ein Protokoll zu den positiven Erfahrungen mit den Aufführungen an den Solothurner Filmtagen, das ich der Verleiherin und dem Kino-Geschäftsführer sandte: Publikumsreaktionen, Gratulationen von Kolleginnen, Kollegen und von Zuschauern. Ausschnitte aus Mails. Eine erste Besprechung des Films im Internet. Alle Reaktionen ausserordentlich positiv aber auch die Qualitäten des Films konkret benennend. (Natürlich nichts in den Medien, doch das wurde auch nicht erwartet.)

Film im Kino.

Der Zürcher Kino-Geschäftsführer liess sich von den Solothurner Reaktionen so weit überzeugen, dass er die Programmierung in einem seiner Zürcher Kinos wagte. Allerdings ergab sich noch ein Problem: Für den Film hatte er ein Kino vorgesehen, das bei den Zürcher Filminteressierten einen besonders guten Ruf hat. Da aber damit zu rechnen war, dass auch Behinderte den Film sehen möchten und da ihn Pro Infirmis in ihren Veröffentlichungen empfehlen würde, musste der Film in ein rollstuhlgängiges Kino verlegt werden.

Mit anderen Worten: Es gibt renommierte Studio-Kinos in Zürich, die nur über steile Treppen zu erreichen sind.

Kino.

Der Film wurde in den Studiokinos der Deutschschweiz gezeigt, in Zürich lief er während zehn Wochen und der Kino-Geschäftsführer hatte der Verleiherin zugesagt, dass er danach weiterhin in den Sonntags-Matinéen gespielt werde, solange sich das Publikumsinteresse halte.

Zufälligerweise traf ich den Geschäftsführer am Freitag der zehnten Woche auf der Strasse, also nach dem letzten regulären Spieltag des Films. Er sagte, dass er sich über das Publikumsinteresse bei diesem Film getäuscht habe, jetzt sei es ja ein schöner Erfolg geworden und ab Sonntag komme der Film ja noch in das Matinée-Programm. Ich hatte vor ein paar Tagen auch noch einen grossen Mail-Versand gemacht, um diejenigen auf die Matinee aufmerksam zu machen, die ihn in den zehn Wochen verpasst hatten.

In den Wochenend-Ausgaben der Zeitungen finde ich keine Ankündigung der Matinée. Die Verleiherin hatte auch darauf reagiert und sich bei der Kino-Geschäftsführung erkundigt. Die Matinée-Vorführungen des Films waren abgesetzt worden, weil es sich gezeigt habe, dass ein anderer Film … (usw – die üblichen Ausreden in dieser Branche).

Filmautoren und die Verleiherin bestätigen, dass das nicht überraschend ist – dass die Kinos halt so funktionieren, dass man sich nie auf Zusagen verlassen kann. (Mir ist unverständlich, dass es Verleiher gibt, die über Jahre hinweg mit solchen Leuten zusammenarbeiten.)

PS.

In der WOZ, Wochenzeitung war der Film immer in der Programm-Übersicht der Studio-Kinos erschienen. Ich machte die WOZ darauf aufmerksam, dass der Film im redaktionellen Teil ignoriert wurde. Darauf eine halbherzige Besprechung (zusammen mit einem Film ähnlicher Thematik). Das dauerte halt seine Zeit. Veröffentlicht wurde die Besprechung genau nach den zehn Wochen.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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