Einprägsame Szenen.

Einprägsame Szenen.

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Einprägsame Szenen.

Einprägsame Szenen.

Eine Szene des Films «Gute Tage» hat sich den Zuschauern besonders eingeprägt.

Kontrast.

Daniel hatte eine Hirnblutung, ist seither halbseitig gelähmt. Seit einer Lungenentzündung war er so geschwächt, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Mit grösster Anstrengung versucht er nun das Gehen mit seinem lahmen Bein wieder etwas zurückzugewinnen. Er geht am Stock um den runden Tisch des Wohnzimmers. Der Bildausschnitt ist relativ weit, fast unmerklich schwenkt die Kamera mit. Eine sehr schlichte Aufzeichnung des Geschehens.

Auch wenn dies eine berührende Szene sein mag, müssen noch andere Gründe dazu beigetragen haben, dass das Publikum so stark davon angesprochen wurde, dass sich diese Szene so stark eingeprägt hat. Es ist nicht nur der Gehalt des Bildes, das seine Wirkung bestimmt, sondern auch der Zusammenhang, in den es gestellt ist.

Vor der Szene mit Daniel ist eine längere Sequenz der grossen Ausstellung von Schang Hutters Lebenswerk in Bern: Schang in der aufgebauten Ausstellung,. Die beiden riesigen Hallen mit seinen Bildern und Skulpturen. Zwei Aussagen von Schang. Dann die Vernissage mit dem grossen Publikumsandrang, den stehenden Ovationen nach Schangs Rede. Schang wird fotografiert. Er signiert den dicken Katalog für Besucher, die sich um ihn drängen.

Die Szene mit Daniel berührt besonders durch den Kontrast ihrer Schlichtheit, weil man davor die aufwendige Kunst-Präsentation und Schangs grosse Wertschätzung durch die vielen Ausstellungs-Besucher erlebt hat. Schang innerhalb Hunderten von Leuten – Daniel allein.

Wie mir Zuschauer sagten, haben sie Daniel in diesem Teil des Films als besonders einsam erlebt, abgeschieden vom gesellschaftlichen Leben. Niemand erwähnte die beeindruckende Sequenz von Schangs Ausstellung, niemandem wurde bewusst, dass da möglicherweise ein Zusammenhang geschaffen worden war, dass die Szene mit Daniel auch vom Vorangegangenen eingefärbt worden war.

Chronologie (selbstverständlich wirkende).

Im Prinzip ist der Film auf Chronologie angelegt. Diese wird betont, immer wieder werden in den Texten Monate genannt, sodass sich ein Gefühl für das Verstreichen der Zeit vermittelt. Auch die Ausstellung wurde zu Schangs achtzigstem Geburtstag im August eröffnet. Und es scheint als selbstverständlich hingenommen zu werden, dass sich die Szenen Schang, Daniel und Renate so hintereinander abgespielt haben. Und so erleben die Zuschauer auch einfach die Wirkung von drei sich folgenden August-Ereignissen, fragen sich nicht, ob diese Szenen im Hinblick auf eine mögliche filmische Wirkung in dieser Weise aneinander gereiht sein könnten.

Direktes Aufeinandertreffen.

Es gibt jedoch noch eine Besonderheit an dieser Szenen-Folge, die sicher nicht wahrgenommen wird, die aber deren Ausstrahlung wesentlich bestimmt.

Durch den ganzen Film hindurch waren die Sequenzen der Protagonisten durch Landschaftsbilder voneinander getrennt; hier treffen zum ersten Mal Szenen von zwei Künstlern direkt aufeinander – nach 90 Minuten der 99 Minuten Filmdauer.

Nach dieser Szene mit Daniel (einer einzelnen Einstellung) folgt eine Sequenz der malenden Renate – auch hier durch einen direkten Schnitt mit der Daniel-Szene zusammengebracht. Doch hier nicht als Kontrast, sondern in Betonung des Gemeinsamen, des Bemühens um das verlorengegangene Stehen und Gehen. Von Renate erfährt man hier, dass sie wieder länger stehen kann, wenn sie ganz auf das Malen konzentriert ist und wie glücklich sie darüber ist.

Jedes Bild trägt seinen Gehalt in sich, doch der Montagezusammenhang kann die Intensität der Szene wesentlich verstärken und die Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung lenken. Wenn hinter Schangs grosser gesellschaftlicher Beachtung die Szene mit Renate montiert wäre, hätten Zuschauer vielleicht Renates Ausgeschlossensein empfunden; doch sicher nicht wie bei Daniel, denn sie ist ja am Malen – an einem Tun, das auf eine gesellschaftliche Wahrnehmung ausgerichtet ist.

Trotz allem, was sie trennt, was sie auch in andere Zusammenhänge stellt, tritt hier die eine gemeinsame Thematik hervor, bilden dene Sequenzen von Daniel und Renate hier eine Einheit.

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Ich kann nicht wissen, was eine gute Montage ist, dafür sind die möglichen Wirkungen allzu vielfältig; doch wenn eine Fassung einmal montiert ist, achte ich darauf, wie und ob eine Szene von Vorangegangenem eingefärbt sein könnte.

Das nahe Ende des Films.

Die Szene mit Daniel, die sich vielen Zuschauern besonders einprägte, erscheint im Film 7 Minuten vor dem Film-Ende. Man darf sicher kein Prinzip daraus machen, doch je näher eine Szene am Ende des Films ist, desto grösser die Möglichkeit, dass sie noch nicht überdeckt wurde, dass sie dem Publikum beim Verlassen des Kinos noch präsent ist.

Publikums-Aufmerksamkeit.

Erfahrungen an Medienkursen beim Analysieren von Spielfilmen: Oft werden Szenen vom Anfang des Films vergessen. Vor allem, wenn die sog. Exposition des 'Dramas' noch mit dem Titelteil des Films verbunden ist, wird vieles verpasst, das zum Verständnis des Folgenden wichtig sein könnte. Immer wieder kommt es vor, dass ein echtes Interesse erst mit den ersten Identifikations-Angeboten aufkommt – erst wenn das Gefühl aufkommt, eine erzählenswerte Geschichte habe begonnen.

Obwohl ich mir dessen bewusst bin, staune ich immer wieder aufs Neue, wie lange das Publikum braucht, um sich einem Film voll zuzuwenden. Auch als Dokumentarfilmer mache ich (z.B.) die Erfahrung, dass sich viele Zuschauer in den ersten zwei Minuten nach und nach an die Stimme eines Sprechers gewöhnen und zuzuhören beginnen. Da nützt es nichts, wenn man danach in einem Gespräch sagt, das sei doch alles klar ausgesprochen worden – Wort für Wort belegbar.

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«Ich habe es den Schülern gelehrt, doch sie haben es nicht gelernt.»

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Das Publikum braucht seine Zeit, um sich auf einen Ort einzulassen, auf eine Stimmung, auf Personen, auf die ersten Eindrücke einer Handlung.

Anders bei Fernsehfilmen, die sicherheitshalber die Zerstreutheit des Publikums voraussetzen. Und die auch noch damit rechnen, dass sich die Zuschauer erst nach und nach auf ihren Sesseln einfinden. Daher verlangen Fernsehredaktoren auch, dass die im Laufe eines Films auftretenden Personen immer wieder mit einkopierten Schriften bezeichnet werden (auch für all diejenigen, die später mal auf diese Sendung gestossen sein könnten).

Der grosse Unterschied jedoch ist, dass das Kinopublikum keine Fernbedienung in der Hand hat, um zu etwas Interessanterem umzuschalten oder um sich wenigstens darüber zu informieren, was es zur Zeit verpasst. Kinobesucher sind beharrlicher, selten verlässt jemand in den ersten zehn Minuten den Saal, schliesslich sind ja hierher gekommen und haben Eintritt bezahlt.

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Für das Fernsehen arbeiten, heisst einen Film darauf anlegen, dass er sich gegen die benachbarten zehn Sender behaupten kann, und dies von den ersten Sekunden an – vor allem von den ersten Sekunden an, in denen die Gefahr des Umschaltens am grössten ist. (Ausnahmen mögen die 'Sendegefässe' sein, von denen ähnliche Inhalte und Formen der Darstellung erwartet werden – Tatort oder Sternstunde Kunst – wo es eine Viertelstunde dauern kann, bis man merkt, dass man das nicht unbedingt anzuschauen braucht oder dass man als Zuschauer nicht in dieser zuvorkommenden Art bedient werden möchte.

Auffallend, wie treffend in diesem Zusammenhang das Wort 'zuvorkommend' – ein Film, der dem immer etwas zuvor kommt, was an Publikums-Interesse aufkommen könnte.

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Zu seiner aktiven Zeit sagte der Fernseh-Dokumentarfilmer und Redaktor Paul Riniker, am Anfang des Films solle man die zweitbeste Szene des Films, des gedrehten Materials einsetzen (damit die Zuschauer dranbleiben, nicht umschalten) und gegen das Ende des Films hin die beste Szene (damit der Film zu diesem Höhepunkt hin aufgebaut werden kann?)* So wie ich Paul kennengelernt habe, meinte er mit 'beste' die berührendste Szene.

*Das heisst auch, dass der Inhalt, das Drehmaterial bekannt sind und nun noch publikumswirksam eingesetzt werden muss.

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Ich habe nie für das Fernsehen gearbeitet, war also nie mit solchen Voraussetzungen konfrontiert (der gesendeten Werbung, die möglichst hohe Einschaltquoten fordert).

Andrerseits mag das auch erklären, dass man meine Filme beim Fernsehen nicht liebt; sie sind wirklich nicht für solche Gegebenheiten geschaffen.

Es gab Zeiten, in denen von den Prozenten der Fernseh-Zuschauer die Rede war. Das hat sich geändert: Nun spricht man nicht mehr von den Prozenten der möglichen Zuschauer, sondern nur noch von sog. Quoten, nur noch vom prozentualen Anteil an den zu diesem Zeitpunkt eingeschalteten Apparaten – vom prozentualen Anteil am Kuchen, der zu diesem Zeitpunkt zwischen den konkurrierenden Sendern aufgeteilt ist.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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