ETH, Texte zum Autoren-Ich.

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ETH, Texte zum Autoren-Ich.

ETH: «Von der Praxis zur Theorie des Films»

Texte zum Autoren-Ich.

Im Zusammenhang mit dem Kunst-Anspruch unserer Filme.

Zur Anregung eine kleine Sammlung von Texten, in denen auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommt, wie der Autor/die Autorin zu seinem/ihrem Werk steht.

Texte zum Autoren-Ich.

«Beim Schreiben ist die Person, die schreibt, nicht die gleiche Person, die Zeitung liest, die einkauft, oder durch einen Park geht, die mit einem Bekannten, oder mit einem Fremden spricht, die in der U-Bahn sitzt, oder auf dem Bahnsteig in den Zug steigt. In den aufgezählten Umständen ist die Person, weil sie nicht schreibt, eine für sich selbst erreichbare, einschätzbare Person. Im Zustand des Schreibens ist die Person, weil sie schreibt, eine für sich nicht erreichbare Person. Man könnte sagen: Die Person die schreibt, ist eine erfundene Person. Auch für sich selbst.»

(Herta Müller)

«Wenn jemand ‚Ich‘ schreibt, ist dieses Ich schon eine Fiktion.»

(Peter Härtling)

«... nicht zu vergessen, dass man beim Schreiben ein anderer ist.»

(Robert Pinget)

«Einen Dichter kann man nicht besuchen, man trifft immer nur einen Menschen an. Denn er ist einer, der gerade schreiben wird oder der schon geschrieben hat. Es gibt ihn nur im Futur oder im Prätertium.»

(Paul Good)

«Ich beobachte den Beobachter in mir. Ich höre zu, was das von mir Gesehene mir oder sich selbst sagt.»

(Paul Valéry)

Und natürlich: «Je est un autre.»

(Arthur Rimbaud)

Film als Kunst:

Ein Kunstwerk sollte für sich stehen können. Und da wir in unsrem Kurs, Film als Kunst betrachten wollen, wäre der Autor eigentlich nicht von Interesse. Doch wenn man bei einer Filmvorführung genau hinschaut und hinhört, kann man an den Bildern, Tönen und Texten, Eigenarten der Gestaltung erkennen, die eine Haltung eines Autors erkennen lassen, die dem Film als Ganzem einen Sinn verleihen.

Doch wenn wir Künstlern glauben dürfen, ist ihnen ihr Werk nur beschränkt zugänglich, sodass wir auch den Filmautor nicht mit seinem privaten Ich gleichsetzen sollten.

Der Filmautor als Fiktion:

Vor allem bei den Gruppenarbeiten, wie wir sie vorhaben, kann es hilfreich, anregend, befreiend sein, wenn sich die drei Personen einer Gruppe auf ein fiktives Autoren-Ich einigen (mit dem sie sich mehr oder weniger identifizieren können), statt ständig zu versuchen, ihre privaten Ichs für den Film in Übereinstimmung zu bringen.

Allein oder in einer Kleingruppe: Es kann befreiend sein, wenn es gelingt, bei der Arbeit eine solche Haltung einzunehmen: Das private Ich nicht immer mit dem künstlerisch schaffenden Ich gleichzusetzen zu wollen.

Das mag etwas überrissen klingen, doch in der Vorstellung dieser fiktiven Autoren-Figur braucht man sich ja nicht über ihren ganzen komplexen Charakter und ihre Weltanschauung einig sein, es kann ja genügen, eine gemeinsame Vorstellung von einem Standpunkt zur anstehenden Thematik anzunehmen.

Bei der Realisierung des Films Şeriat habe ich einen Zettel an meine Pin-Wand gehängt, auf dem nichts anderes stand als 'Individuum und Gemeinschaft'. Wenn ich unsere Kultur mit der traditionell-türkisch-islamischen Tradition in Beziehung zu bringen suchte, schien mir diese Thematik im Vordergrund zu stehen. Das hat sich den Zuschauern kaum vermittelt, aber mir half es, bei der Arbeit den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren. Ich habe mich bei der Arbeit bemüht, diese Thematik nicht aus den Augen zu verlieren – bei jeder Szene daran zu denken, ob sie irgendeine Art von Beitrag zu dieser Thematik ist. (Jetzt übertreibe ich natürlich, doch geholfen hat der Zettel an der Pin-Wand schon.)

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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