ETH, Filmmusik.

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ETH, Filmmusik.

ETH: «Von der Praxis zur Theorie des Films»

Filmmusik.

Versuche mit einer Art neutralem Klang.

Notizen aus dem Gespräch mit den Kursteilnehmern.

Letzte Woche haben wir uns mit Filmmusik befasst. Hier eine Zusammenfassung unserer Gespräche (natürlich vor allem das, was mir daran interessant schien). Wir hatten uns gefragt, ob sich überhaupt etwas Allgemeines über Filmmusik sagen lässt. Wir versuchten Musik mit ihren musikalischen Eigenschaften zu erfassen, mussten aber gleich feststellen, dass jede Musik mit verschiedenartigsten aussermusikalischen Elementen verbunden ist. Schon durch die Instrumente ergeben sich Verbindungen – die Geige zu einer Art von Klassik, das Saxophon zu Jazz, das Bandoneon zu Argentinien, zum Tango usw. Dies sind simple Klischees, doch waren wir uns einig, dass gerade solche Vereinfachungen wirksam sein können – Verbindungen zu Ländern, Kirche, Militär, Esoterik, Clubs. Und nicht zu vergessen, die Bezüge zum Sound von Filmgattungen oder Fernsehserien.

Um solche Kategorisierungen zu umgehen, hatte ich zwei elektronische Klänge hergestellt (liegende Klänge, unverändert ruhig klingende Dur- und Moll-Akkorde). Um uns der Bild-Klang-Wirkungen etwas klarer zu werden, spielten wir diese Klänge über einen Lautsprecher zu ausgewählten, langen Film-Einstellungen ab.

Über die Wirkung waren wir uns weitgehend einig. Egal zu welchen Bildern wir die Klänge abspielten, unser Blick auf die Leinwand wurde verändert. Wir wurden in eine andere Stimmung versetzt, die Klänge verliehen den Bildern eine seltsame (rätselhafte) Tiefe. Wir vermuteten, dass die Klänge etwas Körperliches mit uns anstellten (vielleicht unser Atmen veränderten), das uns die Bilder intensiver erleben liess. Nicht eine Wirkung in eine bestimmte Richtung, sondern eine andere Haltung (was auch etwas Körperliches meint) – eine grössere Offenheit der Welt gegenüber, den Bildern auf der Leinwand gegenüber.

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Interessant war, dass es Bilder gab, die eine besondere Intensität entfalteten, während andere dieser Intensivierung nicht standhielten. Die Klänge stellten mit einzelnen Bildern etwas an, das sie nicht ertrugen. Bilder, die uns in der stummen Vorführung relativ unauffällig erschienen waren, wurden von dem Klang überfordert, wirkten nun pathetisch, aufgeblasen, wurden zu Kitsch.

Doch es blieb dabei, dass die 'Film-Musik' die Intensität unserer Wahrnehmung verstärkt hatte (unsere Offenheit den Filmbildern gegenüber, den Handlungen gegenüber). Das sprach für den Einsatz von Filmmusik. Nach meinem Versuch, der Musik etwas auszutreiben,  könnte nun das wieder hinzugefügt werden, was ihr wir den besonderen Charakter geben hatte – sei es den Klang eines Symphonieorchesters aus dem vorletzten Jahrhundert, sei es ein Schwizerörgeli.

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Nach wenigen Versuchen stellten wir allerdings fest, dass es Arten der Musik gab, mit der keine solche Wirkungen verbunden waren. Die Musik musste eine bestimmte Qualität in sich haben, die uns jeden Moment erleben liess, die jedem Moment eine Intensität verlieh, während andere Musik leicht über die Bilder auf der Leinwand hinwegführte, manchmal auch darüber hinweghüpfte.

Fragmente aus unseren Gesprächen rund um die Filmmusik.

Die aktuelle Lieblingsmusik des Autors ist nicht unbedingt das, was der Film braucht.

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Vorsicht mit Songs; es entstehen Bedeutungen, wenn die Worte mit den Bildern des Films zusammentreffen.

Wir mussten feststellen, dass sogar diejenigen, die eine Musik für ihren Film auswählten, die Worte nicht beachteten. Das Umgekehrte hatte wir auch schon erlebt: jemand hatte einen Song für seinen Film gewählt, weil darin eine wichtige Zeile vorkam, so etwas wie das Motto seines Films. Nur achtete bei der Vorführung niemand auf die Worte des Songs.

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Die Musik soll nicht möglichst gut zum Film 'passen', sondern sie sollte etwas hinzufügen. (Wenn sie 'passt' wäre das ein Grund um sie wegzulassen.)

Die Musik sollte nicht etwas verstärken, das schon da ist, sondern etwas Fremdes hinzufügen.

Die Musik sollte den Film nicht möglichst konsumierbar machen, sondern interessanter, spannungsvoller, vielleicht auch irritierend.

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Musik sollte nicht etwas Missratenes 'flicken' wollen, Das Risiko ist gross, dass das Unbefriedigende dadurch noch stärker hervortritt. Wenn man zum Flicken einer Szene neigt, sollte man dieser im Aufbau des Films vielleicht weniger Gewicht geben? Vielleicht müsste der Aufbau nochmals überdacht werden und die Szene könnte wegfallen? (Vielleicht müsste man auch überlegen, ob mit dieser Aufnahme besondere Anstrengungen, Komplikationen verbunden waren, die es so schwer machen, darauf zu verzichten?)

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Oft möchten wir in einem Film eine Musik einsetzen, weil diese von der zentralen Person des Films besonders geschätzt wird. Das überzeugt nur, wenn sich die Musik mit der Handlung, mit der Person verbindet. Sie hört diese Musik am Radio oder sogar ab Plattenspieler. Dann könnte diese Musik über die Sequenz hinaus führen und vielleicht auch noch an anderen Stellen des Films zu hören sein. (Als Filmautor würde ich das aber nur machen, wenn ich mir diese Musik auch zu eigen machen könnte.)

Prinzipiell ist die Musik eine Ausdrucksform des Filmautors – wie ein Kommentar von ihm – wie ein Text, der zu den Bildern zu hören ist.

Wie ein Text, kann eine Musik aber auch etwas wie ein ein Zitat sein, das der Autor den Bildern hinzufügt.

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Die Musik kann von Zeit zu Zeit auftreten und eine Grundstimmung des Films betonen. Wenn der Film eine bestimmte Entwicklung nimmt, wäre es banal, wenn auch die Musik dieser Tendenz folgen würde. Sie müsste beharrlicher sein. Vielleicht auf einen Nebenaspekt bezogen, der nach und nach Gewicht bekommen könnte?

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Schwierig ist ein ironischer Einsatz der Musik. Man muss sich dabei wohl an recht simple Klischees halten, wenn man nicht riskieren will, dass die Musik ernst hingenommen wird. Man muss sich sehr überlegen, ob sie auf eine Weise in den Film eintritt, die als ironisch empfunden werden kann.

Und wenn sie so eindeutig ist, dass sie ironisch empfunden wird, dann könnte es sein, dass der Film auf eine allzu simple Weise etwas zu denunzieren sucht.

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Üblicherweise wird gedacht, man setze eine Musik zu den Filmbildern ein. Vielleicht könnte ein besonders interessanter Film entstehen, wenn man eine Musik wählt und dann zu dieser Musik Filmbilder suchen geht – Bilder zu dieser Musik dreht.

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Wenn der Film als Einheit von Bild und Musik daherkommt, kann eine starke Wirkung entstehen, wenn in einem wichtigen Moment keine Musik da ist. Es gibt kaum ein stärkeres Mittel als die Stille. Stille kann in einem Film so stark sein, dass sie pathetisch wirkt. (In einem lauten Film kann die Stille extrem bedeutungsvoll und sogar kitschig wirken.)

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Es gibt auch sehr gute Filme – Spielfilme und Dokumentarfilme – ohne Musik.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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