Medienpädagogik (Praxis 1975, 1979).

Medienpädagogik (Praxis 1975, 1979).

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Medienpädagogik (Praxis 1975, 1979).

Medienpädagogik (Praxis 1979).


Aus einem Brief von Christian Doelker von der AV-Zentralstelle am Pestalozzianum Zürich (6.12.1979).

Lieber Herr Graf,

ein kleiner Anlass bietet Gelegenheit, unser Gespräch wieder einmal aufzunehmen. Eine besorgte Lehrerin aus unserer Arbeitsgruppe Medienpädagogik teilte uns mit, dass Sie kürzlich an einem Lehrerkapitel eine pauschalisierend abschätzige Bemerkung zu unserem Projekt Medienpädagogik gemacht hätten.

Brief von Urs Graf (14.12.79).

Sehr geehrter Herr Doelker,

Sie sind vermutlich von dieser Lehrerin richtig informiert worden. Da Sie nicht verstehen können, warum ich mich so geäussert habe, versuche ich dies hier klarzustellen.

Ich habe an besagtem Zürcher Lehrerkapitel über Zusammenhänge von Ästhetik und Produktionsformen gesprochen. Wie Sie vermutlich wissen, versuchen wir im Filmkollektiv eine Ästhetik zu entwickeln, die sich gesellschaftlich als emanzipatorischen Beitrag versteht. () Einige Stichworte, um die Richtung des Vortrags anzudeuten: Ästhetik – Form bestimmt Kommunikationsform (Rezeption), das heisst auch: die Form bestimmt die Beziehung (zwischen Produzent und Rezipient). Die Formen der Beziehung sind prägendere Erfahrungen als die vermittelten 'Botschaften' (gilt nicht nur für Filme sondern auch für Lehrer). Vielleicht alles Banalitäten – sie waren aber doch recht umstritten und die Diskussion sehr lebhaft.

Es versteht sich von selbst, dass ich diese Zielsetzungen der Medien-Kommunikation auch für die Medien-Pädagogik als erstrebenswert betrachte. So sagte ich, ich würde das Erhalten von Freiräumen in der Schule für die Medienpädagogik besser finden, als die Einführung eines Faches, wie es in Zürich auf uns zukommt. Darauf wurde ich von einer Lehrerin auf die Zürcher Medienpädagogik angesprochen, wie sie im Buch 'Medienpädagogik in der Schweiz' dargestellt wird.

Ich entgegnete, meine Skepsis komme gerade davon, dass ich dieses Buch genau gelesen hätte. Es dürfte Sie eigentlich nicht erstaunen, dass die in diesem Buch enthaltenen Zürcher-Ansätze zur Medienpädagogik, in klarem Gegensatz stehen zu meinen Zielsetzungen. Ich habe mich in diesem Vortrag sehr gemässigt ausgedrückt, gemessen am Ärger, den mir das Buch damals bereitet hat. Ich erinnere mich, dass es mir für die Grundhaltung typisch schien, dass die Medien, die den Unterrichts-Gegenstand bilden sollen, als ausserschulisch definiert, der sog. Freizeit zugeordnet werden, was z.B. heisst, dass die Reflexion des Lernens (des Lehrers, des Schulmaterials, des Schulfernsehens und anderer Medien) nicht gefragt ist – das Ganze also eine Alibiübung – den dummen Kleinen wird der 'richtige Gebrauch' der nun einmal vorhandenen (und nicht veränderbar denkbaren) Medien gelehrt.

Wer diese Ansätze zur Medienpädagogik kennt und andrerseits in meinem Vortrag auch nur etwas von meinen Zielen mitbekommen hat, dem musste meine 'pauschal abschätzige Bemerkung' selbstverständlich sein. Während Sie vermutlich der Ansicht sind, Erziehung sei nur als Resultat der pluralistischen Meinungsvielfalt in diesem Staat denkbar (wie das in Ihrem Buch zu lesen ist), bin ich halt der Ansicht, dass Erziehung nur emanzipatorisch sein kann, sonst soll man so ehrlich sein und sie Disziplinierung nennen. Man hat doch keine andere Wahl, als von den Bedürfnissen des Kindes (der Bürger) auszugehen, seinen (ihrer) Interessen – wer hingegen Kinder zu 'motivieren' sucht, verführt sie ein weiteres Mal, lässt sie ein weiteres Mal die Erfahrung machen, die sie durch die Medien täglich erleben.

Ich sehe meine Ziele etwa so: Leute befähigen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, sie zu formulieren und mit anderen zusammen durchzusetzen lernen (muss ich betonen, dass ich menschliche Bedürfnisse als grundsätzlich sozial voraussetze?). Natürlich gibt es Karrieristen, die mich als 'Idealisten' beschimpfen. Vielleicht habe ich mehr Vertrauen in die Fähigkeiten von Kindern und Lehrern, sage nicht, man dürfe sie nicht verunsichern.

Ich bin nicht von 'meinen Wahrheiten' überzeugt, weiss nicht, was für die anderen gut sein soll – ich versuche nur, ihnen zu helfen, es selbst herauszufinden und hoffe dabei auch meinen Teil zu lernen. ()

Freundlich grüsst Sie

Urs Graf

Medienpädagogik (Praxis 1975).


Offener Brief an die Redaktion der Schweizerischen Lehrerzeitung, veröffentlicht in der Ausgabe vom 21.8.1975.

«Medienanalyse: Das Titelblatt der Lehrerzeitung Nr. 25, Juni 1975.

Von Zeit zu Zeit gerät mir eine Lehrerzeitung in die Hände – als letzte die Sondernummer 'Bild und Ton im Unterricht'. Über Kommunikation, Medien und so.

Also sehe ich mir das Medium 'Lehrerzeitung' etwas genauer an und mache (nur als Anregung) am Titelblatt ein wenig Medienanalyse. Ich sehe: Eine Schulklasse beim Unterricht mit einem Tageslichtprojektor. Was fällt an diesem Foto auf? Der Lehrer? Die einzelnen Schüler? Die Beziehung Lehrer-Schüler? Der gewählte Kamerastandort? Der gewählt Bildausschnitt? Der gewählte Schärfenbereich? Die Veränderung des Fotos durch Retouche? Ich greife einmal das Auffallendste heraus: Die Retouche der Gerätebezeichnung 'demolux' – vollkommen weiss, ohne Rasterpunkte – auf dem schon gerasterten Film abgedeckt – darunter dunkel der Originalschriftzug noch sichtbar. Jetzt begreife ich auch den Bildausschnitt besser – der angeschnittene Kopf des Lehrers: In der Lehrerzeitung wird der Kopf eines Lehrers gerne dem (inserierenden) Handel geopfert.

Mit entwaffnender Ehrlichkeit wird das Titelblatt auf Seite 931 kommentiert.: 'Titelblatt: Demolux-Tageslichtprojektor der Firma Kümmerly & Frey (Bern) im Einsatz (vgl. Beitrag S. 971)'. Ich schlage die Seite 971 auf und lese den Titel 'Firmen stellen ihre Produkte vor'. Aha.

Nichts gegen 'Bild und Ton im Unterricht' – wie wir sehen, könnte z.B. die Analyse einer Zeitschrift Aufschlüsse geben, über die dahinter stehenden Interessen, über die dahinter stehende Ideologie usw. – aber lassen wir das, wir könnten sonst die Inserenten verärgern. () Was kann das für eine Kommunikationspädagogik sein, die in einer Zeitschrift propagiert wird, deren Redaktion ein solch fragwürdiges Selbstverständnis hat? () U.G.»

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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