Stillleben.

Stillleben.

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Stillleben.

Stillleben (das Etwas vor der Kamera).

In Filmkursen denke ich mit den Teilnehmern immer wieder über die Gestaltung von Filmbildern nach – darüber wie man in die Welt blickt. Doch kann dabei leicht vergessen werden, auch vom Was, vom Abgebildeten zu reden, vom Gegenstand eines Bildes. Bilder gestalten, heisst ja auch, sich damit befassen, was man in seinen Bildern zur Darstellung bringt.

So machte ich mit Filmkurs-Teilnehmern zwischendurch auch kleine Experimente, bei denen nicht von der Bildgestaltung die Rede war, sondern in denen wir uns mit den 'Dingen an sich' befassten, mit den 'Sujets', mit all dem, was einmal vor unserer Kamera von Bedeutung sein konnte. (Aber auch das Experiment mit den gleichen kleinen Spaziergängen, nach denen Kursteilnehmer in Stichworten davon berichteten – es gab kaum Übereinstimmungen.)

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Das kleine Experiment mit den Stillleben:

Ein Tisch und ein Stuhl. Drei Teilnehmer legen Dinge auf eine bestimmte Weise auf die Tischplatte, damit man sich ein Bild der abwesenden Person machen kann. Und sie überlegen sich, wie der Stuhl dastehen soll, oder liegt er sogar da?

Was für ein Mensch sass wohl da, wie hat er den Ort verlassen? Die Frage, die sich eine andere Kleingruppe stellt. Wie charakterisieren diese Gegenstände und deren Anordnung die Person, die hier gesessen haben könnte? Nichts berühren! Wie wenn wir im Kino sitzen würden und auf die Leinwand schauen (wo man sich bei einem aufgeschlagenen Buch auch nicht die Titelseite anschauen kann). Die Gruppe, die das Stillleben gestaltet hatte, hört vorerst schweigend zu.

Interessant war, dass die gestaltende Gruppe sich wesentlich weniger Gedanken gemacht hatte, als die Gruppe der Betrachter. (Ist das bei unseren Filmen auch so – diese aufmerksamen Blicke der Zuschauer?)

Sie sahen nicht nur ein aufgeschlagenes Heft mit einer flüchtigen Handschrift, die mitten in einem Satz abbricht, sondern auch den Inhalt des Textes, diskutierten sogar den Standpunkt, der darin zum Ausdruck kommt. Ein Bleistift, der dringend gespitzt werden sollte, leichte Zahnspuren an dessen hinterem Ende, die Wahl bestimmter Worte sagen etwas über die schreibende Person aus, aber da ist auch ein Flüchtigkeitsfehler und sind da winzige Kaffeespuren? und das Geschlecht des/der Schreibenden? Wann wurde das geschrieben? Gegenwart oder vor zwanzig Jahren? und da lagen noch unzählige andere Dinge auf dem Tisch, über deren Bedeutung man sich Gedanken machen müsste. Die Interpretationen nahmen kaum ein Ende und natürlich gab es oft Meinungsverschiedenheiten, denn es ging ja nicht nur darum, Details zu sehen, sondern sich bei jeder Beobachtung zu fragen, was diese möglicherweise über die abwesende Person erzählen könnte. Und nicht nur die Dinge, sondern (minutiös beobachtet) deren Anordnung.

Die Arbeit des Requisiteurs einer Filmproduktion wird deutlich, der die Wahl zwischen fünf Schreibwerkzeugen hat. Und bei der Realisierung unseres nächsten kleinen Films werden wir uns noch ein paar Überlegungen mehr machen.

Wenn jemand eine Sache von ganz nahe betrachtete, begannen die Gespräche darüber, was wäre, wenn man das ganze Tischblatt in einem Film sehen würde, wenn man nicht so nahe herangehen könnte? und wenn die Einstellung nur fünf Sekunden dauern würde? wenn das Bild in einem Kriminalfilm vorkommen würde und den Täter verraten könnte?

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Konventionen und Wahrnehmung, Bedeutung.

Und immer prinzipielle Diskussionen über Darstellung und Interpretation. Wird hier eigentlich nur ein konventioneller Blick eines konventionellen Betrachters bedient?

Je konventioneller die Darstellung, desto einfacher deren Interpretation.

Je konventioneller die Darstellung, desto langweiliger die Interpretation (bei einem Film würde man vielleicht auch sagen der Genuss, das intellektuelle Vergnügen).

Aber auch: Ohne Konventionen liesse sich nichts interpretieren.

Aber auch: Die Kunst muss nicht so konservativ sein, wie die Blicke, die darauf fallen könnten – vielleicht wird sich etwas an den Blicken verändern (auch wenn die Kunst – hoffentlich – nicht darauf abzielt).

Es konnte sich auch zeigen, dass es sich die Zuschauergruppe zu einfach gemacht, die Sache voreilig auf einen Begriff gebracht hatte, denn da war doch noch ein Ding, das sie wohl gesehen aber wohl unbewusst nicht erwähnt hatten, weil es ihre Deutung des Ganzen gestört hätte. (Etwas, das uns ständig passiert, wenn wir nach dem Kino die Thematik eines guten Films auf einen Begriff zu bringen suchen. Bei schlechten Filmen ist es meistens einfacher.)

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Ich erinnere mich vor allem an eines der Stillleben. Eine Gruppe gestalteten einen Arbeitsplatz einer abwesenden Person, überlegte aber, dass danach noch eine andere Person an diesem Arbeitsplatz gesessen haben könnte.

Die Zuschauer-Gruppe diskutierte das Stillleben lange, wurde sich aber am Schluss einig, dass das nur der Arbeitsplatz einer schizophrenen Person sein konnte.

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Schriften im Bild (was ich den Kursteilnehmern erzählte):

Bei einem Gespräch über meinen Film «Isidor Huber und die Folgen» unterhielten sich Zuschauer über die Bedeutung einer Fünf-Minuten-Sequenz und dabei schien ihnen die Schrift auf einem Schaufenster besonders wichtig 'Ausverkauf bis 70%'. Ich hatte die Schrift nicht bemerkt, denn ich war bei der Aufnahme ganz auf eine Handlung konzentriert, das Schaufenster nur ein Hintergrund. Auch bei der Montage sah ich die Schrift nicht, ich wusste ja, mit welchem Interesse ich die Aufnahme gemacht hatte. Ein fremder Blick hätte dem Film gut getan.

Es ist mir aber auch aufgegangen, dass sich dem Publikum die Schriften in einem Bild besonders stark einprägen können, weil oft unzählige Gegenstände zu sehen sind, die nicht auf Anhieb zu benennen sind, die einfach das Ganzes eines Wohnzimmers  charakterisieren – Worte hingegen lassen sich eindeutig wahrnehmen und können sich einprägen – ein Buch auf dem Tisch, auf dessen Rücken der Titel gelesen werden kann, charakterisiert einen Bewohner vielleicht mehr als die ganze Handlung der Szene.

Ich bin mir bewusst, wie stark ich als Zuschauer die Schriften in einem Film wahrnehme und so achte ich bei eigenen Dreharbeiten auch darauf, ob ein Buch mit dem beschrifteten Rücken zur Kamera liegt. Und es kann sein, dass ich es wegdrehe, weil der Buchtitel eine Person auf eine allzu simple Weise charakterisieren könnte. Und mit einer bestimmten Zeitung ist es noch heikler.

So weit auch zum Dokumentarfilm.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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