Video-Praxis, Kurs für Lehrer (1977).

Video-Praxis, Kurs für Lehrer (1977).

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Video-Praxis, Kurs für Lehrer (1977).

Video-Praxis, Kurs für Lehrer, Kanton Solothurn.

Ziele des Solothurner Video-Kurses (1977).

Vor-Information an die Teilnehmer.

«Der Laie ist ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt.» Max Frisch

Lehrer lernen in der Praxis, damit ihre Schüler auch solche Erfahrungen machen können. Auseinandersetzung an einem Ort, mit Menschen, mit einem Thema und dabei – Schritt für Schritt – die Möglichkeiten von Video etwas differenzierter kennenlernend.

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Für die Montage unserer Produktionen wird uns das Video-Studio im Seminar Solothurn zur Verfügung stehen. Unterwegs mit den Kameras sind wir im Bucheggberg.

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Das Kinogeschäft und das Fernsehen zeigen einen bestimmten Teil der Welt und einen bestimmten Teil des Lebens – auf eine bestimmte Weise, von einem bestimmten Standpunkt her. Die einen kommen (synchron) zu Wort, andere werden zitiert, über andere wird berichtet und andere kommen gar nicht vor. Das hat zur Folge, dass das Ansehen der einen weiter aufgebaut wird, während die 'Sprachlosen' ihre Unterlegenheit vorgeführt bekommen (da ihre Ausdrucksformen nicht den Wünschen der TV-Redaktoren entsprechen).

In diesem Sinn kann Video auch für die in unseren Filmen Auftretenden eine Erfahrung bieten. Sie erfahren, dass sie selbst Wichtiges zu ihren Angelegenheiten zu sagen haben. Doch auch den Kursteilnehmern (und später ihren Schülern) kann Video die Erfahrung vermitteln, dass nicht all die Dinge für uns von Wichtigkeit sind, über die in den Medien täglich berichtet wird, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen. Die übliche Medien-Präsenz kann bewirken, dass uns unser Alltag als unwichtig und nebensächlich vorkommt, während wir gebannt die 'Hauptsachen' anschauen, welche über die Medien zur Darstellung kommen. Das Risiko besteht, dass wir unseren Alltag durch die Brille der Massenmedien zu betrachten beginnen, und Haupt- und Nebensachen auch nach den Kriterien des Medien-Marktes sehen.

Solche Video-Arbeit kann mithelfen, dass unser Alltag, unsere Umwelt, unsere Gemeinde, unsere Schule wieder zu wichtigen Themen unseres Lebens, unserer Auseinandersetzungen, unserer Aktivitäten werden. Und wir erfahren, dass sich das Hinschauen lohnen könnte.

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Ich betrachte den Kurs als Projektunterricht (mit Lehrern) und als Anleitung zum Projektunterricht (für die Schüler dieser Lehrer). Daher werden wir in diesem Kurs mehr als üblich reflektieren, die Art unseres Tuns überdenken, die Formen unserer filmischen Darstellungen hinterfragen.

Projekt ist 'Das Dorf' (oder ein Ort, ein Thema innerhalb eines  Dorfes). Video hat technische Möglichkeiten, die Arbeitsweisen erlauben, die ich in jedem Unterricht als ideal empfinde. Es wird kein Wissen vermittelt – es wird nichts als richtig oder falsch, als wahr oder unwahr hingestellt, Themen werden erarbeitet, sodass die Teilnehmer (die Filmautoren) zu einer vertieften Sicht der Sache, des Dorfes, der Welt gelangen. Mit dem Abschluss der Arbeit ist die Thematik nicht bewältigt, lediglich die Fragestellungen sind differenzierter geworden. Jederzeit könnte dazu ein weiteres Kapitel entstehen – eine Vertiefung, eine Erweiterung.

Meine Aufgabe beseht vor allem darin, durch das Reflektieren der Arbeit möglichst viele Erfahrungen bewusst zu machen, als Gewinn und zum verbesserten Weiterführen der Arbeit.

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Nicht einfach ein Thema wählen, das man sich als medienwirksam ausgedacht hat, sondern eine Thematik, die wirklich persönlich interessiert, in die man sich vertiefen möchte – ein Thema, das die anstehende Arbeit wert ist und dadurch auch im Ergebnis etwas von dieser Dringlichkeit erahnen lässt.

Vor und hinter der Kamera.

Von einer Arbeitsgruppe, die keine Meinung, keinen Standpunkt zeigt, kann sich der Partner (vor der Kamera) ausgebeutet vorkommen – er wird zum Objekt, zum Material für die Video-Aufzeichnung. Wenn die Autoren das Gefühl bekommen, sie würden jemandem 'Zeit stehlen', sollten sie ihre Thematik, ihre Arbeitsweise noch einmal überdenken. Die Arbeit muss für beide Teile auf irgendeine Weise gewinnbringend sein.

Es hat mich immer gefreut, wenn meine Protagonisten nach abgeschlossener Arbeit von 'unserem Film' sprachen. Und das war bisher immer so, allerdings nach einer Zusammenarbeit, die über Jahre hinweg ging. Das ist natürlich in den wenigen Tagen Eurer Video-Arbeit nicht möglich. Und doch könnte etwas von einer solchen Tendenz zu spüren sein.

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Man kann sich nicht auf die 'unverdorbene Natürlichkeit des Laien' verlassen (vor und hinter der Kamera). Wer seine Produktion nur 'aus dem Gefühl heraus' macht, kann sehr leicht in das Reproduzieren von Kino- und Fernseh-Konfektion verfallen.

Etwas Theorie und Überdenken der Praxis.

Um ein grösseres Bewusstsein des eigenen Tuns zu erreichen, werde ich zwischendurch auch etwas ästhetische Theorien anbieten, die die Arbeit weiter problematisieren.

Themen:

Zusammenhang zwischen Produktionsbedingungen und filmischen Formen.

Verschiedene Montagekonzepte, Bild-Wirkungen, Ton-Wirkungen, Bild/Ton-Wirkungen.

Ästhetik ist politisch: die filmische Form ist der Ausdruck der Beziehung des Autors zum Dargestellten und zum Publikum (da in unseren Dokumentarfilmen in einem Dorf Dargestellte und Publikum fast identisch sein können, kann man sagen: die Beziehung des Autors zur Gesellschaft).

Es soll den Kurs-Teilnehmern also bewusst sein, dass es nicht nur darum geht, sich durch AV-Medien verständlich zu machen oder eine möglichst intensive Wirkung zu erreichen, sondern auch darum, auf welche Weise man mit den Zuschauern in Beziehung tritt.

Video erlaubt eine partnerschaftliche Beziehung zum Dargestellten: Das Video-Band kann an Ort und Stelle wieder abgespielt werden, was Korrekturen, Reflexionen, Vertiefungen ermöglicht. Der Dargestellte kann sich am Prozess beteiligen (und trotzdem ist von den Filmautoren von Mal zu Mal zu entscheiden, ob ein gemeinsames Visionieren der Aufnahmen zu einer weitergehenden Vertiefung oder zu Hemmungen führt).

Sich immer wieder überlegen, ob man die Möglichkeiten, des Mediums Video einsetzt, oder ob ein bestimmtes Vorgehen nicht auch mit Tonband, Fotos, Befragung geleistet werden könnte.

Sich immer wieder fragen Was leistet jetzt die Kamera? Was leistet die Brennweite, die Kamerahöhe, der Ausschnitt, die Kamerabewegung usw? Was leistet der Ton? die Kombination von Bild und Ton?

Es wäre schön, wenn nicht nur Aussagen aufgenommen werden, sondern sich die Autoren auch die Aufgabe stellen, diese Welt mit der Kamera zu erkunden, auch eine Bildarbeit zu leisten.

Vorführung.

Im Dorf kann ein bestimmtes Publikum für eine Vorführung eingeladen werden. Was lässt sich aus den Reaktionen, den Äusserungen der Zuschauer lernen? Fühlen sie sich verstanden? Gelang es den Filmautoren, sich verständlich zu machen? Wo entstanden Missverständnisse? Warum? Wo setzen die Zuschauer andere Gewichte als die Autoren?

Lernen, die eigene Betrachtungsweise zu differenzieren und gleichzeitig den Zuschauern gegenüber kritisch sein: Ihre Kritiken und Einwände sind wichtig, doch auch ihre Erwartungen sind nicht frei von Konventionen des Medienkonsums.

Lernen aus der Praxis.

Am Anfang bestimmten zwei Interessen die Arbeit: ein Thema und der Wunsch, diesem mit dem Mittel Video nachzugehen. Nach und nach kann immer bewusster werden, wie sehr die Vertiefung der Thematik mit den Formen der Darstellung zusammenhängt, und es kann zu einem immer weitergehenden Kennenlernen möglicher Film-Formen führen, über diese Arbeit hinaus.

In Locarno sprach Alain Tanner vor der Uraufführung seines Films 'Jonas' kurz zum Publikum. Er sagte: «Ich mache die Filme nicht für mich, sondern für einen Zuschauer, den ich mir intelligent vorstelle.»

Wenn man das Gefühl hat, thematisch etwas geleistet zu haben, wird man vermutlich auch einiges an filmischer Gestaltung gelernt haben.

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Ich hatte eine Vorbesprechung mit Kurt Berchtold und Max vom Videostudio. Auf Grund meiner Stichworte habe ich diese Notizen gemacht. So sind sie etwas ungeordnet. Ich kann nur hoffen, dass es den Lesern gelingt, sich über die Wiederholungen hinwegzusetzen und etwas mehr System hineinzudenken.

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Es wäre schön, wenn die Kursteilnehmer in ihr Klassenzimmer zurückkehren, und ihren Schülern zu ähnlichen Erfahrungen verhelfen können. Aber: Sich unbedingt zufriedengeben, mit dem, was sich für die Schüler bei der Arbeit ergibt. Sie vielleicht auf etwas aufmerksam machen, aber keine weitergehenden Ansprüche stellen. Das, was sie lernen ist wichtiger, als das was man sie zu lehren sucht (doch wem sage ich das?)

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Darum achte ich darauf, zwischendurch Theorie zu vermitteln, die nicht in die laufende Arbeit eingreifen, sondern einen allgemeineren Charakter haben.

Theorie im Frontalunterricht.

Meine kleinen Vorträge zur filmischen Ästhetik haben nichts mit Eurem Schaffen zu tun, sie sind etwas Fremdes, das ihr mit halbem Ohr zur Kenntnis nehmen könnt. Vielleicht fliesst am nächsten Tag etwas davon in Eure Arbeit ein.

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Sollte ich bei Eurer Arbeit Ansprüche stellen, mit denen Ihr nichts anfangen könnt, dann hört darüber hinweg oder macht mich darauf aufmerksam.

Urs Graf

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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