Clara Büttiker,
Frauen-Rechte.

Clara Büttiker,
Frauen-Rechte.

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Clara Büttiker,
Frauen-Rechte. ?

Tante Clärli.
Meine Grosstante Clara Büttiker.

Die Gedichte von Clara Büttiker sind mir grösstenteils fremd geblieben, mehr angesprochen haben mich ihre Erzählungen. Allerdings schienen mir viele von einem ähnlichen Anliegen geprägt zu sein – Tendenz: «Nach einem Schicksalsschlag erlebt die zentrale Person etwas, das sie wieder Mut fassen lässt, sie wieder vertrauensvoll in die Zukunft blicken lässt.» Diese inhaltliche Ausrichtung (um nicht zu sagen 'die Botschaft') wäre aber wohl nicht so hervorgetreten, wenn mir die Erzählungen vereinzelt begegnet wären, über fünfzig Jahre hinweg, ein Mal im Jahr im Frauenkalender, oder in den verschiedensten deutschschweizer Zeitungen und Zeitschriften.

Als ich Recherchen für den Film «Der Söh - ne ja» (1971) machte, kam mir ein Text von Clara Büttiker in die Hände – beeindruckend, dass sie 1921 so etwas geschrieben hatte, 50 Jahre vor der Abstimmung über das Frauen-Stimm- und Wahlrecht. Den positiven Ausgang der Abstimmung hat Tante Clärli nicht mehr erlebt, sie ist 1967 gestorben.

Schweizerischer Frauenkalender, 1921.

Die Stellung der Frau zum öffentlichen Leben.

Die Ideen der staatsbildenden Politik berühren uns Frauen aus mannigfachen Gründen viel zu sehr, als dass wir sie unbeachtet lassen dürfen. Nicht nur ein Hinblick auf die Zukunft, schon die Gegenwart recht­fertigt ein Aufmerken auf die politischen Strömungen, die ja längst auch in das Leben der Frau einwirken. Welche Frau könnte sich heute noch der Erkenntnis ver­schliessen, dass auch ihr Schicksal mit dem Staatsgan­zen auf das Engste verknüpft ist und dass wiederum die Staatsexistenz nicht nur auf der Kraft des Mannes, son­dern auch auf der Leistungsfähigkeit der Frau beruht?

Das furchtbare Weltgeschehen hat die Stellung der Frau zur Politik von Grund auf gewandelt. Nachdem man ihr, einem Gebot der Not gehorchend, manche Aufgabe im sozialen Organismus übertragen musste, erkennt der Mann selbst, dass sich seine politische Absonderung überlebt hat. Die Frau aber hat nicht den Krieg und mit wehem Herzen die Wirren einer unge­sunden Politik erlebt, ohne sich innerlich gedrängt zu fühlen, auf neuen Grundlagen eine andere Welt aufbau­en zu helfen. Und dieser Wille ist von einem starken Glauben und der guten Überzeugung getragen, die Kraft zu besitzen, dieser Aufgabe gerecht zu werden.

Die Zeitverhältnisse verlangen, dass sich der politi­sche mit dem sozialen Fortschritt verbinde. Dies führt dazu, dass unser eidgenössisches Staatsleben, das wohl die Grundzüge demokratischer Entwicklung trägt, geändert und vervollkommnet werden muss. Denn der Staat, wie er heute besteht, ist im Grunde nur auf den männlichen Einzelwillen eingestellt. Demokratie aber bedeutet Volksherrschaft. Somit beruht das Staatswesen auf dem Willen des Volkes, und seine Rechtsordnung ist von der Masse bestimmt. Eine Vorherrschaft ist im demokratischen Staate unzulässig. Er kennt nur die gemeinschaftliche Gleichheit des Rechts und der Ver­antwortlichkeit. Demokratie ist also der Idealbegriff der Freiheitlichkeit und Selbstbestimmung des Volkes. Der Begriff der Volkseinheit umfasst aber die männliche und die weibliche Individualität. Die schweizerische demokratische Staatsform ist demnach nur eine formali­stische, solange die aktive Existenz der Frau nicht aner­kennt ist. Erst wenn ihr die politische Gleichstellung mit dem Manne zuerkannt wird, besitzt die Schweizerin das Aktivbürgerrecht. Die Verwirklichung dieser Ein­heit wird allerdings eine eigentliche Staatsumwälzung bedeuten, aber was tut das, wenn darüber auch die Trie­be der Liebe und Güte Macht gewinnen. Und es werden grosse Forderungen an die schöpferische Befähigung der Frau gestellt werden dürfen. Denn die Frau hat nicht nur den Glauben an das Hohe und Grosse, son­dern auch den Willen, ihre Kinder vor einer Katastro­phe, wie sie nun die Welt erlebt hat, zu schützen. Und mit diesem Willen wird sie Widerstände überwinden und in eigener Vertiefung und Erstarkung zur Aus­übung einer segenwirkenden Tatpolitik gelangen.

Die Zwiespältigkeit der Stellung der Frau zum staatlichen Leben ist heute auch dem Manne bewusst. Die Wirklichkeit steht im Widerspruch mit der Tradi­tion und will ihr Recht. Das erkennt der fortschrittlich und sozial gesinnte Mann und trifft Anstalten, der Frau die Tore zum Staatshaushalt zu öffnen. Mit diesem schönen Entgegenkommen tut er den ersten Schritt zur sozialen Tatreform, und wir dürfen erwarten, dass er nun mit seinem Willen für das Recht, d. h. die bürger­liche Gleichstellung der Frau eintrete. Durch die Auf­nahme in der Partei, die Gewährung des Zutritts zu den Versammlungen und den Staatsbürgerkursen gibt ihr der Mann jetzt schon Gelegenheit, sich in mannigfachen Fragen des politischen und öffentlichen Lebens zu ori­entieren und die Möglichkeit, sich auf ihre zukünftigen Rechte und Pflichten vorzubereiten. Und waltet sie der­einst gleichen Rechtes und gleicher Pflichten als seine Mitarbeiterin im öffentlichen Leben, erwartet sie auch, dass er ihr aus seinem ganzen menschlichen Empfinden beistehe, staatliche Formen und Institutionen, die nur auf das Interesse der Hälfte der Menschheit, auf sein Geschlecht eingestellt sind, auf die Stufe des einheit­lichen gemeinsamen Interessengebietes zu heben. Die Frau ist, ganz besonders noch, wenn sie jeglichen Fami­lienschutzes entbehrt, der Lebensbrandung preisgege­ben wie der Mann. Und es gibt keine Frage im öffent­lichen Leben, die nicht auch sie angeht und mehr oder weniger fühlbar in ihr Leben eingreift. In der Gesetzge­bung vor allem muss die Frau ihren schützenden Ein­fluss geltend machen und ihre ganze sorgende Liebe und starke Mütterlichkeit in den Staatshaushalt hinein­tragen können. Gewiss muss sich die Frau so gut wie jeder Mann vorerst in der Politik einarbeiten und ler­nen, ihre Anlagen zu verwerten, zu denen sie befähigt ist. Diejenige Frau aber, die im Haushalt oder Beruf Tüchtiges leistet, dürfte auch berufen sein, dem Staate wertvolle Dienste zu erweisen. Und es sollte nicht immer wieder betont werden müssen, dass das eigene Heim und die Familie, die ja auch das Fundament des Staates bilden, jeder Frau nach wie vor am nächsten liegen wird. Darum entbehrt auch der Einwand, es werde die Frau mit dem Eintritt ins Staatsleben ihre natürliche Bestimmung nicht erfüllen und nicht mehr Mutter sein wollen, jeder Grundlage. Sie wird im Ge­genteil sehender werden, in vielen Fällen grösser den­ken lernen und die Bedeutung des Familieninteresses in ihrer Beziehung zur Allgemeinheit erkennen und sich dann erst ihrer Pflichten und Verantwortung als Fami­lienmutter bewusst werden. Oberflächliche und gedan­kenlose Frauen aber braucht der Staatshaushalt nicht, und darum wird es nicht schade sein, wenn es diese Art Frauen vorzieht, sich weiterhin ihren Tändeleien hinzu­geben.

Es wartet manches Postulat, das, um im glücklichen Sinne gelöst zu werden, der Mitwirkung der Frau bedarf. Dass des Mädchens Bildung ausgestaltet werde, ist mehr denn je von tiefgreifender Bedeutung. Es muss sowohl für seine Aufgabe als Hausfrau und Mutter, wie für seine tüchtige Berufsbildung gesorgt werden, denn der Staat hat ein Interesse daran, seine Selbständigkeit für jedes nur denkbare Gebiet zu erweitern und tüch­tige Arbeitskräfte zu bilden. Es muss die Zeit kommen, wo man zur Einschätzung einer Arbeit nicht mehr fragt, wer sie gemacht hat, sondern nur feststellt, wie sie gemacht ist. Es beruht auch die gute Basis des Familien­lebens keineswegs auf der Vernunftsheirat, zu der sich viele Mädchen hergeben, weil sie zufolge ungenügen­der Bildung keine Existenzmöglichkeit finden. Und wenn darum die selbständige Frau die Ehe in ihrer Sehnsucht nach Klärung und Vertiefung in höherem und heiligerem Sinne erfasst und nur auf eine Liebe und Kameradschaft fundierte wahre Ehe reflektiert, so ist das ihr gutes Recht, und aus solchen Bestrebungen wird nur eine glücklichere und zufriedenere Menschheit her­vorgehen.

Seien wir uns letzten Endes auch bewusst, dass es nicht der Bestimmung des Menschen entspricht, allein zu sein in seinem Zielstreben. Gefühle vibrieren von Herz zu Herz, warum sollen nicht auch Ideen Menschen verbinden, als Bruder und Schwester. Möge darum aus den Bestrebungen von Mann und Frau eine harmonische Zielgemeinschaft erstehen und in beidsei­tiger Tätigkeit eine neue Grundlage für den wirklich freien sozialen Stand zu finden sein, auf dem ein zufrie­deneres Volk sein Schicksal zimmere.

Clara Büttiker, 1886-1967, Schriftstellerin.

(Schwester von Frieda Strub-Büttiker. Tante meiner Mutter Evy Graf-Strub.)

Handelsschule, Ecole des Beaux-Arts in Neuenburg, Journalistin und Redaktionsmitglied von «Der Schweizer Demokrat» Olten.

1920, nach einer Grippe, Kuraufenthalt in Davos, wo sie Emma Laub kennenlernt. 1921-45 führen die beiden dort eine Buchhandlung und Papeterie.

Clara Büttiker hatte schon in ihrer Kindheit ein Augenleiden. Als die Sehkraft immer schwächer wurde, entschloss sie sich, wieder nach Olten zurückzukehren.

Tante Clärli und Tante Emmy wohnten in einem Häuschen am Waldrand. Meine Mutter besuchte die beiden oft mit mir. Ich hatte eine besondere Bedeutung, da ich in der Familie Strub-Büttiker lange der einzige Enkel war (später waren es sieben).

Meine Erinnerung an Tante Clärli ist ein Bild mit dem weissen Stock, dem zögernden Gang im Garten hinter dem Haus. Die Beiden sorgten füreinander, Tante Clärli damals nahezu blind, Tante Emmy herzkrank.

Als ich etwa 16 Jahre alt war, besuchte ich die beiden auch allein. Dann liess Tante Clärli ihre riesige Schreibmaschine und ich legte für sie Schallplatten auf, die sie sich wünschte, Bach, Mozart. So bekam ich Musik zu hören, die es in meinem Elternhaus nicht gab, bei der mein Vater konsequent das Radio abschaltete. Und ich erlebte, dass man sich einer Musik aufmerksam zuwenden kann.

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Clara Büttiker arbeitete als Journalistin und schrieb literarische Texte. 1912, kurz nach seiner Gründung, trat sie dem Schriftstellerverein bei.

1911 hatte sie den «Frauenkalender» gegründet, ein Jahrbuch mit etwa 150 Seiten, für Frauen, das den Gedanken an die Gleichberechtigung der Geschlechter verbreiten sollte und welches das literarische und künstlerische Schaffen von Frauen dokumentierte. Neben ihren eigenen Arbeiten veröffentlichte sie dort auch Erzählungen vieler weiterer Schriftstellerinnen. Und sie schrieb Biografien über Schriftstellerinnen, Malerinnen, Musikerinnen.

1944 legte sie ihren Frauenkalender mit dem Jahrbuch des «Bundes Schweizerischer Frauenvereine» zusammen.

Bis 1960 war sie Herausgeberin und allein verantwortliche Redaktorin.

An ihrem 75. Geburtstag übergab sie die Redaktion an die Radiomitarbeiterin Dr. Trudi Weder-Greiner.

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Ihre Erzählungen und Gedichte, ihre biografischen Arbeiten über Schweizer Frauen, ihre Betrachtungen zu Festtagen, Jahreszeiten, geschichtliche Ereignisse erschienen in fast allen Tages-Zeitungen und Wochenzeitschriften. Und viele Jahre war sie Kolumnistin beim Zürcher Tages Anzeiger.

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Als ich 1961 nach Zürich zog, hatte ich nur noch wenig Kontakt zu ihr. Ich erinnere mich vor allem daran, dass ich ihr eine Schallplatte mit Mozarts Klarinettenkonzert mitbrachte, das wir miteinander anhörten.

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Emmy Laub war der blinden Freundin eine unentbehrliche Stütze.

1963 starb Emmy Laub.

Besinnen

Manchmal wenn wir Seite an Seite

unseres Weges gehen,

und verheissend des Lebens Weite

vor unsern Blicken sehen.

Dann muss ich Gräser berühren,

wenn sie im Winde rauschen,

dein so glückliches Lächeln spüren,

dem grossen Schweigen lauschen.

Und über dem schönen Geniessen

einer so reichen Stunde,

vermag wohl ein Wissen zu spriessen,

wie als mahnende Kunde.

Einmal werden wir nicht wie immer,

Seite an Seite gehen,

doch über der Welt wird ein Schimmer,

so wie heute bestehen.

Clara Büttiker starb 1967.

Der Text «Die Stellung der Frau zum öffentlichen Leben» und ein Teil der Informationen sind dem Band «Clara Büttiker, Olten» aus der Reihe «Solothurner Klassiker» entnommen.

Herausgeber: Hans Brunner.

Knapp-Verlag, ISBN 978-3-905848-49-6

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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