Ästhetische Motivation, filmische Formen.
Teil 6 (2004-2017).

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Ästhetische Motivation, filmische Formen.
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Ästhetische Motivation, filmische Formen.
Teil 6 (2004-2017).

«Ins Unbekannte der Musik» (Trilogie 2005, 2007, 2010).

«Die eigenen Angelegenheiten» (2011). Nicht realisiert.

«Gute Tage» (2017). Die ganze Geschichte der Realisierung des Films im eigenen Ordner "Gute Tage" ausführlich dargestellt.

Die Erfahrungen filmischer Gestaltung nutzen
und das, was ist, so weit wie möglich vertiefen.

Zwei Qualitäten (2006)

An den Solothurner Filmtagen 2006 beherrschte das Thema 'Qualität und Popularität' die öffentlichen Auftritte und durchzog die Berichterstattung der Medien. Es war von Nicolas Bideau, dem Chef der Abteilung Film im Bundesamt für Kultur lanciert worden, ärgerlich aber eigentlich nicht überraschend, angesichts aktueller Tendenzen der Film-Produktion und Förderung. Dazu hatte ich Stellung genommen.

Popularität war mir nie Thema.

Da ich ein gesellschaftlich interessierter Mensch bin, zeigt sich das halt auch in meinen Filmen. Doch bei der Arbeit an den Filmen geht es nur um Qualität. Und zwar um zwei Arten von Qualität.

Es geht um die Qualität der Gestaltung – der Bilder, der Töne, der Texte und der Montage (natürlich nicht zu trennen von ihrer technischen Qualität, beispielsweise einer Tonaufnahme).

Und es geht um eine andere Art von Qualität: Es geht darum, dass mein Film etwas über das Konkrete seiner vordergründigen Themen hinaus leistet. Je weiter ich die Themen eines Films vertiefe, desto näher komme ich einem Bereich, der mich wirklich berührt, der uns berührt, der vielen Menschen gemeinsam ist, einem Bereich, in dem viele von uns etwas aus ihrem Leben wiedererkennen können.

Ins Unbekannte des Films.

In der Neuen Zürcher Zeitung stand in einer ausführlichen Besprechung meiner Trilogie «Ins Unbekannte der Musik», dass nicht nur die Komponisten auf der Suche seien.

Auch auf der Suche ist Urs Graf, der in den drei Filmen von der Regie, über Kamera, Ton und Schnitt bis hin zur Produktion alles selbst ausgeführt hat: «Da ich nicht Musiker bin, heisst es für mich: Ins Unbekannte meiner eigenen Arbeit. Für mich war es ein Abenteuer, etwas zu erforschen und darzustellen, das als Inbegriff des Unzugänglichen gilt.»

Gegenwart (2005, 2007, 2010).

«INS UNBEKANNTE DER MUSIK» (Trilogie)

3 Filme zu Zeitgenössischer Musik:

3 Komponisten. 3 Mal miterleben, wie ein Musikstück entsteht – von den ersten Ahnungen des Komponisten bis zur Uraufführung des Stücks.

Trilogie «INS UNBEKANNTE DER MUSIK»:

«URS PETER SCHNEIDER: 36 EXISTENZEN» (2005) 92 Min.

«JÜRG FREY: UNHÖRBARE ZEIT» (2007) 113 Min.

«ANNETTE SCHMUCKI: HAGEL UND HAUT» (2010) 109 Min.

Die drei Filmtitel nennen nicht nur die Namen der Stücke, deren Entstehen im Film miterlebt werden kann, sondern auch die Namen der Komponisten.

Dargestellt habe ich das Leben der Protagonisten, ihren Alltag, ihre Familie, all ihre Tätigkeiten und Schwierigkeiten (bis zur Grippe, dem Brotbacken, dem Schmücken des Weihnachtsbaums). Und ein Teil dieses Alltags rückt nach und nach mehr ins Zentrum – die Musik in diesem Leben, das Entstehen eines Musikstücks.

Drei Filme.

Als es um einen Beitrag an die Finanzierung der drei Filme ging, rieten mir die zwei Fernsehredaktoren vom 'Sendegefäss Klanghotel', nur einen Film zu machen, in dem die drei Komponisten und ihre Musik vorgestellt werden. Mit anderen Worten, sie wollten nicht Filme über Menschen, sondern einen Film über ein Thema (wie man das von Fernsehredaktoren nicht anders erwarten kann). Sie fanden, dass solche Abwechslungen den Film lehrreicher und kurzweiliger machen würde.

Ich beharrte aber auf drei Filmen, um nicht den Eindruck zu vermitteln, es gebe so etwas wie e i n e Zeitgenössische Musik. Und ich wollte auf keinen Fall, dass die Arbeitsweisen und die Musikstücke von drei Komponisten gegeneinander abgewogen werden.

Die drei Komponisten arbeiten sehr unterschiedlich und komponieren auch extrem andere Musik. Und sie gehören auch verschiedenen Generationen an (im Sinn von Lehrer/Schüler).

Urs Peter Schneider (Biel) ist nicht nur Komponist, er tritt auch als Pianist auf (im Film J.S.Bach, Haydn), schreibt literarische Texte, hat in dieser Zeit auch ein umfassendes Buch über performative Formen der Musik verfasst. Seine Frau Marion Leyh ist Performerin, macht Installationen, gibt Unterricht an der Schule für Gestaltung Biel.

Jürg Frey (Aarau) gibt Klarinetten-Unterricht und tritt als Klarinettist auf (im Film Mozart, Tom Johnson). Seine Frau Elisabeth ist Organistin, tritt aber auch am Clavicord auf. Ihre drei Kinder leben auch noch mit ihnen.

Annette Schmucki (Cormoret) hat eine klassische Gitarren-Ausbildung. Ausser ihren Kompositionen realisiert sie mit einem Kollegen auch elektronische Hörstücke. Ihr Sohn Basil ist viel bei ihr im Arbeitsraum, doch nun geht er in den Kindergarten*. Ihr Mann Christoph ist klassischer Schlagzeuger, gibt Unterricht, gehört zum Ensemble, das das Stück von Annette aufführen wird. (*Basil hört das nicht gern, er geht in die école enfantine.)

Kein Gefälle.

Noch in keinem meiner Filme stand ich den 'Darstellern' so nahe. Es sind Begegnungen von Kunstschaffenden und daraus wurde ein Zusammensein von Freunden.

Die Selbstverständlichkeit filmischer Formen.

Die Beschäftigung mit Fragen filmischer Gestaltung war in dieser Zeit in den Hintergrund getreten; vielleicht auch, weil bei dieser Arbeit die Suche nach künstlerischen Formen vor der Kamera geschah und auch ständiges Thema unserer Gespräche, Thema des Films war – weil das Weiterentwickeln von Formen der Gestaltung bei der Arbeit und im Zusammensein mit den Komponisten eine solche Selbstverständlichkeit hatte, dass ich es (auch für mich) nicht in Worte fasste.

Als Beispiel dafür einige Sätze, die Annette Schmucki im Film sagt. Aussagen, die für alle drei Komponisten stehen könnten – und auch für mich.

Annette Schmucki: «Ich wüsste jetzt genau wie weiter, wie man halt so ein Stück zu machen pflegt, aber ich will das nicht; mir ist wichtig, jederzeit meine Wachheit zu bewahren, sodass immer die Chance besteht, dass mir etwas Unerwartetes begegnet, etwas das hinausgeht über das, was ich mir vorstellen, was ich denken kann.»

«Es ist wohl der Hauptgrund für mein Komponistin-Sein, dass ich meine ganze Aufmerksamkeit hineingebe, meinen Willen, alles – und trotzdem merke, ich kann nie all das kontrollieren, es ist immer viel mehr da und anderes, als ich selber bin – das ist extrem schön. Manchmal ist es mir auch ein wenig unheimlich.»

Im Film nicht nur das Entstehen der drei Stücke, sondern auch deren Aufführung.

Man erlebt in den drei Filmen, wie ein Stück entsteht, welche Art von Entscheiden getroffen werden. Und darauf etwas mir Selbstverständliches in diesen Filmen, das aber sicher nicht dem entspricht, was ein Publikum im Kino oder am Fernsehen erwartet.

Der Komponist/die Komponistin hat das Stück zu Ende gebracht und nach gängigen Konventionen ist zu erwarten, dass nun auch der Film zu seinem Ende gekommen ist; doch auf die Reinschrift der Partitur folgen Ausschnitte aus den Probearbeiten, die auf die Uraufführung des Stück ausgerichtet sind.

Und es folgen zwei Zwischentitel, die die Aufführung des Stücks ankünden: Ort und Datum. / Name des Stücks und dessen Dauer.

«36 Existenzen» (18 Min.)

«Unhörbare Zeit» (38 Min.)

«Hagel und Haut» (25 Min.)

Dann die Aufführung des Musikstücks. (Die Interpreten werden erst nach der Aufführung genannt.)

Wer im Fernseh-Programm die Aufführung eines Musikstücks auswählt, weiss, auf was er sich einlässt. Doch wer sich für einen Dokumentarfilm entscheidet, erwartet eher eine Folge von Episoden rund um eine Person, um ein Thema. Er ist nicht darauf gefasst, dass der Film mit einer Sequenz von 20 oder 40 Minuten endet, die eine ganz andere Form der Zuwendung fordert. Dieses Umstellen kann schwierig sein, vor allem für Leute, die nicht gewohnt sind, einem Musikstück während einer solch langen Zeit die Aufmerksamkeit zu schenken (wenn der übliche Musikkonsum aus 3-Minuten-Stücken besteht).

«Ins Unbekannte der Musik»
Film-Aufführungen / Publikum.

Die Premiere des ersten der drei Filme fand an den Solothurner Filmtagen statt. Es ist dort üblich, dass der Filmautor vor der Projektion des Films vorgestellt wird und ein paar Worte sagt. Ich ging davon aus, dass sich viele der Zuschauer (innerhalb des 'Festivals' mit seinen Parallelprogrammen) einfach für die Vorführung im grössten Saal entschieden hatten, sodass ich eigentlich kein Interesse für Musik voraussetzen konnte (und schon gar nicht für Zeitgenössische Musik). Daher sagte ich, im Film könne man miterleben, wie ein Stück heutiger Musik entsteht; dieses Stück sei am Schluss des Films in voller Länge zu hören – ich sei nicht beleidigt, wenn dann Leute hinausgehen, wenn das für ihre Ohren allzu fremd sei. Bis dahin hätten sie so viel über diesen Komponisten, sein Schaffen und über Zeitgenössische Musik erfahren, dass es sich auch so gelohnt habe. Und wenn sie es heute nicht durchstehen, sei vielleicht etwas Neugier geweckt worden für eine Form der Musik, die bei uns auch entsteht.

*     *     *

Die drei Filme wurden an wenigen Veranstaltungen gezeigt. Am gewichtigsten waren die Veranstaltungen des Musikpodiums der Stadt Zürich im Kino des Filmpodiums. Vor ausverkauften Sälen, mit anschliessenden Gesprächen zwischen den Komponisten.

Schwelle.

Die drei Filme sind Begegnungen eines interessierten Laien (des Filmautors) mit drei Komponisten. Es wird also kein Wissen vorausgesetzt, die Zuschauer werden nirgends überfordert. Ich war lediglich von der Neugier der Zuschauer ausgegangen - der Bereitschaft, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen. Irrtum.

Als der Film über Urs Peter Schneider in Biel gezeigt wurde, stand in einem längeren Zeitungsartikel: «Urs Graf ist ein sorgfältig montierter und nuancierter Film gelungen; spannend, intensiv, witzig und ungemein hintergründig. Ein Film, der, was vielleicht überraschen mag, auch allen Nichtmusikern zu empfehlen ist.» Dem stimmten alle zu, die den Film gesehen, die die Schwelle der Zeitgenössischen Musik überwunden hatten.

Die Schwelle ist hoch. Viele Leute gehen überhaupt nie an ein Konzert. Und wenn es um Musik geht, die nicht dem Mainstream der Branche entspricht, ist nur mit einem sehr engen Kreis von Interessierten zu rechnen. Und bei einem Film ist die Schwelle noch einiges höher als bei einem Konzert, denn es ist zu erwarten, dass sich dieser auch noch mit dem Entstehen der Musik auseinandersetzt (keine falsche Annahme).

Filmer-Kollegen haben mir anvertraut, dass sie leider meinen Film nicht ansehen können, weil ihnen die Ohren weh täten, wenn sie solche Musik hören müssten. Es ist erstaunlich, wie klein sie sich machen, wie wenig sie sich zumuten.

Privates:

Auch bei mir war es ein langer Weg gewesen, bis sogenannte Zeitgenössische Musik für mich zu etwas Selbstverständlichem wurde. Und es ist auch heute ein kleiner Teil dieser Musik, der mich begeistern kann – das ist so selten wie bei Büchern, Theaterstücken, und noch seltener bei Filmen.

In meinem Elternhaus lief oft das Radio, doch bei irgendwelcher 'Klassik' schimpfte mein Vater 'Beromünster!' und stellte ab.

Als ich von zu Hause ausgezogen war, kaufte ich meine ersten Jazz-Schallplatten – es war Musik, die meinen (europäischen) Ohren am nächsten kam – das Modern-Jazz-Quartett, West-Coast-Jazz, Giuffre, bald Tristano. Dann begann ich mich auch für die Anfänge des Jazz zu interessieren, Blues-Sänger, Armstrong, dann Ellington, Hawkins, bald Charlie Parker, Davis, Monk, Mingues, Coltrane – um (über die Jahre) nur einige wenige herauszugreifen. (Hendrix, die Stones usw. nicht auf Platten.)

Wer sich über Jahrzehnte für Musiker interessiert, erlebt auch deren Entwicklungen mit. Und so wird es plötzlich zu einem kleinen Schritt von Coltrane zu Ornette Coleman, zu Free Jazz. Und wenn man Free-Jazz hört, sind Stücke der sog. Zeitgenössischen (E-)Musik und der frei improvisierten Musik nicht mehr weit. Und auch hier begann mich zu interessieren, was vorher war, die Zwölftonmusik, die Romantik, Schubert, Mozart, Beethoven, Bach, die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. Vor allem interessiert mich aber, was heute hier entsteht, so vorallem auch die Musik von Freunden.

Die Musik in meinen Filme erzählt auch von dieser Geschichte: Lennie Tristano, Georg Gruntz, Roland Moser, Alfred Zimmerlin, Howard Skempton.

Zeitgenössische Musik wird in Zürich meistens in einem Rahmen aufgeführt, in dem sich das Publikum weitgehend (vom Sehen) kennt. Ein grosses Publikum erreicht sogenannte moderne Musik (aus den letzten hundertzwanzig Jahren) meistens nur, wenn sie in der Tonhalle zwischen zwei Klassikern gespielt wird. Sonst sind es vor allem Veranstaltungen der 'Tage Neuer Musik', die auf ihr festes Publikum zählen können.

Überwinden der Schwelle.

Ich misstraue den Filmen von Kollegen, die den Eindruck machen, sie würden mit dem Herausstellen eines Namens nationaler oder internationaler Prominenz auf ein Publikumsinteresse spekulieren. Falls tot, dann am besten auf einen anstehenden Jahrestag hin produziert, um den herum ein kleiner Medienboom erwartet werden kann. Das macht auch die Finanzierung der Filme einfacher, denn es braucht keine Argumente, der bekannte Name genügt. Und je mehr investiert wird, um den Medienboom aufzublasen, desto mehr lohnt es sich, auch mitzumachen (wodurch der Boom weiter aufgeblasen wird).

Auch wenn die Filme mal nicht allzu überzeugend ausfallen, kann man auf das Interesse des Publikums an berühmten Komponisten, Interpreten, Malern, Schriftstellern setzen (männlich oder weiblich). Und vielleicht hoffen wenigsten ein paar Buchhandlungen, davon etwas profitieren zu können.

*     *     *

Ein Thema herausstellen, um ein breiteres Publikum zu erreichen.

In Bern gab es Filmveranstaltungen, veranstaltet von der Zeitungs-Beilage 'Der Kleine Bund'. Über viele Jahre ein Publikumserfolg, ein grosser, voller Kinosaal.

Thematisch vielschichtige Filme wurden von den Experten auf ein Thema reduziert. Und so war auch für die Veranstaltung Werbung gemacht worden. Der Abend, beispielsweise: Vor dem Film eine Einleitung zu Autismus, dann der Film «Rain Man», dann ein Experten-Gespräch über Autismus (bei dem der Film für einzelne Aspekte als Anschauungsmaterial einbezogen werden konnte).

Es wurden auch schweizerische Filmer zu solchen Gesprächen eingeladen. So konnten sich Marlies Graf und ich gegen den Moderator zur Wehr setzten und betonen, dass unser Film «Şeriat» eigentlich etwas breiter angelegt ist, etwas tiefer geht, als eine Schulstunde zum Islam.

*     *     *

Tradition haben Filmvorführungen, die im Programm von Psychologen-Zirkeln mit thematischen Interessen angekündigt werden (wohl nicht nur in Zürich). Podiums-Gespräche, bei denen sich Fachleute mit Scheuklappen durch die Filme bewegen – bemüht, sich vom thematischen Reichtum nicht ablenken zu lassen, von all den Bildern, den Dialogen, von all den Qualitäten des Films, die ihn als Kunstwerk ausmachen (denn es waren oft Meisterwerke, oder sonstwie hochgejubelte Filme*), die ohne Rücksicht auf Verluste bei solchen Anlässen seziert wurden).

(*Vielleicht muss wieder einmal in Erinnerung gerufen werden, dass die internationale Filmproduktion kalkuliert, dass die Summe der Produktionskosten noch einmal für die Lancierung des Films ausgegeben werden muss.)

*     *     *

Zu einer Vorführung meines Films «Gute Tage» in Biel hatte sich ein besonders grosses Publikum eingefunden. Hundert Minuten Film und dann ein sehr intensives Gespräch mit dem Publikum, fast bis Mitternacht. Doch dazwischen auch Stimmen, die sich unzufrieden zeigten, weil ich auch von Formen der Gestaltung sprach, die mir besonders wichtig sind. Erst im Nachhinein sah ich aufgelegte Werbeblätter, auf denen dieser Filmabend als Eröffnung einer Veranstaltungs-Reihe zum Thema Sterben und Tod angekündigt war. Verständlich, dass es Zuschauer störte, wenn ich vom Thema der Veranstaltung abwich.

Dokumentarfilm und Publikum.

Nur allzu gut erinnere ich mich an den Abend, an dem ich ein Gespräch leitete (mit Filminteressierten, Art-Kino-Publikum). Es ging um den Film «Amy, The Girl Behind the Name». Die Gesprächs-Teilnehmer sprachen sehr beeindruckt von der Sängerin Amy Winehouse auf der Leinwand.

Nachdem das Gespräch etwa vierzig Minuten gedauert hatte, sagte ich, es wäre interessant, wenn wir uns auch noch etwas mit dem Film befassen würden. Das verstanden sie gar nicht, hatten sie doch die ganze Zeit über den Film gesprochen.

Wir befassten uns dann doch noch mit den einfachsten Formen der Gestaltung, doch zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Aufbau, der Montage des Films kam es nicht. Der Film war nur eine Art Medium, das dem Publikum den Blick auf eine Person ermöglichte. Das Positivste, was die Gesprächsteilnehmer vielleicht über den Film hätten sagen können, war wohl, dass er sie nicht gestört habe.

Wenn man gerade ein Jahr lang an der Montage eines Films gearbeitet hat, sich intensivst mit den Formen der Darstellung befasst hat, dann ist eine solche Missachtung dokumentarischen Arbeitens schwer hinzunehmen.

Ich sagte auch, wie deprimierend das für mich ist.

«Eine grundsätzliche menschliche Fähigkeit ist, dass wir nicht nur sehen, sondern auch sehen, dass wir sehen.»

*     *     *

Fernsehen.

Mit viel Mühe war es mir gelungen, von den beiden Redaktoren der Fernseh-Sendung 'Klanghotel' einen äusserst bescheidenen Beitrag an die Realisierung der drei Film zugesprochen zu erhalten.

Ich hätte mir gewünscht, dass die drei Filme in einem Zusammenhang ausgestrahlt werden, natürlich nicht gleich hintereinander an drei Tagen, doch beispielsweise an einem bestimmten Wochentag über drei Wochen hinweg. Doch bekam ich zu hören, das Fernsehen könne es sich nicht leisten, drei Filme über Zeitgenössische Musik im gleichen Jahr zu senden, da das die Einschaltquoten des Jahres unverantwortlich nach unten drücken würde; die Ausstrahlung müsse auf drei Jahre verteilt werden. Und auch dann bleibe es problematisch.

Während der Realisierung der Filme habe ich die Redaktoren immer wieder über das Fortschreiten der Arbeit informiert und sie zu Rohschnitt-Visionierung eingeladen; doch nie mit einer Reaktion.

Einige Zeit, nachdem ich alle drei Filme fertiggestellt und die Kopien an das Fernsehen abgeliefert hatte, erkundigte ich mich nach den Sende-Terminen. Und ich begann zu insistieren, was nicht ganz einfach war, weil das 'Sendegefäss Klanghotel' abgesetzt worden war und auch dessen Redaktoren nicht mehr da waren.

Es war immer klar, dass sich kein Kino um Filme mit zeitgenössischer Musik (und erst noch ohne Prominenz) reissen würde, also hatten wir fest mit den Fernseh-Ausstrahlungen gerechnet, die drei Komponisten, die sehr viel Energie und Zeit in dieses Projekt investiert hatten und ich, der ich zehn Jahre an dieser Filmreihe gearbeitet hatte.

Dann erhielt ich die Mitteilung, die drei Film würden nicht ausgestrahlt, da der Sendeplatz nicht mehr existiere.

Ich machte darauf aufmerksam, dass ich den ersten Film, ein halbes Jahr vor der Absetzung von 'Klanghotel' abgeliefert hatte. Keine Reaktion. Offensichtlich hatte zu diesem Zeitpunkt niemand bemerkt, dass da ein Film zu senden war. (Und ausserhalb der Institution wusste man nichts von der anstehenden Absetzung des 'Sendegefässes'.)

Auf meine Fragen nach alternativen Sendemöglichkeiten teilte mir der Kultur-Redaktor mit, dass er keine Möglichkeiten finde. Ich fragte nach. Nein, auch nicht nach Mitternacht.

Das Fernsehen ist nicht verpflichtet, Filme zu senden, an deren Produktion es sich beteiligt hat, doch das Argument der Absetzung einer Sendung (und das Verschwinden der Redaktoren), war ein strukturelles Problem der Fernseh-Anstalt, also musste ich mich an die Direktoren wenden.

Auf einen Brief, den ich vom 'Bereichsleiter Kultur' in deren Auftrag erhielt, antwortete ich und stellte Punkt um Punkt all die falschen Darstellungen richtig.

Schweigen des Bereichsleiters und der Direktoren de Weck und Matter.

Sicher hat sich niemand die Filme angeschaut, sicher hat man nur einen Blick hinein geworfen und festgestellt, dass es sich um die zu erwartende Zeitgenössische Musik handelt, und um Formen der filmischen Darstellung, die weit entfernt war von der üblichen Fernsehkost (wie das von Graf zu befürchten war).

*     *     *

Ein paar Jahre danach fragte mich eine Fernsehmitarbeiterin an, ob ich ihr die Kopie von einem dieser Filme zur Verfügung stellen könnte, sie möchte einen Ausschnitt daraus in einem Beitrag über Annette Schmucki zum Schweizer Musikpreis verwenden. Als ich sie darauf aufmerksam machte, dass ich die Filme dem Fernsehen abgeliefert hätte, erfuhr ich, dass diese nirgends zu finden seien, im Archiv wisse man jedenfalls nichts davon.

DVD.

Ich will nun wenigstens darauf aufmerksam machen, dass die drei Filme als DVD erhältlich sind. Bei Filmkollektiv Zürich oder beim Verleih Look Now!

3 DVDs der Trilogie «Ins Unbekannte der Musik»

Urs Peter Schneider: 36 Existenzen (2005) 92 Min.

Jürg Frey: Unhörbare Zeit (2007) 113 Min.

Annette Schmucki: Hagel und Haut (2010) 109 Min.

1972 hatte ich im Film «Isidor Huber und die Folgen» in satirischer Form das Leben im Kapitalismus dargestellt – Demokratie, die ihre Grenzen hat, ein Leben, das zu einem grossen Teil von wirtschaftlichen Mächten bestimmt wird.

Etwa vierzig Jahre danach plante ich einen Film mit Leuten, die sich nicht damit abfinden, dass es in unserer Gesellschaft einen Bereich gibt, in dem die demokratischen Regeln nicht gelten – mit Leuten, die die internationalen Aktivitäten der schweizerischen Konzerne kritisch befragen und entsprechende Forderungen stellen – mit den Leuten der Gruppierung Actares.

Dem Exposé hatte ich einen Satz von Max Frisch vorangestellt:

Der Laie ist ein Mensch, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt.

Gegenwart (2011).

Weitere Erfahrungen mit dem Fernsehen.

«DIE EIGENEN ANGELEGENHEITEN» Film nicht realisiert.

Ein Dokumentarfilm über die Aktivitäten von Actares, im Zentrum die Mitglieder des Vorstandes, des aktiven Kerns.

In der Schweiz haben sich vor zehn Jahren Leute zum Verein Actares zusammengeschlossen, um sich gemeinsam zur Wehr zu setzen, wenn sich internationale Konzerne im Streben nach möglichst schnellem und grossem Profit über die Sorge um die Natur und den Respekt vor Menschenrechten hinwegsetzen. Die Kerngruppe von Actares hat dank der Aktienstimmen von Mitgliedern das Recht, von den Konzernen Informationen zu verlangen, Kritiken anzubringen, Forderungen zu stellen.

«Actares konzentriert sich auf die SMI-Unternehmen. Swiss Market Index ist der bedeutendste Aktienindex der Schweiz. Die im SMI enthaltenen Titel entsprechen gegenwärtig rund 90% der Marktkapitalisierung, sowie 90% des Handelsvolumens aller an der Schweizer Börse kotierten Schweizer und Liechtensteiner Beteiligungspapiere:

ABB, Actelion, Adecco, Credit Suisse, Holcim, Bank Julius Bär, Lonza, Nestlé, Novartis, Richemont, Roche, SGS, Swatch, Swiss Re, Swisscom, Syngenta, Synthes, Transocean, UBS, Zurich.»

Eine solche Thematik müsste über das schweizerische Fernsehen sein Publikum erreichen.

Eine weltumfassende Thematik, doch dargestellt in unserem Land –

einerseits schweizerische Konzerne mit ihren CEOs –

andererseits die kleine Gruppe von Actares, die sich gegen die Machenschaften dieser Riesen zur Wehr setzt.

Um diese Ziele zu erreichen, sind die Mitglieder des engsten Kerns von Actares Kleinstaktionäre geworden, damit sie ihre Kritiken an den Generalversammlungen der Konzerne vorbringen können. Auch die Medien berichten gerne über spektakuläre Auftritte, über selten zu hörende deutliche Worte, sodass nicht allzu leicht über die angesprochenen Themen hinweg gegangen werden kann.

*     *     *

Ich hatte umfangreiche Recherchen zu den grossen Konzernen gemacht, die in der Schweiz ihren Sitz haben und zu den Aktivitäten, in die sie weltweit verwickelt sind  - den Produktionsbedingungen in der sog. Dritten Welt, dem verantwortungslosen Rohstoff-Abbau, den gefährlichen Produkten, die sie herstellen. Doch es geht auch um die Finanzierung dieser Unternehmungen – durch die schweizerischen Grossbanken und die Anlagen der Pensionskassen, die sich selten darum kümmern, wo ihr Geld investiert wird, solange die Rendite stimmt (mit Mitgliedern, die nichts zu sagen haben).

Damit meine Kritik auch wirklich fundiert war, bin ich all den Schäden nachgegangen, die konkret verursacht werden. Dabei haben mich auch die Organisationen unterstützt, mit denen Actares seit Jahren zusammenarbeitet: Erklärung von Bern, Amnesty, Greentox.

*     *     *

Der Film.

Wir lernen Mitglieder von Actares kennen, erfahren von den entscheidenden Weichen, die sich in ihrem Leben stellten, von ihrem gesellschaftlichen Engagement, vor allem aber schildern sie ihre Erlebnisse in der Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen Riesen unseres Landes - sehr persönlich und ganz konkret.

Prinzip der filmischen Darstellung.

Jede Diskussion um das politische Vorgehen hätte sich im Film mit Personen verbunden – Auseinandersetzungen zwischen Personen als Auseinandersetzungen um Inhalte, um das Vorgehen, um kurz- oder längerfristige Ziele – ein Abwägen von Argumenten in der Strategie aber immer auch in der Sache. Dabei wären auch die wirtschaftlichen Mächte bei Namen genannt worden, mit denen sich Actares an der nächsten Generalversammlung anlegen wird.

Meine Sympathien gehörten und gehören den Leuten von Actares. Ich hätte mich nicht um eine ausgewogene Darstellung bemüht, wenn der kleine Kreis der Actares-Aktivisten den wirtschaftlichen Riesen gegenübergestanden hätte.

Die Zuschauer würden kritisch beurteilen können:

die innerhalb des Vorstands vorgebrachten Überlegungen zum Vorgehen in einer Sache, Frage von Strategien um ein Ziel zu erreichen,

die Wirkungen der öffentlichen Auftritte, der vorgetragenen Argumente.

Und sie würden kleinere und grössere Effekte kennenlernen (oder ein Scheitern) – aber vielleicht sogar Konsequenzen, die über das Handeln von einzelnen Konzernen hinausgehen, politische Konsequenzen.

*     *     *

Ich legte das Exposé eines 70-Minuten-Films der zuständigen Fernseh-Redaktion vor, erhielt eine Absage.

*     *     *

So habe ich ein Exposé für einen 50-Minuten-Film ausgearbeitet, in dem ich auch einen Bezug zur gegenwärtigen Occupy-Bewegung herstellte, der Besetzung des Paradeplatzes in Zürich.

Ich erhielt wieder eine Absage der Fernseh-Redaktion.

Begründung der Fernseh-Redaktion: Der Autor steht dem Engagement der Leute von Actares zu nahe, hat zu wenig kritisch Distanz zu ihnen.

Zugegeben: Es wäre ein Film geworden, der Sympathien für Leute zeigt, die sich gegen Schweizer Konzerne einsetzen, die in die internationale Ausbeutung von Menschen und Natur verwickelt sind und schädliche Produkte auf den Markt bringen. Das Exposé hatte auch klargestellt, dass die Namen der kritisierten Konzerne nicht verschwiegen werden.

Es ist allerdings zu vermuten, dass man beim Fernsehen nicht nur Bedenken wegen meiner mangelnden Distanz zu Actares hatte, sondern auch wegen meiner etwas zu grossen Distanz zum Fernsehen, wo ich nicht als hauptsendezeittauglich gelte. (Dies bestätigte sich, als es um die Finanzierung meines Films «Gute Tage» ging und der zuständige Redaktor Urs Augstburger nicht bereit war, das Exposé zu diesem Film entgegenzunehmen.)

*     *     *

Ich habe das Projekt «Die eigenen Angelegenheiten» aufgegeben, als ich die zweite Fernseh-Absage erhielt, denn ohne eine Ausstrahlung durch das Schweizer Fernsehen, würde die Realisierung dieses Films keinen Sinn machen.

In den Anfangszeiten von Filmcooperative und Filmkollektiv war das noch anders. Da organisierten noch unterschiedlichste Gruppierungen Filmvorführungen im Saal der Dorfbeiz oder im Kirchgemeindehaus (später in der Mehrzweckhalle), die meist gut besucht und mit engagierten Diskussionen verbunden waren.

Gegenwart.

Am Anfang meiner Text-Sammlung standen die flüchtigen Notizen, die ich mir für Pressekontakte und Publikumsgespräche an den Premieren meines Films «Gute Tage» gemacht habe. Als ich diese in eine allgemein verständliche Form zu bringen suchte, begannen sie in verschiedenste Richtungen zu wuchern. Und auch die Notizen rund um die Realisierung des Films «Gute Tage» wurden immer umfangreicher. Sie sind das Zentrum dieser Texte geblieben, finden sich im eigenen Ordner «Gute Tage».

«Gute Tage» (2011-2017) 99 Min.

Hier nur so viel:

DVD: 99 Min. Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch.

Untertitel Deutsch und Französisch.

Erhältlich beim Verleih Look Now! und bei ursgraf.film@bluewin.ch

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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