Ästhetische Motivation, filmische Formen.
Teil 4 (1980-1991).

Ästhetische Motivation, filmische Formen.
Teil 4 (1980-1991).

▲ Zum Seitenanfang


Ästhetische Motivation, filmische Formen.
Teil 4 (1980-1991).

Ästhetische Motivation, filmische Formen.
Teil 4 (1980-1991).

«Wege und Mauern» (1982).

«Etwas anderes» (1987).

«Şeriat» (1991).


Gefälle.

Wo auch immer: Hierarchien vermeiden.

Zwischen dem Filmautor und den 'Darstellern sollte kein Gefälle bestehen. Doch es lässt sich nie ganz vermeiden. Schon dass der Filmautor letztlich über die Form der filmischen Darstellung entscheiden wird, schafft ein Ungleichgewicht (die Darsteller haben nur die Möglichkeit, zu verlangen, dass eine Aufnahme nicht verwendet wird).

«WEGE UND MAUERN»

Ich kann am Abend das Gefängnis verlassen. (Jo muss drinnen bleiben.)  Und wenn ich draussen bin, trage ich nicht die Last, ein 'Vorbestrafter' zu sein.

«ŞERIAT»

Ich habe einige Erfahrung im Umgang mit Schweizer Eigentümern, Verwaltern, Behörden, Lehrern. Idris fühlt sich unsicher und er spricht nicht genügend Deutsch.

«ETWAS ANDERES»

Ich bin nicht Alkoholiker. Die AA, die Anonymen Alkoholikern haben mich bei den Recherchen als Zuschauer akzeptiert.
Wenn ich mit E. in einem Restaurant war, trank er keinen Alkohol (doch war es ihm aber wichtig, dass ich meine Gewohnheiten beibehielt).

*

Wenn ich mich an die AA-Treffen erinnere, fallen mir zwei bemerkenswerte Dinge ein:

Das Gelassenheitsgebet (von dem meistens diese ersten Zeilen zu hören sind):

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

(Es scheint auch Text-Fassungen, ohne 'Gott' zu geben.)

*

Ich muss hier vorausschicken, dass ich an den Treffen der AA dabei sein durfte, aber ohne mich einzumischen. Das war mir selbstverständlich, denn ich war ja nicht einer von ihnen.

Ein für mich absolut verrücktes Erlebnis:

Das Treffen hat längst begonnen, als eine Frau hereinkam, offensichtlich schwer betrunken, schwankend, sich am Tisch abstützend, sich auf einen Stuhl fallenlassend. In der nächsten Gesprächspause sagt sie, sie sei nun seit drei Tagen trocken und erzählt mit schwerer Zunge, wie gut sich das anfühle, ausführlich – alle hören geduldig zu. Nach einer kurzen Pause meldet sich ein Mann zu Wort, stellt sich mit seinem Vornamen vor, sagt er sei Alkoholiker und spricht von seinem heutigen Tag, spricht von sich – wie es die Regel zu sein scheint.

Menschen und Themen.

Keine Themenfilme.

Keine Filme, in denen es um ein Thema geht, zu dessen Darstellung Menschen 'gebraucht' werden.

Ich hoffe, dass sich das Interesse der Zuschauer auf die Menschen in meinem Film richtet. Durch diese hindurch kann nach und nach ein Thema erscheinen und an Gewicht gewinnen.

«WEGE UND MAUERN» (1982)

Eine Strafanstalt, zwei Filme in einem Film.

Eine filmische Form, die in dieser Zeit ein besonderes Wagnis war – ein Film, der sich nicht mit dem Gefangenen solidarisiert – ein Film, der dieselbe Offenheit hat gegenüber einem Gefangenen und einem Aufseher – allerdings einem besonderen Aufseher. Für manche Gefangene ist Paul Seiler der einzige Mensch, zu dem sie uneingeschränktes Vertrauen haben. Er ist sich bewusst, dass er das System nicht ändern wird, doch soweit es ihm möglich ist, will er den Gefangenen das Leben erträglicher machen. Durch diese konsequente Haltung ist Paul aber auch zu einem Aussenseiter unter seinen Arbeitskollegen geworden.

Es gibt Gefangene, die ihm näher stehen, als seine Kollegen. Einzelne besuchen ihn immer wieder, wenn sie 'draussen' sind, sprechen mit ihm über ihre Sorgen, von den Schwierigkeiten der Halbfreiheit, der Stellensuche.

*     *     *

In den zwei Jahren vor der Realisierung des Films leitete ich in der Strafanstalt Lenzburg eine Gesprächsgruppe, zu der sich eine feste Anzahl von Gefangenen einen Abend pro Woche traf. Alle wussten, dass unsere Ansichten nicht übereinstimmten (keiner von ihnen hatte etwas gegen das Prinzip des Strafens und des Einsperrens). Sie wussten, dass ich mich an die hier geltenden Regeln halte, aber mich für jeden von ihnen einsetzte, wenn es um Bewilligungen, um Rechtsfragen ging.

So hatte sich ein gegenseitiges Vertrauen ergeben, das die Realisierung des Filmprojekts möglich machte. Nicht nur mit Jo Betschart und dieser Gruppe, sondern auch mit anderen Gefangenen, die im Bild zu sehen sein würden. Es sprach sich herum, dass man zu mir Vertrauen haben konnte und dass ich mich auf nichts Illegales einlassen würde. In der Gruppe wurde auch diskutiert, wie ich hier drinnen am besten verhalten sollte. Man war sich einig: Keine Kontakte zu Pädophilen, den untersten in der Gefängnis-Hierarchie. Keine Kontakte zu Drögeler, weil man sich in keiner Weise auf sie verlassen könne, weil man von ihnen schamlos angelogen werde, um etwas zu erreichen – für sie ständen die Drogen über allem.

*     *     *

Der Direktor hatte mich dem Personal vorgestellt, sodass ich mich ungehindert in den Gängen der Strafanstalt bewegen konnte. Mir war nicht bewusst, dass ich Jeans trug, die den Hosen der Gefangenen sehr ähnlich waren. Also wurde ich in den Gängen von Gefangene gefragt, für wie lange ich drin sei und warum.

Ich bin nicht so leicht darüber hinweggekommen, wie selbstverständlich ich als Strafgefangener, als Krimineller betrachtet worden war. Ich hatte offensichtlich die Vorstellung, der Unterschied sei doch zu sehen.

*     *     *

Der Film, zwei dokumentarische Erzählungen, zwei filmische Stränge, die sich nahe kommen, sich aber nie berühren:

Der Gefangene Jo Betschart hat kein anderes Interesse, als diese Zeit hinter sich zu bringen. Mit Aufsehern will er nichts zu tun haben.

Jo (im Film): «Ich habe nichts persönlich gegen ihn (Paul). Ich bin Aufsehern gegenüber immer gleich eingestellt, will nicht zu viel mit ihnen zu tun haben, nur gerade das Notwendigste, sonst interessieren mich diese Leute einfach nicht. Für mich gibt es keinen idealen Aufseher. Das sind für mich alles Knechte eines Apparats, der laufen muss.»

Paul (im Film): «Ich werde oft kritisiert. Ich bin ja auch nicht so uniform, dass ich zu dem, was von der Direktion kommt, unbedingt ja sage. () Das Reklamieren der Kollegen nützt da nichts; ich denke einfach, ich hätte die Arbeit recht gemacht. ()

Ich bin unsicher, wie angepasst oder wie richtig ich meine Rolle spiele, spüre aber doch, dass ich funktioniere – funktioniere, wie es verlangt wird. () Und manchmal, muss ich sagen, schäme ich mich vor mir selbst, weil ich nicht mehr an die Grenze herangehe, von dem, was der Arbeitgeber nicht gern hätte von mir, dass ich Konflikten auszuweichen versuche.»

*     *     *

Jo und Paul.

Wege und Mauern – damals, als ich mich zu diesem Titel entschloss, war mir das UND sehr wichtig. Zwar weiterhin ein Film mit einem persönlichen Standpunkt, doch zum ersten Mal Blicke auf das Eine und das Andere.

Ich hatte zwar nie viel von Filmen gehalten, deren Formen auf Identifikation angelegt waren, und doch hatte meine Kamera immer eine besondere Nähe zu einer der Personen. Auch hier ein ganz persönlicher Blick, doch auf Paul und auf Jo, auf einen Bürger, der Vertreter des Staates ist und einen Bürger, der von diesem bewacht wird. Eine besondere Nähe zu zwei Personen – zwei Personen, von denen Grossaufnahmen zu sehen sind.

*     *     *

Danach.

Mit der Entlassung von Jo endete der Film. Doch innerhalb des Nachspanns sieht man einen Brief, den Jo mir schrieb. Aus der Untersuchungshaft. Er war bei einem Einbruch erwischt worden, hatte auch ein Industriegebäude angezündet, um Spuren zu verwischen.

Als ich ihn besuchte, fragte er mich, ob ich sein offizieller Beistand werden könnte, für die Kontakte zu Behörden, Amtsstellen. Mir war nicht klar, was er sich davon erhoffte. Er erzählte, dass er auf der Strasse ein Mal pro Woche von der Polizei kontrolliert werde, während ich wohl selten angehalten würde. Ja, ich bin noch nie kontrolliert worden, nicht einmal in der Zeit um 1968.

*     *     *

Ein Jahr in der Strafanstalt Lenzburg. Zwei Blicke, aus denen sich ein Bild dieses Systems ergibt – das System von Belohnen und Bestrafen, von Vergünstigungen und dem Entzug von Vergünstigungen (Fernseh-Apparat).

In der Drehvorlage hatte ich geschrieben:

Der Film soll Fragen stellen zum Gefängnis,

also zur Gesellschaft in der es Gefängnisse gibt,

also an uns, die strafen und ausschliessen,

die bestraft und ausgeschlossen werden,

die mit Strafe und Ausschluss drohen,

die von Strafe und Ausschluss bedroht sind.

Nicht nur durch Gefängnisse.

*     *     *

Auf das Plakat für die Kinowerbung hatte ich zum Titel des Films den Text gesetzt:

«Ein Film über die Schwierigkeiten, hierzulande seinen Weg zu gehen. – Ein Strafgefangener, der sich der Anpassung zu widersetzen sucht und ein Gefängnisaufseher, der nicht nur für Ruhe, Ordnung und Sicherheit sorgen möchte.»

Und dominant auf dem Plakat in grossen Lettern ein Ausschnitt aus der Hausordnung der Strafanstalt. Besser lässt sich dieses System kaum charakterisieren und ich hatte mir vorgestellt, ein reines Schriftplakat würde sich so stark von der übrigen Kinowerbung abheben, dass es etwas Aufmerksamkeit wecken könnte.

(Ein Kollegin hatte mich um ein Plakat gebeten, um es im Korridor im Fernsehen aufzuhängen. Es sei aber schnell wieder verschwunden, die Parallelen von der einen Anstalt zur anderen, seien ja auch nicht zu übersehen.)

Liebe Insassen, das Verhalten in der Anstalt soll sich soweit als möglich an die Normen halten, die in einer freien Gemeinschaft Gültigkeit haben. Der Vollzug soll von gegenseitiger Achtung von Insassen und Angestellten getragen sein: auf die Menschenwürde ist in jedem Fall zu achten. Wer sich in diese Gemeinschaft nicht einfügen will, muss damit rechnen, dass er nach anderen Grundsätzen behandelt wird. (Hausordnung der Strafanstalt Lenzburg von 1978.)

Die Kinobesitzer konnten nichts mit einem reinen Schrift-Plakat anfangen. Es entspreche nicht dem, was das Kino-Publikum von Kinowerbung gewohnt sei. Sie hängten die Standbilder aus dem Film in ihre Schaukästen und dazu einen Karton mit den Spielzeiten.

Interessant ist, dass es auch zu den Verleih/Kino-Konventionen gehört, dass unten auf dem Plakat auf der ganzen Breite in kleinster und unleserlich enger Schrift, oft sogar in noch schwieriger zu lesenden Grossbuchstaben, alle Informationen zum Film aufgelistet sind, die nicht in grosser Schrift hervorgehoben sind.

(Ich war zwar mal Grafiker, doch wollte ich mit der Werbung nichts mehr zu tun haben, ausser den Filmplakaten für eigene Filme «Wege und Mauern», «Cinéma mort ou vif?», «Die Zeit mit Kathrin». Für meinen Freund Hans Stürm «Gossliwil» und «Kaddisch». Für die Filmcooperative «Farinet» und «Et anstendig liv».)

Eine Einschränkung prägt die filmische Darstellung und bleibt ein wesentlicher Teil der Thematik.

«ETWAS ANDERES» (1987)

E., ein 'trockener Alkoholiker', ist die zentrale Person des Films. Er ist ständiger Teilnehmer in der Runde der AA, der Anonymen Alkoholiker. Für den Film stellte er die Bedingung, dass er anonym bleiben will. Diese Forderung hat den Films geprägt. E. ist nicht im Bild oder er ist so aufgenommen, dass er nicht zu erkennen ist. Der Vorspann des Films endet mit einer langen Einstellung des Filmtitels «Etwas anderes». Zu diesem Text hört man erstmals die Stimme von 'E.', Ausgangspunkt der Thematik, die durch den Film führen wird.

E.: «Wenn ich mich öffentlich zeigen würde, sodass ich zu erkennen wäre auf der Leinwand oder am Fernsehen, mich so viele Leute sehen würden, das würde mir wirklich nicht gut tun. Ich würde mich zu wichtig nehmen. Und ich will das einfach nicht mehr. Ich will so sein wie ich bin, mit all meinen Schwächen. Ich spüre das schon jetzt im Gespräch – wenn du mir zuhörst, spüre ich schon, dass ich nicht mehr ganz von mir persönlich erzählen kann – es geht schon etwas weg von meinem wirklich eigenen Leben und meinen eigenen Gedanken. Es geht schon ein wenig weg von der Wahrheit.»

Diese Worte vermitteln, wie selbstkritisch E. ist. Wer gesteht sich schon ein, dass er nicht mehr ganz ehrlich ist, wenn ihm jemand zuhört, der einen Film machen will.

*     *     *

Die Bilder des Films zeigen seine Gegenwart und Erinnerungs-Sujets, von denen er (seine Off-Stimme) spricht.

*     *     *

Der Film war von der Schweizerischen Fachstelle für Alkoholprobleme wesentlich mitfinanziert worden, doch wurde er selten eingesetzt. Die Leute, die in diesem Bereich arbeiten, mochten die stimmungsvollen Bilder von Rebbergen und Weingläsern im Film gar nicht, vor allem aber konnten sie nicht akzeptieren, was E. am Schluss des Films, im Rückblick auf sein Leben sagt:

E.: «Ich muss jeden Tag aufpassen, dass ich nicht wieder in einen solchen Zwang gerate wie damals. () Dieses Aufpassen, das hemmt einen manchmal schon. Es stimmt schon, wir haben nicht mehr so laute Lacher, das haben wir nicht mehr. So dass dir die Tränen kommen, so haben wir gelacht. Und heute – ich überlege jetzt mehr, wenn ich etwas unternehme und dann wirkt das natürlich nicht mehr so spontan und ist nicht mehr so mitreisserisch, das ist wahr, ja. – Wenn du nie aneckst im Leben, wenn ich diese Sucht nicht gehabt hätte, dann wäre bei mir alles normal verlaufen. Ich glaube, ich wäre nur so durchs Leben, so lala durchs Leben und wäre alt geworden. Und ich hätte ein ganz oberflächliches Leben gehabt. Aber ich frage mich schon, ob man wirklich ein solches Elend durchmachen muss, damit etwas anderes möglich wird.»

Es ist für einen Filmer etwas Deprimierendes, wenn er einen Film gemacht hat, in dem jemand so offen auf sein Leben zurückblickt und dann feststellen muss, dass eine solche Ehrlichkeit von gutmeinenden Leuten nicht erwünscht ist. Hatten sie einen dieser verlogenen Propagandafilme erwartet, in dem jemand verklärt zum Ausdruck bringt, wie wunderbar doch das Leben ohne Alkohol ist? (Ich hatte schnell begriffen, dass es gar nicht lustig ist, als trockener Alkoholiker zu leben.)

Wenn ich an die intensiv die Zusammenarbeit mit E. denke, an die Nachmittage der Tonaufnahmen, dann bin ich froh, dass er nicht erfahren hat, wie wenig der Film gezeigt wurde, wie wenig er ein Publikum erreichte. Für mich bleibt die Erfahrung dieses Jahres gemeinsamer Arbeit. Ein kleiner Trost, doch wenn mich jemand fragt, warum ich keine Spielfilme mache, dann geht es um solche Jahre.

Idris und Resmiye. Şaban, Saniye, Ibrahim, Mehmet, Hatice und Murat. Ein Film mit einer Familie, durch die hindurch etwas zum Thema werden kann.

«ŞERIAT» (1991)

Eine traditionelle türkisch-muslimische Familie in der Schweiz – die älteren drei Kinder gingen noch in der Türkei zur Schule, die beiden jüngeren jetzt in der Schweiz. Das Eigene und das Fremde ist ein Thema des Films; doch hier gehen die möglichen Konflikte durch die Familie hindurch.

Ein Film dessen Form sich aus unserer Herangehensweise ergab. Ich hatte meine ehemalige Frau Marlies beigezogen, denn es war klar, dass mir die Welt der Frauen nicht zugänglich sein würde, und wenn doch, dann in sehr kontrollierter Weise.

*     *     *

Schon bevor ich wusste, welche Familie im Zentrum dieses Films stehen würde, machte ich eine Reise durch die Türkei, um zu sehen, wie die Menschen in den unterschiedlichsten Teilen des Landes leben. Ich wollte vermeiden, dass ich mir ein Bild von einer Lebensweise mache, die sich in der Fremde ergeben hatte – die strenger sein kann, als das, was in heimischer Umgebung als selbstverständlich gilt.

Als wir mit Familie Tütüncü übereingekommen waren, dass wir mit ihnen drehen würden, machten Marlies und ich noch eine zweite Reise, von Istanbul bis nach Diyarbakır, und natürlich nach Bursa, der Stadt in der diese Familie gelebt hatte, und in das Dorf, in dem die Familie der Mutter lebte. Der Film hätte nie diese Intensität und Offenheit erlangt, wenn wir die Orte ihrer Herkunft nicht kennengelernt hätten.

Ich hatte Sachbücher gelesen und vorallem Erzählungen aus der Türkei, hatte mich eingehend mit dem Islam befasst (vor allem der sunnitischen Ausprägung) und die Sprache so weit gelernt, dass ich mich in der Türkei verständigen konnte.

*     *     *

Ich hatte gleich begriffen, dass mich diese Muslime akzeptierten, als einen mit dem sie über die drei Religionen der Bücher verbunden sind – in chronologischer Folge: Juden, Christen, Muslime - Gläubige an den einen Gott. Es wäre unmöglich gewesen, ihnen zuzumuten, dass ich etwas Mühe habe mit diesem Glauben, mit dieser Gottes-Vorstellung.

So fühlte ich mich wohl immer etwas weniger zugehörig, als sie das annahmen.

*     *     *

Es war uns klar, dass der Film nur gelingen konnte, wenn wir uns zu Beginn an die traditionellen türkischen Sitten halten – natürlich unzulänglich, doch glaube ich, dass unser Bemühen geschätzt wurde.

Später würden sie sich an unsere Andersartigkeit, an unsere Gebräuche gewöhnen.

Wir beschlossen, uns der Familie aus zwei Arten zu nähern. Ein männlicher Blick auf die Welt der Männer, ein weiblicher Blick auf die Welt der Frauen. Zwei filmische Stränge, die sich abwechseln würden, sobald der erste Kontakt einmal stattgefunden hatte.

*     *     *

Wie es ich gehört, suchte ich den Kontakt zum Vater und machte mit ihm die ersten Aufnahmen, dann zu den Männern in der Mescit (der kleinen Moschee in Olten) und dann zu den drei Söhnen. Erst nachdem mich die Frauen als Bekannten von Idris erlebt hatten, war es möglich, dass Marlies dazu kam und allmählich Zugang zu Resmiye und den beiden Töchtern fand.

So hat diese Aufteilung nach Geschlecht die Dreharbeiten bestimmt und auch die Montage der beiden Stränge – Marlies montierte den weiblichen und ich den männlichen Teil des Films. Die beiden Teile durch die weibliche und die männliche Kommentarstimme auch klar voneinander getrennt.

Und dann kam der Moment, in dem aus dem männlichen und dem weiblichen Strang des Films ein Ganzes montiert werden musste. Überraschenderweise war das nicht allzu schwierig, da sich vieles aus dem Ablauf der Zeit ergab, über ein Jahr hinweg. Und das Sich-Näher-Kommen bestimmte so klar die Aufnahmen und die Gespräche, dass sich der Aufbau des Films weitgehend daraus ergab.

Es war klar, dass der Film mit dem Vater beginnen und bei den Frauen im Gebetsraum enden würde, einem Ort der lange als unzugänglich galt. Auch wurde die Form des Films weniger durch das Geschehen in der Familie bestimmt, als von der vorsichtigen Annäherung, durch die Geschichte des wachsenden Vertrauens.

*     *     *

Der Film beginnt beim Gebet in der Mescit. Da Idris Präsident des Vereins ist, ist er es, der einleitend vor der Kamera spricht. Dann lernen wir (im Film) nach und nach seine Familie kennen. Das klingt selbstverständlicher als es in Wirklichkeit war.

Am Anfang des Films, ein Kommentartext der davon spricht

Off-Sprache (Sprecher):

«Es war ein langer Weg gewesen, bis ich Idris gefunden hatte, als ich die überlieferten Sitten der türkischen Mehrheit kennenlernen wollte. Die Türken, die noch mit diesen Traditionen verbunden sind, hatten Einwände gegen jede Familie, die ich kennenlernte; immer gab es irgendetwas, das nicht ganz richtig war. Sie sagten 'Die Schweizer sollen doch ein richtiges Bild von uns bekommen'. Nur gegen Idris und seine Familie hatte keiner einen Einwand.

Erst viel später begriff ich, dass es auch zu den türkischen Sitten gehört, dass man den Präsidenten seines Vereins nicht kritisiert – schon gar nicht Fremden gegenüber.»

Diese immer wieder angesprochenen Schwierigkeiten des Zugangs vermitteln viel über die uns fremde Kultur. Die Missverständnisse zwischen den Kulturen sind und bleiben ebenso wichtige Teile des Films, wie das, was vom Leben der Familie zu sehen ist.

Auch den Bildern, die wir uns von der Türkei machen (den Fotos, die ich gemacht habe), ist nicht zu trauen.

Off-Sprache:

«Die Stadt Bursa im Westen der Türkei – die Heimat von Idris. Aber die falschen Bilder.

Doch Idris bringt mich nicht in Verlegenheit. Schnell geht er die Fotos des städtischen Alltags durch und trifft die Auswahl, die ich hätte treffen sollen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Überall in der Türkei wurden wir eingeladen und bewirtet und da hätte ich lernen können, dass man von einem Gast erwartet, dass er nur das sieht, worauf sein Gastgeber stolz ist.»

Wer den Film sieht, lernt bald, dass das (bei allem Bemühen um Einfühlung) unsere Bilder einer fremden Kultur sind, fremde Bilder einer Kultur.

*     *     *

Vom Erleben des Films her, scheinen mir vor allem unsere Schilderungen von Erfahrungen, die von uns nicht 'problematisiert werden' – die simplen Schilderungen, die wir dem Publikum zum aufmerksamen Zuschauen und Zuhören überlassen (was ja letztlich die Lust des Kinos ausmachen könnte).

Im Bild der zehnjährige Sohn Murat beim Weg aus der Wohnung, über die Hauptstrasse, durchs Quartier zum Schulhaus. (In späteren Aufnahmen werden wir ihn lebendiger erleben.)

Off-Sprache:

«Die ersten Dreharbeiten mit Murat waren sehr schwierig und so fragte ich ihn, ob er denn überhaupt einverstanden sei, dass Bilder von ihm gemacht würden. Er zuckte die Schultern schwieg.

Also fragte ich Idris, seinen Vater, ob denn Murat mit den Aufnahmen einverstanden sei, ob er denn seine Frau, seine Söhne, seine Töchter danach gefragt habe.

Idris sagte: 'Die Schweizer verstehen uns Türken nicht, wissen zu wenig von uns. Wenn sie ein richtiges Bild von uns bekommen sollen, müssen wir ihnen doch zeigen, wie wir leben.'»

Das war am Anfang des Films, doch wir lernen dazu. Den Zuschauern wird zugemutet, dass sie auch das wahrnehmen, was von uns höflich unausgesprochen bleibt.

Das Bild: Vorbereiten der Mescit für ein Feiertagsgebet.

Off-Sprache:

«'Es sollten unbedingt Aufnahmen gemacht werde, wenn ein islamisches Fest auf einen arbeitsfreien Tag fällt. Dann kommen so viele Männer hierher, dass sämtliche Räume der Moschee nicht ausreichen', sagte Idris.

'Und die Frauen?' fragte ich.

'Wir haben nur eine kleine Moschee. Und so bleibt an den Feiertagen kein Platz für die Frauen.'

'Vom Gebet der Frauen dürfen sowieso keine Bilder gemacht werden' sagte der Hoca. Und einer fügte hinzu: 'An einem Feiertag haben die Frauen zu Hause, in der Küche, so viel zu tun, dass sie gar keine Zeit hätten um in die Moschee zu kommen.'»

Auch die Zuschauer lernen nach und nach diese Traditionen kennen, wissen, was nicht ausgesprochen wird. Die Momente des Schweigens, die Lücken werden zu den wichtigen Erfahrungen in diesem Film.

*     *     *

Off-Sprache:

«Am letzten Drehtag sagt mir Idris: 'Du bist mein Freund', und er erklärt mir: 'Ich habe dich gern. Ich habe dich gern, weil ich Gott liebe und weil Gott auch dich geschaffen hat.'»

Idris hätte nie verstehen können, dass ich enttäuscht war.

('Enttäuschung' nennt man, wenn man merkt, dass man sich falsche Vorstellungen gemacht hat.)

Anmerkung zur früher angesprochen Problematik eines Gefälls zwischen dem Filmautor und den Menschen vor der Kamera:

Ich war ständig Vermittler zwischen der Familie Tütüncü, der türkisch-muslimischen Gemeinschaft der Mescit in Olten mit den Eingeborenen, dem Eigentümer der Liegenschaft, den Behörden und den Lehrern.

Nachtrag 1:

Der Film heisst Şeriat, das türkische Wort für Scharia – also ein Film, in dem eine Familie nach der Scharia, dem islamischen Gesetz zu leben sucht.

Eine Szene im Film: Idris fährt im Auto zur Arbeit, hört ab einer Kassette Musik der Drehenden Derwische aus Konya.

Off-Sprache (zum Bild von Idris, zur Musik, die er hört):

«Die Derwische drehen sich zu ihrer Musik. Vier Mal setzen sie zum Drehen an, entsprechend den vier Stufen ihres religiösen Weges: Şeriat. Tarikat, Hakikat, Marifet.

'Das erste Drehen ist noch innerhalb der Religion, doch schon das zweite Drehen führt über die Religion hinaus', sagte ein Derwisch in der Türkei. 'Doch', sagte er 'auch die erste Stufe, Şeriat, ist ein gottgefälliger Weg – ein Weg, zu dem auch ein einfacher Mensch fähig ist – das Leben nach Şeriat, dem Gesetz: das alltägliche Einhalten der göttliche Gebote in Hoffnung auf das Paradies, in Furcht vor der Hölle und im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit.'»

Eine elitäre Haltung, die auch für die 'einfachen Menschen' eine Möglichkeit sah, um am Paradies teilzuhaben – an Stelle dessen, was diese Derwische als Religiosität verstanden, trat so die reine Praxis, das strikte Einhalten der Gebote, der Vorschriften, der Gesetze des Islam – Şeriat.

Es gibt in der Türkei Gruppierungen, die fordern, dass das islamische Gesetz zum staatlichen Gesetz wird. Von ihren Gegnern werden sie Şeriatler genannt. Das führte dazu, dass viele in der Schweiz lebende Türken auch vom Wort 'Şeriat' abgeschreckt wurden, obwohl sie aus Familien stammen, die (mehr oder weniger) nach den Geboten des Islam zu leben suchen. Mit einem solche Film wollen sie nichts zu tun haben.

Nachtrag 2:

Sobald man sich intensiver mit dem Islam befasst, wird klar, dass es nicht nur die Hauptrichtungen der Sunniten und Schiiten und all ihrer Untergruppierungen gibt, sondern auch die Ausprägungen in den verschiedenen Ländern.

Als Idris von der Pilgerreise nach Mekka zurückkam, erzählte er mir, dass die Menschen aus den anderen Ländern alles falsch gemacht hätten. ('alles' – alles Rituelle)

Nachtrag 3:

Innerhalb des Islam, habe in mich vor allem für die islamische Mystik interessiert, für die verschiedenen Richtungen des Sufismus. Die verschiedenen Ausrichtungen des Sufismus, sind auch Teil einer Volksreligiosität mit ihren Heiligen und verehrten Grabstätten.

Als ich mit Marlies im Bazar von Istanbul war und ich mich mit einem Händler unterhielt, der mit Idris befreundet war, fragte er mich, ob wir heute an einem Gottesdienst einer Sufi-Sekte teilnehmen möchten. Ich zögerte. Eine Minute später kam eine kleine Gruppe von Freunde dazu. Da stellte er mich einem dieser Männer vor, dem Oberhaupt dieser Sufi-Gemeinschaft. Nun hat mich dieser eingeladen und so gingen wir am Abend hin.

Nach langen religiösen Ritualen setzten sich alle auf den Boden (die Frauen waren auf einer Empore) und er hielt eine Ansprache.

Danach stellte er uns vor (auf englisch), sagte, dass ich nun Fragen stellen könne. Doch vorerst erklärte er zu uns die Grundsätze der Gemeinschaft. Ich war schockiert, weil das gar nichts mit dem zu tun hatte, was ich über Sufismus zu wissen glaubte; es war ein moraltriefender Vortrag über die Verpflichtungen gegenüber Familie und Nation usw.

Dann sollte ich Fragen stellen. Ich sagte, dass mich ein Sufi-Text besonders angesprochen habe: 'Wenn das Herz ruhig schlägt, ist gut, was du tust – wenn es heftig schlägt, ist es schlecht.' Ich verschwieg, dass der Text auch noch sagte, man solle auf sein Herz hören und nicht auf das, was auf dem Papier steht; denn das hiesse ja, man solle sich nicht an die Worte des Koran halten. (Und deswegen waren ja in früheren Zeiten Sufis verbrannt worden.) Er nickte, als würde er all das gut verstehen und dann sprach er zu mir, doch im Grunde führte er seine Ansprache noch etwas fort – über die Wichtigkeit der Familie, über Ehrerbietung, Gehorchen usw. (Wenn ich hier die neben mir sitzende Marlies nicht erwähne, dann weil sie ignoriert wurde, auch in dieser Beziehung ein Ort, der nicht von der Freiheit atmete, die mit Sufismus verbunden sein kann.)

Nachtrag 4:

Auch bei meinem Besuchen in der Mescit in Olten wusste ich natürlich, dass der Koran in einem direkten Sinn als Gottes Wort gilt. Doch materiell wurde mir die Heiligkeit des Buches erst bewusst, als ich einmal einen Koran in den Händen hielt und mich Idris darauf aufmerksam machte, dass ich das Heilige Buch oberhalb des Nabels tragen müsse, sonst werde es entweiht.

Nachtrag 5:

In der Türkei habe ich erlebt, dass es kaum etwas Wichtigeres als die Gastfreundschaft gibt. Dazu gehört aber auch die Verpflichtung, die gebotene Gastfreundschaft anzunehmen.

Nach der Premiere meines Films in einem Oltener Kino, sprach auch der Stadtpräsident und lud alle zu einem Stehimbiss im Foyer ein. Er betonte, wie sehr er sich freue, dass so die viele türkischen Gäste unter uns seien. Darum seien auch alle Speisen nach den Vorschriften des Islam zubereitet worden seien.

Ich habe mich sehr geärgert, als sich die Familie Tütüncü und all die die anwesenden Türken vom Buffet fernhielten. Niemand sprach es aus, doch hatte ich den Eindruck, sie seien sich nicht sicher, ob wirklich alles korrekt sei. Im Nachhinein überlegte ich, ob es ein Problem für sie war, dass die Speisen vielleicht von nicht-muslimischen Händen zubereitet worden waren.

Eine solche Frage stellt man natürlich nicht; man würde das Gegenüber in eine unangenehme Situation bringen, aus der es sich mit Ausreden winden würde, oder mit vorgeschobenen Verständigungsschwierigkeiten, oder mit einem schweigenden Darüberhinweggehen.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



Diese Website ist nicht für die Darstellung auf kleinen Bildschirmen eingerichtet. Lesen Sie sie bitte mit einem Laptop- oder Desktop-Bildschirm!