Film heute (1980, Filmkollektiv intern).

Film heute (1980, Filmkollektiv intern).

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Film heute (1980, Filmkollektiv intern).

Film heute (1980, Filmkollektiv intern).

Ich versuche einige Überlegungen mitzuteilen, muss aber vorerst einige Schematisierungen vornehmen, Schubladen die immer etwas erzwungen sind. Wenn man sich durch das Ganze hindurch gelesen hat, begreift man vielleicht, warum sie mir notwendig sind, um zu schildern, um was es mir geht.

Illusionskino.

Kino, in dem man dich vergessen lassen will, dass du im Kino sitzest - in dem du dich auf Identifikationen einlässt - indem du dich in einem kleinen Rausch verlierst - wo du das Kino beeindruckt, sprachlos gemacht, verlässt, Zeit brauchst, um vom fesselnden Film in die Wirklichkeit zurückzukehren. Und wenn dann diese deine Wirklichkeit etwas bescheidener, grauer ist, als das Film-Konzentrat, dann brauchst Du das nächste Kinoerlebnis – wie man es halt mit den meisten Konsumgütern hält, die immer etwas Neues, Besseres versprechen und immer wieder etwas schnell Vergängliches in einer neuen Verpackung anbieten (oder im Kino/Fernsehen: die gleiche Grundstruktur mit auswechselbaren Elementen angefüllt).

Eine Reaktion darauf: Verfremdungskino.

Es gibt Filme, in denen du von Zeit zu Zeit aus deinen Identifikationen herausgerissen wirst und dich wieder zu spüren beginnst und vielleicht sogar merkst, dass du dich und wie du dich verloren hattest. Das können starke Erlebnisse sein: Sich verlieren, auf sich zurückgeworfen werden und sich wieder verlieren und …

Es sind Filme, die sich dem Illusionskino widersetzen. Einzelnen Autoren tue ich wohl Unrecht, doch wenn ich solche Filme sehe, bekomme ich manchmal den Eindruck, sie seien auf die Emanzipation der Zuschauer vom Illusionskino aus. Der Filmautor tut etwas für die Emanzipation, des Zuschauers, z.B. "der Zuschauer wird auf sich zurückgeworfen". Da wird klar, dass da einer etwas mit dem Zuschauer macht: pädagogisch, didaktisch, elitär und politisch sehr fragwürdig. Da spielt einer mit deren Gefühlen und Gedanken, lässt sie zu Erlebnissen und Erkenntnissen kommen - fortschrittliches, liebevolles Bevormunden.

Dahinter steht auch die Idee, dass Film nicht eine Form der Darstellung ist (der Kunst), sondern eine Form der Kommunikation – also soll sie nicht etwas darstellen, sondern jemandem etwas beibringen – etwas Inhaltliches und etwas Formales.

Es gibt auch einzelne Filme, in denen so etwas wie eine Verfremdung auf eine selbstverständliche Weise ständig präsent ist, in denen der Schauspieler nie vergessen lässt, dass er einen Text spricht, den ein anderer geschrieben hat. Ständiges Ausstellen der Künstlichkeit. Filme, die sehr interessant, aber auch etwas starr sein können. Darsteller vor der Kamera mit Distanz zu ihren Rollen. Und einem Regisseur mit Distanz zu seinen Bildern, zu den Texten, zur Filmmusik (falls sie in einem solche Film vorstellbar ist).

«Filme».

Es müsste auch selbstverständliche Filme geben (statt Illusionskino und Verfremdungskino).

Ums extrem zusagen: Man sollte doch Filme machen können, bei denen niemand denkt "Aha - Equipe im Bild - Verfremdung, also Kino und nicht Wirklichkeit" sondern umgekehrt: "Jede Aufnahme enthält selbstverständlich auch die Anwesenheit der Kamera, des Mikrophons, des Kunstlichts, der Equipe, nicht um dieses bewusst zu machen, sondern weil man ja schon ganz seltsame Gedanken haben muss, um dies zu verstecken." Wenn eine Person vor der Kamera spricht, dann wird sie logischerweise zuerst davon sprechen, dass sie vor Technik und Equipe Hemmungen hat, dass der Gedanke an Veröffentlichung das Herz schneller schlagen lässt. Das hat nichts mit Verfremdung zu tun, sondern nur mit dem Darstellen der wirklichen Aufnahmesituation.

Wenn dies nicht in den Film eingeht, wird schon Illusionskino produziert, das dann durch Verfremdung wieder relativiert werden muss, damit das Gewissen des Machers wieder beruhigt ist und es ist halt schon ein schönes Gefühl, wenn man so mit den Emotionen der Zuschauer spielen kann, und es ist ja für einen guten Zweck: Man wickelt sie ja ein um sie wieder rauszuwerfen – alles zu ihrem Guten.

Statt die Zuschauer erziehen zu wollen, könnte man ja einfach dazu stehen, dass man einen Film macht: dass die Kamera dabei ist, in Situationen, die spannend sind, berührend, bewegend, die etwas durchsichtig werden lassen, usw.

Es geht ja nicht darum, dass Equipe und Mikro im Bild sind, sondern es geht um ein bestimmtes Verhältnis der Filmmacher zu ihrer Arbeit, zu ihrem Produkt: ein Statement ist ein Statement, vorbesprochen, ausgewählt, beginnend, endend. Ein Schnitt ist ein Schnitt - Bedeutungen von Bildern und Tönen, die an dieser Stelle aufeinandertreffen. Ums es etwas konkreter darzustellen, etwas, das ich am letzten Wochenende erlebt habe (den folgenden Abschnitt habe ich auch im Text über Zwischenschnitte zitiert):

Ich wurde gefragt, was ich bezwecke, wenn ich bei den Statements in «Cinéma mort ou vif?» Abblendungen, Aufblendungen, Überblendungen und Schwarzfilm eingesetzt habe.

Antwort: Ich bezwecke nichts damit. Was hätte ich denn anderes tun sollen? Mir scheinen diese Lösungen am Selbstverständlichsten.

Einwand: Aber die Leute sind das von Fernsehen und Kino nicht gewohnt, also werden sie durch solche Sachen irritiert werden.

Antwort: Ich kann doch nicht einfach die gängigen billigen Tricks in meine Filme einbauen, damit diese aussehen wie TV-Konfektionsware. Ich kann doch nicht dem Kameramann bei einer Statement-Aufnahme sagen, er solle zoomen, immer von Zeit zu Zeit den Bildausschnitt verändern, damit die Einstellungen auf eine Weise hintereinander montiert werden können, die dem Zuschauer Kontinuität vormachen soll.

Dies wird ja nicht gemacht, weil der Autor wirklich von einer Nah-Aufnahme auf eine Grosse wechseln will, sondern weil er an den Zuschauer denkt, den er täuschen will (wer nur daran denkt, etwas darzustellen - nicht zu kommunizieren - wird nicht auf solch seltsame Ideen kommen). Nichts gegen einen Wechsel von Nah auf Gross, aber dort wo er dem Autor zur Darstellung notwendig erscheint. Und wenn man einen Schwenk macht oder eine Fahrt, dann macht man das, weil man etwas so abbilden möchte und nicht weil man bei den Zuschauern etwas bestimmtes bewirken möchte oder weil sie das so gewohnt sein könnten. (Ende des Zitats.)

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Wenn Filmer miteinander sprechen und als Argument, warum sie etwas auf eine bestimmte Weise machen wollen, die Zuschauer, das Publikum als Argument einbeziehen, dann wirds gefährlich. Die Schlimmsten sind diejenigen, die Denkanstösse geben wollen. Ich muss da immer an Billardspieler denken, die einer Kugel einen genau berechneten Stoss geben, damit diese dann "selbständig" auf dem richtigen Weg an den richtigen Ort rollt. Da sind mir reaktionäre Oberlehrer lieber - zu ihnen kann man leichter Distanz nehmen, als zu diesen fortschrittlichen Menschenfreunden.

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Es gibt Filme, die an einem Prozess teilhaben lassen, es gibt Filme, die einen Collage-Charakter haben, es gibt Tausende von Filmarten. Es gibt keine falschen Filme und keine richtigen Filme, an die man sich halten könnte. Man muss an seinem Thema seine Sprache zu entwickeln suchen, den klarsten, einfachsten Ausdruck, so als hätte man noch nie einen Film gesehen (ums extrem zu sagen). Einfach dazu stehen, dass man eine Aufnahme macht, sie montiert, einen Ton hinzufügt, sie hell oder dunkel, blaustichig oder rotstichig kopieren lässt - was gibt es da zu verstecken?

Das Resultat wird vielleicht den Fernsehzuschauern etwas fremd vorkommen, aber mit Verfremdung hat das nichts zu tun.

Meistens haben aber die Zuschauer gar keine so grossen Probleme mit Filmen, in denen einer seine filmischen Formen in der Auseinandersetzung mit einer Thematik entwickelt hat.

Natürlich ist eine Voraussetzung, dass die Thematik etwas mit dem Leben der Zuschauer zu tun hat. Aber auch dafür braucht man nicht an das "Publikum" zu denken – es genügt, wenn man von Zeit zu Zeit daran denkt, welches Leben man selbst führt.

21.5.1980 ug

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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