«Kaiseraugst», Fragen der Montage.

«Kaiseraugst», Fragen der Montage.

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«Kaiseraugst», Fragen der Montage.

«Kaiseraugst», Fragen der Montage.

Ausschnitt aus der Pressekonferenz an den Solothurner Filmtagen 1.2.1976 zum Film «Kaiseraugst».

Urs Jäggi, Filmkritiker:

«Ich finde es sehr wichtig, dass man über Kaiseraugst einen Film macht; ich glaube auch, dass der Film durchaus ein Agitationsfilm sein sollte und müsste, aber ich bin einigermassen erstaunt, wie schlecht das gute Material montiert worden ist. (Murren, Pfiffe).

Ich möchte das an einem Beispiel erläutern, das mir einfach aufgefallen ist, und zwar mehrere Male aufgefallen ist. Es gibt in diesem Film wirklich sehr gute Interviews; ich sagte, das Material ist gut und das betone ich auch. Aber ich finde es sehr schade, wenn man die Leute, während sie sprechen, immer wieder unterbricht und dann das beinahe zu einem Montagestil entwickelt. Das geht so weit, dass Sie manchmal die Leute beinahe mitten im Satz unterbrechen und ich glaube, dass uns gerade der neuere Dokumentarfilm der Schweiz gezeigt hat, dass man es eigentlich anders machen kann und dass es trotzdem nicht langweilig wird.»

Mathias Knauer, Mitautor:

«Etwas zur Frage der Interview-Montage. Die Konzeption dieser Montage basierte auf drei Überlegungen: einem rhythmischen Grund, einem visuellen und einem polit-ästhetischen, wenn ich so sagen darf (Schmunzeln im Publikum). Sie wissen, dass dieser Film 20 Minuten dauert, und es ist von vornherein klar, dass man in dieser Zeit relativ wenig von dem im übrigen ziemlich umfangreichen Interview-Material, das gedreht wurde, zeigen kann.

Wir sind also erstens davon ausgegangen, dass wir sehr stark auswählen müssen, dass wir nur sehr wenig bringen können, und haben dann zu dieser Lösung gegriffen: einerseits also aus rhythmischen Gründen, weil wir meinen, dass durch eine relativ rasche, kurze Montage ein rhythmisches Element hineinzubringen wäre, das etwas von der Spontaneität, von der Frische dieser Bewegung, wie sie in Kaiseraugst zu beobachten war, mit Montagemitteln zum Ausdruck bringt.

Zum zweiten haben wir durch das Einsetzen von Schwarzkadern versucht, das Springen der Köpfe, das normalerweise entsteht, wenn man zwei Köpfe direkt aneinanderschneidet, zu umgehen - das ist der visuelle Grund.

Und der dritte ist eine grundsätzliche Einstellung zum Abschneiden – insofern, dass wir fanden, dass es nicht gut ist, mit den üblich gewordenen Unterschneide-Dramaturgien den Schein einer Zeit- und Orts-Identität zu erzeugen. Der Zuschauer soll sich bewusst sein, dass hier zitiert wird, dass hier sehr stark geschnitten wird, und dass es wirklich nur ein paar Sätze sind, die hier ausgewählt wurden und vorgestellt werden, zur Diskussion gestellt werden, und nicht der Eindruck entstehen soll, dass Aussagen, die nicht an Ort und Stelle in diesem Zusammenhang aufeinanderfolgend gemacht wurden, nun in eine scheinbare Kontinuität, in eine Argumentationsfolge oder dergleichen montiert werden.

Das waren unsere Ausgangspunkte; es mag sein, dass der eine oder andere sich gefühlsmässig mit dieser Form nicht anfreunden kann, das wäre dann vielleicht das Problem von Herrn Jäggi – aber es wäre vielleicht günstig, wenn man uns etwas präziser sagen würde, in welcher Weise man hier hätte vorgehen können.

Noch ein Punkt: Wir haben uns lange überlegt, ob es sinnvoll sei, diesen Film überhaupt hier in Solothurn zu zeigen. Dies ist ein Film für Diskussionsveranstaltungen; er versucht – das war unser Ausgangspunkt – einen gewissen Erfahrungsgehalt in Diskussionen einzubringen, wo natürlich nicht über den Film, sondern über die Sache diskutiert wird; mit einem Film die Voraussetzungen für eine Diskussion über Kaiseraugst, über diese Bewegung, über Bürgerinitiativen allgemein, zu verändern – ein Ziel, das resultiert aus den Erfahrungen, die die Filmcooperative seit ihrer Gründung 1972 gemacht hat, und die darin bestehen, dass wir versuchen möchten, die Formen des Filmeinsatzes im politisch-sozialen Bereich zu verändern, also die Qualität der Filmvorführung zu verändern, auch eine neue Form der Filmvorführung zu propagieren, zu verbreiten. Der Film ein Bestandteil eines integrierten Kommunikationsangebotes. Aus diesen Erfahrungen, die wir mit einer Anzahl von Filmen gemacht haben, die in unserem Verleih sind, resultieren also Filme, die mit der Situation eines Festivals nicht kompatibel sind. Der Kaiseraugst-Film gedacht als ein Teil einer Diskussion, ein Teil einer Veranstaltung, zu dem natürlich auch Information über die Frage der Atom-Kraftwerke oder weitere Information dazukommen müssen.

Wir meinen, dass der Film etwas einbringen muss in eine solche Diskussion, was spezifisch nur mit Film zu leisten ist. Und daher haben wir uns auch darauf beschränkt in diesem Fall, einen Eindruck zu geben, einen sinnlichen Eindruck zu geben von der Wirklichkeit dieser Besetzung und uns einer argumentierenden Aufzählung von Fragen enthalten, von Problemen, die zur Besetzung geführt haben.»

Wir hatte «Kaiseraugst» als Produktion der Filmcooperative Zürich herausgebracht. Während der Arbeit war die Idee der Gründung eines eigenen Produktionsorts, einer Produktionsfirma entstanden, wo wir gemeinsam unsere Filme realisieren würden – Filmkollektiv Zürich. Dies auch, weil die Produktion von Filmen mit finanziellen Risiken verbunden ist und wir bei einem Konkurs die Filmcooperative und all die Filme, die sie im Verleih hat, nicht gefährden wollten.

Als rechtliche Form hatten wir an eine Genossenschaft gedacht, doch das ZDF forderte für eine anstehende Koproduktion eine AG. Also Filmkollektiv Zürich AG. Wir würden darauf achten, dass die 50 Aktien möglichst gleichmässig unter den aktiven Mitgliedern verteilt sind. (Ausführlicheres zu Filmkollektiv unter "Arbeit und Form":

FKZ, Selbstverwaltung / Selbständig im FKZ.)

Mitglieder der Anfangszeit:

Renato Berta, Robert Boner, Edi Bürchler, Richard Dindo, Silvia de Stoutz, Marlies Graf, Urs Graf, Donat Keusch, Mathias Knauer, Thomas Koerfer, Benjamin Lehmann, André Pinkus, Jean Richner, Rolf Schmid, André Simmen, Anton Stricker, Hans Stürm, Rainer Trinkler, Carlo Varini, Luc Yersin.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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