"Meister und Margarita",
unterschiedliche Filmmusik.

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unterschiedliche Filmmusik.

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"Meister und Margarita",
unterschiedliche Filmmusik. ?

«Der Meister und Margarita» -
unterschiedliche Filmmusik
in verschiedenen Sprachfassungen.

Ich wurde auf diesen Film aufmerksam, weil mir zu Ohren kam, dass die Filmmusik in den Sprachfassungen unterschiedlich sei. Es schien mir interessant, mich mit den Wirkungen dieser Versionen zu befassen.

Zum Film:

Der Roman 'Der Meister und Margarita' von Michail Bulgakov (1940 fertiggestellt, 1966 erste Veröffentlichung).

Der Film (1972) realisiert vom jugoslawischen Regisseur Aleksandar Petrovic, «inspiriert vom Roman 'Der Meister und Margarita'». Produktionsfirmen in Rom und Belgrad.

Zentrale Figuren und ihre Darsteller:
Nikolai Maksudow, der Meister (Ugo Tognazzi).
Margarita (Mimsy Farmer).
Professor Voland, der Teufel (Alain Cuny).

Zur Musik im Vorspann des Films:
Il tema musicale e' composto e diretto d'Ennio Morricone.
Scelta delle musiche originali Petrovic.

*     *     *

Eine Blu-ray Disc mit den Sprachversionen Italienisch/Deutsch war erhältlich, also habe ich diese gekauft – aus der Reihe 'Collection Masterpieces of Cinema' von Koch Media. Das wirkte seriös, vertrauenserweckend.

Irrtum.

Im Begleitmaterial kein Hinweis darauf, dass sich die zwei Sprach-Versionen in ihrer Filmmusik unterscheiden (und wodurch).

Kein Hinweis darauf, dass sich die Versionen auch durch unterschiedliche Texte unterscheiden.

Kein Hinweis darauf, dass Teile der deutschen Fassung so beschädigt waren, dass sie durch Sequenzen aus der italienischen Fassung ersetzt werden mussten (italienisch synchronsiert mit deutschen Untertiteln).

Auf dem Umschlag der Disc steht «Nach dem Weltbestseller von Michail Bulgakov»; man geht diskret damit um, dass der Film nur von diesem Buch «inspiriert ist».

Da der Film von Firmen in Rom und Belgrad produziert wurde, gehe ich davon aus, dass es zwei 'Originalversionen' gab – eine für Italien, eine für Jugoslawien. Im Begleitmaterial der Disc werden keine Angaben zur deutschen Fassung gemacht; so bleibt offen, ob der Regisseur Petrovic daran beteiligt war. Gut vorstellbar scheint mir, dass die Entscheide zur Filmmusik im Hinblick auf das deutsche Kinopublikum getroffen wurden, dass die Zuschauer für die 'Verfilmung' eines berühmten russischen Romans gewonnen werden sollten. Und wenn ohnehin eine deutsch synchronisierte Fassung hergestellt wurde, konnte dem Film doch bei dieser Gelegenheit zusätzlich auch noch etwas oberflächlich-russische Atmosphäre verliehen werden – durch bekannte Melodien von Balalaikas und einem volkstümlichen Frauenchor.

*     *     *

Nachdem ich mich etwas intensiver auf den Film eingelassen hatte, wurde ich sehr irritiert, weil auch der sprachliche Inhalt der beiden Fassungen nicht übereinstimmte. Und in der deutschen Fassung fehlten Untertitel des russischen Liedes, auf die man mit etwas Glück in der italienischen Fassung stossen konnte.

Im Film bei 55'50'':

In der italienischen Fassung der Brieftext von Nikolas Maksudow, dem Meister (natürlich italienisch gesprochen). Das deutschsprachige Publikum lernt den Text nicht kennen, weil es an dieser Stelle des Films ein russisches Lied zu hören bekommt.

In der deutschen Fassung ein russisches Lied, bei dem die Untertitel fehlen. Diese sind in der italienischen Fassung über dem gesprochenen Brieftext des Meisters einkopiert (was für die Italiener sehr irritierend sein muss).

Hier die deutschen Untertitel der Übersetzung des russischen Liedes, wie sie in der italienischen Fassung des Films erscheinen:

«Der berühmte Eingang im Hof nennt sich Dienstbotentreppe. Das ist sein Revier, hier wohnt er, der schwarze Kater. In der schützenden Dunkelheit verbirgt er sein spöttisches Lachen in seinem Schnurrbart. Alle Katzen singen oder weinen, aber der schwarze Kater schweigt. Er fängt seit langem keine Ratte mehr. Mit seinem spöttischen Lachen macht er sich über unsere schönen Worte lustig oder will eine Scheibe Wurst. Er verlangt nichts und bittet um nichts, sein einziges gelbes Auge glänzt. Jeder bedient ihn, freiwillig. Und bedankt sich noch dazu. Er gibt keinen Laut, isst nur und trinkt. Wenn seine Krallen den Boden kratzen, ist es, als ob er einem die Kehle aufschlitzt. Es ist ein trauriges Haus, in dem wir wohnen. Man muss eine Lampe anbringen, aber es besteht keine Chance, dass sich jemand an den Ausgaben beteiligt.»

(Was man dazu noch wissen muss: Im Film erscheint immer wieder der schwarze Kater, in Autos, auf Strassenbahnen, in Wohnungen, in Grossaufnahmen, oft heftig fauchend.)

Und hier der Text des Briefes des Meisters, wie er – entsprechend der italienisch gesprochenen Version – etwa gelautet haben könnte (der Text, den das deutschsprachige Publikum nicht kennenlernt):

«Sie verbieten mir das Arbeiten, doch ohne diese Arbeit zerstören Sie meine Existenz, hat sie keinen Sinn. Wenn ich nicht Theater-Autor sein kann, soll mich die Regierung als Komparse anstellen, wenn ich mich nicht zum Bühnen-Techniker eigne. Aber versuchen Sie nicht, mich vom Theater fernzuhalten, das ist mein Leben. Ich gehöre zu diesem Land, glaube an den Sozialismus, habe dafür gelitten, damals und heute, für die Idee der Freiheit. Lassen Sie mich weiter arbeiten oder erschiessen Sie mich! Lassen Sie mich leben, Sie können mich doch nicht lebendig begraben!»

(Empfand man wohl diesen Text für das deutsche Kino-Publikum als zu kommunismus-freundlich und hat ihn durch das poetische Lied über den Kater ersetzt?)

Auffallend ist, dass die Musik in «Der Meister und Margarita» oft mitten in musikalischen Teilen ausgeblendet wird, daher hier ein paar allgemeine Bemerkungen zu Filmmusik:

Ich mag es, wenn in einem Film die Musik als etwas Eigenständiges behandelt wird, das seine Form hat, seinen Aufbau und einen sich daraus ergebenden Schluss. Ich erwarte, dass die Montage eines Films dem auch gerecht wird.

Ich mag aber auch Filme, in denen ein Schnitt einer Szene ein brutales Ende setzt, damit deutlich wird, dass hier die filmische Darstellung abgebrochen wird, was mir als Zuschauer auch schmerzlich bewusst werden kann. So hat es auch seine Logik, wenn in einem solchen Film nicht nur Szenen abgebrochen werden, sondern dass auch ein ebenso schmerzlicher Schnitt in der Musik erfolgen kann.

Was ich nicht mag: Filme (wie «Der Meister und Margarita»), in denen bei mir der Eindruck entsteht, die Musik solle an einer bestimmten Stelle der Handlung unauffällig verschwinden – von einem Regisseur ausgeblendet, der gar nicht fähig ist, Musik in ihrer Eigenart wahrzunehmen. Unbekümmert würgt er sie mitten in einem musikalischen Teil ab, weil ihre Wirkung von diesem Moment an nicht mehr benötigt wird.

In den folgenden Darstellungen sind Szenen nicht erwähnt, in denen die Musik Teil der Handlung ist (Teil des Originaltons, eines Trauermarsches, in einem Restaurant, beim Tanz).

Ich werde hier also nur auf die Sequenzen eingehen, in denen es eindeutig um Filmmusik geht – Musik, als etwas Äusseres, etwas Fremdes hinzugefügt:

I: Filmmusik in der italienischen Originalfassung.

D: Filmmusik in der deutsche Fassung.

I+D: Dieselbe Filmmusik in der italienischen und der deutschen Sprach-Fassung.

I+D: 0.00–0.50. Kirchen in Moskau, Gemälde an Kirchen, einkopierte Vorspanntitel. Glocken läuten.

I: 0.50-2.45. Fahrt, Häuser in einem Aussenquartier der Stadt. Dazu dumpfes Glockenspiel, das nach zehn Sekunden in Orchester-Musik mit Chorgesang überblendet wird.

D: 0.50-2.45.Dumpfes Glockenspiel über die ganze Sequenz hinweg (d.h. ohne Orchester und Chor).

Eine direkte Folge von Szenen mit unterschiedlicher Filmmusik:

I: 12.50-14.10. Nikolai Maksudow (der 'Meister' genannt wird) in Restaurant, sein Blick aus dem Fenster auf Margarita. Er geht zu ihr. Dazu Orchester und Chor wie im Prolog des Films.

I: 14.10-14.20. Margarita und Meister. Dazu ein Glockenspiel; das die Orchester-Melodie aufnimmt.

I: 14.20-15.00. M+M spazieren, in Taxi einsteigen. Dazu Orchester.

I: 15.00-16.43. Taxi-Fahrt von M+M, durch Strasse, dann in der Wohnung des Meisters. Dazu traditioneller russischer Frauenchor.

D: 12.50-17.00. Eine Musik über alle diese Sequenzen hinweg (15 Sek. länger als die italienische Version, wodurch auch Margaritas Satz auf die Musik zu liegen kommt, den sie an einer der Wände sieht). Dazu Balalaika-Einleitung, dann traditioneller russischer Frauenchor.

I: 18.20-19.05. Wohnung des Meisters, Abgang Margarita. Dazu Orchester und Chor.

D: 18.20-19.05. Keine Filmmusik zu dieser Handlung.

I: 26.15-29.00. Meister in Wohnung mit Margarita. Dazu: Effekt eines alten Klaviers und Orchester.

D: 26.15-29.00. Balalaika.

I: 39.20-40.08. Der Meister und Margarita spazierend, sprechend (Szene ohne den Originalton des Gesprächs), Papier verbrennen. Dazu Orchester mit Frauenstimme.

D: 39.20-40.08. Balalaika (Szene ohne den Originalton des Gesprächs).

I+D: 51.50-52.45. Der Meister läuft  Prof. Voland (dem Teufel) hinterher, bis dieser verschwindet, sich ins Nichts auflöst. Dazu Glockengeläute auf dumpfem Grundklang.

Fehler auf der DVD:

I: In der italienischen Version des Films ist in dieser Sequenz der Text des Briefes zu hören, den der Meister eben geschrieben hat – wie wichtig ihm das Schreiben für das Theater sei. Zu diesem Text sieht man deutsche Untertitel, die eigentlich an dieser Stelle in der deutschen Version des Films als Übersetzung des russischen Liedes zu sehen sein sollten, eines Lieds, das sich um eine Katze dreht.

D: In der entsprechenden Sequenz der deutschen Fassung ist auf dieser Fahrt durchs Quartier und darüber hinaus, das russische Lied zu hören, dessen Übersetzung halt in der deutschen Version fehlt.

I: 55.50-57.00. Meister an Arbeitstisch. / Fahrt durch Strassen. / Margarita zum Meister in die Wohnung, Kuss. Dazu: Effekt des Klangs eines alten Klaviers und Orchester. Off-Stimme – der Text des Briefes, den der Meister eben geschrieben haben könnte. Briefmarke mit Stalin auf dem Briefumschlag.

D: 56.05-57.08. Meister an Arbeitstisch. / Fahrt durch Strassen. / Margarita zum Meister in die Wohnung, Kuss. Dazu russischer (?) Sänger mit Gitarre.

I+D: 58.50-1.01.02. Margarita verlässt die Wohnung des Meisters. Danach bindet er die Krawatte, zieht die Weste an, setzt sich in Sessel. Heftiges Klopfen an der Türe. Die Katze in der Wohnung. Dazu russischer (?) Sänger mit Gitarre (ohne italienische oder deutsche Untertitel).

I: 1.02.15-1.03.35. Margarita auf Treppe, in der Wohnung des Meisters, wird vom neuen Mieter abgewiesen. Übermalen der Texte des Meisters an den Wänden der Wohnung. Margarita trifft auf den Theater-Direktor, fragt ihn nach dem Meister. Sie im leeren Theatersaal sitzend. Dazu das alte Klavier.

D: 1.02.15-1.03.35. Keine Filmmusik zu diesen Szenen.

I+D: 1.06.10-1.08.10. Hof der Psychiatrie, Insassen, auch der Meister. / Er tritt in ein Zweierzimmer, setzt sich auf das Bett. Weit oben ein Fenster. Dazu russisch orthodoxer Messegesang, Stimme von Priester und Chor.

I+D: 1.16.35-1.16.55. Bei Professor Voland Abgang des Kritikers. / In der Psychiatrie, Meister auf Bett, weinend, wütend. Dazu russisch orthodoxer Messegesang, Stimme von Priester und Chor.

I+D: 1.17.49-1.18.39. Innenstadt, Fahrt in Taxi, Prof. Voland und Margarita. Dazu Blasmusik.

I+D: 1.26.35-1.27.50. Theater, Zuschauerraum, Frau schlägt auf ihren Mann ein. / Der Knoten der Zwangsjacke des Meisters öffnet sich selbst, Meister steht auf, Türen öffnen sich, er geht hinaus. Dazu Blasmusik, vermischt mit einem applaudierenden Publikum.

I+D: 1.31.42-1.33.46. Theaterdirektor wird begnadigt, der Kopf wird ihm wieder aufgesetzt, Abgang. / Der Meister geht mit aufgeknöpfter Zwangsjacke durch die Strassen der Stadt. / Das Theater-Publikum steigt Treppe hinunter ins Foyer. Auf einen Akzent der Stimme des Teufels, verschwinden Kleider des Publikums, Nackte fliehen. Dazu Blasmusik.

I: 1.34.25-1.35.10. Gegen den Strom der Nackten steigt der Meister die Treppe hinauf. / 1.34.33-1.35.10: In einer Theater-Loge: Margarita, der Meister tritt hinzu. Dazu romantisierende Orchester-Musik.

I: 1.35.10-1.36.20. Bühnen-Vorhang öffnet sich zur Aufführung. / Prof. Voland (Teufel) betritt die Loge. Meister und Margarita trinken den Wein aus den Gläsern, die der Teufel erscheinen liess. Dazu russisch orthodoxer Messegesang, Stimme von Priester und Chor.

D: 1.34.25-1.34.33. Gegen den Strom der Nackten steigt der Meister die Treppe hinauf. Keine Musik dazu.

D: 1.34.33-1.35.10. Margarita beginnt zu lächeln, der Meister tritt hinzu. Dazu russisch orthodoxer Messegesang, Stimme von Priester und Chor.

D: 1.35.10-1.36.20. Bühnen-Vorhang öffnet sich zur Aufführung. / In der Loge: Meister und Margarita, sie trinken den Wein aus den Gläsern, die Prof. Voland erscheinen liess. Dazu russisch orthodoxer Messegesang, Stimme von Priester und Chor.

I: 1.36.35-1.37.30. Ein Gang in der Psychiatrie, Türen öffnen sich selbst, auch die Türe zum Zimmer, in dem der Meister liegt. Er liegt im Bett, reglos, mit offenen Augen, Hände kommen ins Bild, schliessen seine Augen, ziehen das Leintuch über sein Gesicht. Darauf der Titel eingeblendet: FINE. Dazu Orchester-Musik mit Gesang.

D: 1.36.35-1.37.30 Gang in der Psychiatrie bis zum Schliessen der Augen des Meisters, das Leintuch, einkopierter Titel: FINE. Dazu russisch orthodoxer Messegesang, Stimme von Priester und Chor.

Ein kleiner Nachtrag zur Handlung des Films,
zu dessen Ende.

Wenn wir am Schluss des Films den toten Meister sehen, kann die Frage aufkommen, ob wir von einem bestimmten Moment an Bilder seiner Fantasien, seiner letzten Wunschträume gesehen haben.

1.17.49? Vom Moment an, in dem die verrückt-fröhlichen Blasmusiken einsetzen (an Zirkus-Musik, an Fellini-Filme erinnernd?).

Wenn wir uns die Szene in der Theater-Loge vor Augen führen, die irrealen Erscheinungen von Meister und Margarita, könnte die Möglichkeit aufscheinen, dass dies schon Bilder aus einer anderen Welt sind – die Beiden in einer Welt jenseits des Todes?

1.26.35? Eindeutig fantastisch: Da wo sich der Knoten der Zwangsjacke des Meisters selbst löst, wo sich die Türen öffnen, er mit aufgeknöpfter Zwangsjacke durch die Stadt zum Theater geht, die Treppe hoch steigt ohne vom fliehenden Publikum wahrgenommen zu werden. / In der Loge Margarita, die zu lächeln beginnt, obwohl sie nicht sehen kann, dass der Meister hinter sie getreten ist. (In dieser ganzen Szene wirken die Beiden sehr abstrakt, ohne Anzeichen von Gefühlen, von Lebendigkeit. / Professor Voland (der Teufel) tritt in die Loge, sagt zum Meister «… Sie haben kein Recht auf Erleuchtung, aber der Friede wird Ihnen geschenkt.» Prof. Voland lässt zwei Weingläser erscheinen, Margarita und der Meister trinken den Wein. (Wieder Gänge durch die Psychiatrie, Türen die sich selbst öffnen, bis zum toten Meister.) Dazu russisch orthodoxer Messegesang, Stimme von Priester und Chor.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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