Live.

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Live. ?

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Und mögliche Entwicklungen von errechneten Bildern.

Es muss vor etwa einem halben Jahr gewesen sein. Ich hatte über ein paar Sender gezappt, war dabei auf die Übertragung eines Tennis-Matches geraten. Ein kurzer Ballwechsel, ein Fehler, ein Schnitt, die nächste Einstellung: Einer der Spieler bereitet sich auf den Aufschlag vor, tippt den Ball ein paar Mal zu Boden. Die Aufnahme irritierte mich, ich hatte den Eindruck, der Spieler sei aus einer vollkommen unmöglichen Perspektive aufgenommen worden – aus der Mitte des Spielfeldes, zwei Meter vor dem Netz. Im unteren Viertel des Bildes ein Teil des Netzes (in starker Unschärfe), weit dahinter (im Schärfebereich) der Spieler an der Linie des Spielfeldes.

Um genauer vom Bild zu sprechen: Die starke Unschärfe des Netzes im Vordergrund hatte mir den Eindruck vermittelt, die Kamera stehe nahe am Netz, mitten im Spielfeld – an einem Ort, wo sie während eines Spiels unmöglich stehen kann.

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In Spielfilmen und dokumentarischen Berichten würde vom Publikum unbewusst, doch in aller Selbstverständlichkeit, die unsichtbar bleibende Kameraarbeit mitvollzogen. Die Zuschauer wissen insgeheim, dass zu jedem Bild die Vorstellung einer Kamera gehört, dass jede Abbildung von der Perspektive der Darstellung, vom Standpunkt des Blicks spricht.

Anders bei einer Live-Übertragung. Wenn die Kamera nahe bei einer Person ist, um eine Grossaufnahme von ihr zu machen, müsste in der folgenden Totalen dieses Ortes logischerweise der Kameramann bei dieser Person zu sehen sein. (Und eigentlich müsste man sich einen zweiten Kameramann vorstellen, der nun diese Totale aufnimmt.)

Gewöhnt an dokumentarische Berichte wird vielen Zuschauern der Unterschied zu einer Live-Übertragung eines sportlichen Wettkampfes nicht auffallen. Sie würden nicht bemerken, dass das Bild insgeheim vermittelt, die Kamera stehe dafür mitten auf dem Tennisfeld.

Doch spätestens nach dem Schnitt zur Totalen – wenn der Tennisspieler den Ball noch ein letztes Mal zu Boden tippt, bevor er den Aufschlag ausführt – müsste auch der letzte Zuschauer erkennen, dass da etwas nicht stimmen kann. Auf Grund des vorangegangenen Bildes müsste die Kamera mitten auf dem Spielfeld zu sehen sein, doch mit dem Schnitt zur Totalen, ist sie innert einer Sekunde vom Ort verschwunden, wo sie angenommen werden musste.

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Ich begann zu recherchieren, auf welchem Weg ein solches Bild realisiert werden konnte, aus einer fiktiven Perspektive (d.h. praktisch nicht möglich)? Am Naheliegendste schienen mir mögliche Techniken des Hawk-Eye-Systems zu sein, das Bilder produziert, durch die beim Tennis nachgewiesen werden kann, ob ein Ball innerhalb oder ausserhalb des Spielfeldes den Boden berührt hat.

Laut Wikipedia: Das System basiert auf der Verwendung von mindestens vier Hochgeschwindigkeitskameras, die das Spielfeld aus verschiedenen Blickwinkeln heraus erfassen. Ein Computer identifiziert zunächst in den zum selben Zeitpunkt geschossenen Einzelbildern der Kameras den Ball. Anschliessend kann er durch Triangulierung die Position des Balls berechnen. Um die Genauigkeit des Verfahrens zu erhöhen, werden in der Praxis meist sechs oder mehr Kameras verwendet.

Zur Veranschaulichung wird die Flugbahn des Balls anschliessend für die Zuschauer in einer 3D-Animation dargestellt. (In leicht nachvollziehbarer Weise dargestellt, also gefälscht.)

Hawk-Eye: Entwickelt wurde das System im Jahr 2001 vom britischen Mathematiker Paul Hawkins.

Könnte an Stelle des Tennisballs ein Spieler visuell erfasst werden, um sein Agieren in gewünschter Perspektive zu zeigen – errechnet aus dem Bildmaterial von weiter entwickelten Hawk-Eye-Kameras – dies nicht in nachträglicher Rekonstruktion, wie dies heute mit einem Ball möglich ist, sondern live, in direkter Anwendung dieser Funktion?

Ich suchte im Internet nach Ansätzen zur Weiter-Entwicklung solcher Techniken im Bereich der Live-Übertragung von Fernsehsendern – ohne Erfolg, doch werden solche Entwicklungen früher oder später zu erwarten sein.

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Dann gäbe es nur noch das Einrichten der Installation zur umfassenden visuellen Erfassung des Geschehens auf diesem Feld. Kameraleute würden nicht mehr gebraucht. Die Hawk-Eye-Kameras würden den ganzen Bereich des Spielfeldes und seiner Randbereiche abdecken. Der Regisseur könnte aus dem Bildmaterial der Hawk-Eye-Kameras die Distanz und die Perspektive wählen, sowie den Bildausschnitt, in dem er einen Spieler zeigen möchte.

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Tennisspieler, die das Spielfeld betreten, sind sich auch jetzt bewusst, dass sie vom Publikum von allen Seiten angeschaut werden. Doch mit einer kommenden Technik käme hinzu, dass zu ihnen eine Nähe vermittelt werden kann, die keine Grenzen mehr kennt – in den Fernseh-Übertragungen und über die Grossprojektionen in den Sporthallen. Heute würde sich ein Kameramann in den Pausen zwischen den Sätzen keine solche Belästigung der Spieler erlauben, weil ihm bewusst wäre, dass er deren Konzentration stören würde, und auch aus dem schlichten Respektieren ihrer Privatsphäre (wie sie noch empfunden werden könnte). Wenn es ein Kameramann trotzdem tun würde, wäre er heute für den Spieler ein störendes Gegenüber und auch dem Publikum wäre klar (hoffe ich), dass ein solches Bedrängen nicht zumutbar ist. Oder empfänden die Zuschauer, dieses Recht stehe ihnen ohnehin zu – ab einem bestimmten Grad von Öffentlichkeit schwinde das Recht auf einen privaten Raum, auf Intimität? Solche Probleme würden in Zukunft nicht mehr existieren, die Pausenbilder wären für Berichte verfügbar, ohne dass der Spieler etwas davon merken würde.

Heute scheint es für Sportler selbstverständlich geworden zu sein, es nach Siegen und Niederlagen als Teil ihrer Profession zu betrachten, der peinlichen Fernseh-Belästigung ausgesetzt zu sein "Wie fühlen sie sich jetzt?"

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Während ich mir über die Konsequenzen möglicher Techniken Gedanken machte, beschäftigte mich immer noch das irritierende Bild, das ich am Fernsehen gesehen hatte. Ich musste mich wohl damit abfinden, dass die Perspektive dieses Bildes noch nicht aus Hawk-Eye-Material errechnet worden war.

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Heute ist es bei fotografischen Aufnahmen möglich, einen mehr oder weniger starken Unschärfebereich in einer erwünschten Distanz zu bestimmen. Wenn also eine übliche Aufnahme (aus dem dafür eingerichteten Guckloch in der Wand) des Spielers am andern Ende des Spielfeldes gemacht wird (in einer Distanz von etwa 30m) kann technisch ein Unschärfe-Bereich (in einer Distanz von etwa 17m) bestimmt werden, durch den das Netz im unteren Teil des Bildes unscharf dargestellt wird.

Dies würde erklären, wie für den Fernseh-Zuschauer der Eindruck entstehen konnte, der Standpunkt der Kamera sei nahe vor dem Netz, er sehe den Spieler von der Mitte des Spielfeldes aus.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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