Original und Kopie.
«smartphone-tauglich»

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Original und Kopie.
«smartphone-tauglich» ?

Original und Kopie.

«smartphone-tauglich»

In einer Radiosendung wurde von smartphone-tauglichen Bibeltexten berichtet. Sukzessive hätten Theologinnen und Theologen die Bibel in kurzen Sätzen in eine Sprache übersetzt, die jungen Leserinnen und Lesern entspreche. Jetzt sei diese On-Line-Bibel fast abgeschlossen. In knapp zwei Wochen würden alle Bücher der Bibel online-tauglich übersetzt sein.

Mir kam die Sache bekannt vor – Originalversionen von Filmen, Sprachversionen und Fassungen, die den technischen Ansprüchen der weltweiten Vermarktung entsprechen.

Mehr zur On-Line-Bibel im Anhang.

Ein Berg mag noch so schön sein, ein Kunstwerk ist er nicht, doch die Fotografie, die jemand von ihm macht, kann Kunst sein (kann mit einem Kunst-Anspruch gemacht worden sein).

Originale und Reproduktionen.

Aus der Geschichte der Fotografie haben sich uns Sujets eingeprägt, vielleicht auch die Namen der Fotografen. Durch ihre Art der Darstellung (Bildausschnitt, Zeitpunkt, Brennweite), kamen Fotografien zu ihrer besonderen Ausstrahlung.

Auch in Filmen ist es nicht das Haus und nicht der Park, die die Kunst ausmachen, sondern die Art ihrer Abbildung – und das, was Schauspieler (in den Spielfilmen) oder Protagonisten (in den Dokumentarfilmen) an Handlung, an Ausdruck, an Sprache einbringen.

Die Berge, die Städte, die Häuser sind nichts anderes als Berge, Städte, Häuser. Erst wenn Parks kopiert worden sind, ist vom Original einer Park-Landschaft die Rede oder vom Original-Eiffelturm.
Markenartikel werden als Originale bezeichnet, wenn Kopien davon im Handel sind.
Doch mit Kunst haben diese Originale nichts zu tun, aber vielleicht mit Aura – mit der Aura der Louis Vuitton-Artikel.

*     *     *

In den 3D-Filmszenen verschmelzen Abbild und Abgebildetes – das Publikum wird in den Raum des Abgebildeten einbezogen (was aber nur gelingt, wenn die Qualität der Abbildung nicht unter der Differenzierungsfähigkeit unserer Augen und Ohren liegt).

Logische Konsequenz: Zuschauer, die sich im Raum des Abgebildeten wähnen, befassen sich nicht mit dem Kunst-Charakter der Sache (scheinen auch kein Interesse daran zu haben).

Ich mag die Konfrontation mit dem, was dort vorne auf der Leinwand zu sehen ist. Ich bin kein Teil davon, ich möchte mich mit dem Fremden befassen, dem ich im Kino von Zeit zu Zeit zu begegnen hoffe – mit der Kunst, die in unserer Welt entstehen kann.

*     *     *

Im klassischen Sinn kann bei Filmen nicht von Originalen gesprochen werden, da es sich immer um Kopien (von Film-Negativen) handelt. So bezeichne ich beim Film das als Original, was von den Produzenten als Original-Fassung veröffentlicht wurde. Wobei der Sache nicht immer zu trauen ist.

Es kann sein, dass wir Jahre später mit anderen Versionen konfrontiert werden:

Apocalypse Now (1979) 153 Min.
Apocalypse Now Redux, Directors Cut (2001) 202 Min.
Apocalypse Now, Final Cut (2019) 183 Min.

Wenn wir von der Original-Version eines Films sprechen, meinen wir Qualitäten, die eigentlich selbstverständlich sein müssten (auch wenn sich viele Zuschauer nichts Konkretes darunter vorstellen können).

Formen der Gestaltung von Bild und Ton:

A) Original: Die ganze Erscheinung des Films – Resultat der gestalterischen Entscheide, die bei den Dreharbeiten und der Montage des Films getroffen wurden.

B) Veränderungen zwischen dem Original und den Formen der Veröffentlichung.

B/C) Für die Zuschauer ist selten auszumachen, ob Veränderungen vom Produzenten oder von einem Wiederverkäufer für bestimmte Formen der Vermarktung vorgenommen wurden (B) oder ob bestimmte Anpassungen vom Abspielgerät vorgenommen wurden (C).

 

Cadrage, der Bildausschnitt.

A) Was wird wie ins Bild gebracht. (Und auch: Was wird wie zu Gehör gebracht.)

B/C) Engere Ausschnitte aus dem Originalbild und Weglassungen aus dem Originalton.

Wer hat schon eine Vorstellung vom Bild der Mona Lisa? Eingeprägt hat sich vielen nur das Gesicht, wie sie es von Briefmarken kennen.

Format.

A) Ein bestimmtes Bild-Format wurde für die Produktion eines Films gewählt (Verhältnis von Höhe zu Breite).

B/C) Wird der Film im Kino in diesem Format vorgeführt oder wird etwas von der Breite des Films amputiert?

C) Immer wieder fällt mir auf, dass Leute im Tram auf ihrem Smartphone einen Film in einem falschen Format anschauen. Manchmal geschieht dies jedoch nicht durch die seitliche Beschneidung des Originalbildes, sondern durch die Stauchung des Breitformats. Könnte es sein, dass sich das Hirn der Zuschauer nach einiger Zeit diesen Verzerrungen anpasst, sie zur Norm werden lässt; emotional könnte man sich doch sonst auf diese extrem schmalen Gestalten und ihre Mimik kaum einlassen.

Bekannt das Experiment: Leuten wird eine Art Brille vor die Augen gesetzt, die die Bilder auf den Kopf stellt. Nach zwei Tagen hat sich ihr Hirn darauf eingestellt und sie finden sich wie gewohnt in der Welt zurecht. Wenn nun diese Brille wieder abgesetzt wird, brauchen die Probanden einige Zeit, bis sie sich wieder an den gewohnten Blick auf unsere Welt gewöhnt haben.

Es hätte seine Logik, wenn Leute, die im Tram einen Film mit diesen extrem schmalen Gestalten schauen, bei einem kurzen Blick auf ihre Umgebung, breite Gesichter der Mitfahrenden sehen würden.

Helligkeit.

A) Bei den Dreharbeiten wird für einen Film, für eine bestimmte Szene das Licht gesetzt.

B/C) Oft werden Bilder, die nicht einem durchschnittlichen Eindruck entsprechen, automatisch (entsprechend einer digitalen Norm) in ein Mittelmass gebracht, damit sie auch unter widrigen Bedingungen leicht zu sehen sind.

Allmählich wird das sichere Mittelmass solcher Filme zum üblichen Publikums-Anspruch, die dunklen Bilder, die ein Geschehen in düsterer Umgebung zeigen, werden als Zumutung empfunden.

Lautstärke.

A) Der Ton wird in einer bestimmten Weise aufgenommen.

B/C) Töne, die nicht einem durchschnittlichen Eindruck entsprechen, werden automatisch in ein Mittelmass gebracht, damit die Sprache auch unter widrigen Bedingungen leicht zu verstehen ist. So ist keine besondere Aufmerksamkeit gefordert, um das Flüstern zu verstehen. Allmählich wird das sichere Mittelmass solcher Filme zum üblichen Publikums-Anspruch.

Dialoge.

A) Wie wurden die Dialoge aufgenommen – bei den Dreharbeiten oder nachträglich im Tonstudio? Wenn nicht in Filmstudios, sondern an Originalschauplätzen gedreht wird, sind die Geräusche der Umgebung so störend, dass keine definitiven Tonaufnahmen möglich sind; also wird nur ein sogenannter Führungston aufgenommen. Die Darsteller werden dann entsprechend dieser provisorischen Aufnahmen die Texte ihrer Figuren im Tonstudio nachsynchronisieren. Die Dialoge der Originalversionen werden also oft so produziert, wie später die synchronisierten Fremdsprach-Fassungen.

Eine Abweichung von dieser Praxis:
In der Filmzeitschrift «Revolver» Nr.43 spricht Alex Lemke vom Film «The Big Trail» von Raoul Walsh: «Parallel zur englisch-sprachigen Fassung mit John Wayne in der Hauptrolle wurde eine französische, italienische, spanische und deutsche Version gedreht, jeweils mit anderen Schauspielern in den Hauptrollen. Diese kamen aber nur in den nahen Einstellungen zum Einsatz.

B) Meistens produzieren die Verleiher die Sprachversionen für ihr Land. Oft nutzen sie die Gelegenheit, um in Dialogen aktuelle Themen und Floskeln einzubauen, die gerade in Mode sind.

Den Synchron-Studios steht meistens nur eine beschränkte Zahl von geübten Sprecherinnen und Sprecher zur Verfügung. So hört das Publikum im Kino und am Fernsehen oft verschiedener Stars die mit derselben Stimme sprechen. Üblicherweise bemüht man sich darum, denselben Synchronsprecher für einen bekannten Hollywood-Schauspieler einzusetzen, damit dieser hier eine Art Stimm-Identität bekommt.

In der Schweiz sind wir in einer bevorzugten Situation, da viele Film in der Original-Sprache gezeigt werden. Doch den Untertitelungen ist nicht immer zu trauen. Das wird schnell klar, wenn man mal erlebt hat, wie schnell (und bei schlechter Bezahlung) Dialoge übersetzt und in eine Kurzform gebracht werden.

Dauer des Films, Dramaturgie, Art der Montage.

A) Wie wurde der Film montiert (besondere Ansprüche stellend oder den Konventionen entsprechend). Welche Dauer des Films wird dem Publikum zugemutet.

B) Welche Film-Dauer erscheint angemessen für die Kino-Gewohnheiten in einem bestimmten Land und für die Formen des privaten Konsums? Je nach Einschätzung des Publikums von Kino oder Streaming-Praxis kann der Film auf das reduziert werden, was als wesentlich betrachtet wird, auf das, was für die Entwicklung der Handlung unverzichtbar scheint. Auch kann eine solche Fassung an den Nebengleisen vorbeiführen, zu denen sich ein Regisseur hat hinreissen lassen – Eingriffe, die das Publikum nie vermuten würde.

Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich das wirkt, was sich auf der Leinwand oder auf dem Tablet zeigt. Kaum jemand kommt auf den Gedanken, dass da eine Szene fehlen könnte. (Wenn ich mich intensiver mit einzelnen Filmen befasse, bin ich immer wieder erstaunt, welch unterschiedliche Fassungen davon existieren.)

Je nach Kulturkreis wird der Verleiher (manchmal auch der Kinobetreiber) bestimmte Szenen sicherheitshalber entfernen, über die sich ein Teil des Publikums empören könnte.

In früheren Jahren kam es oft vor, dass in einem Kino eine Sequenz aus einem Film geschnitten wurde, um die Dauer des Films in einem Rahmen zu halten, durch den drei oder vier Vorführungen im Tag möglich waren (inkl. Pause mit Werbedias, Trailern, Verkauf von Popcorn, Coca-Cola und Eis) – lange Zeit unumgänglich, um die Rendite des Saals zu sichern. Solche Kürzungen wurden dem Operateur überlassen. Es boten sich meistens irgendwelche Szenen an, ohne die die Entwicklung der (vordergründigen) Geschichte leicht auskommen würde. Nicht angetastet werden durften natürlich die erotischen Szenen, die lokal im Gespräch waren.

Art der Film-Vorführung.

Bild:

Im Kino bewegt der Film die Zuschauer – sie lösen sich leicht von der Rücklehne, beugen sich etwas vor, hin zur Grossaufnahme vorne auf der Leinwand – und wenn die Kamera wieder etwas Distanz zum Geschehen nimmt, entspannen sie sich, lehnen sich wieder zurück – der ganze Körper nimmt am Geschehen teil.

Wenn der gleiche Film auf einem Tablet oder Smartphone betrachtet wird, beschränkt sich die Hinwendung und Distanznahme der Zuschauer auf die kleinen Vor- und Rückwärtsbewegungen ihres Kopfes. Von Ganzheitlich kann keine Rede sein.

Ton:

Im Kino vermittelt der Stereo-Ton auch etwas von den Bereichen ausserhalb des Bildes, links und rechts der Kino-Leinwand. Anders beim privaten Abspielen des Films auf einem Tablet. Die Wirkung der Ton-Wiedergabe (über die beiden Kopfhörer) steht in keinem Verhältnis zum kleinen Bild. So fällt es den Zuschauern auch relativ leicht, sich von diesem Bild und der damit verbundenen Empfindung des (gänzlich unrealistischen) Klangs zu lösen. Das Interesse beschränkt sich auf den Informationsgehalt der Dialoge und auf die Explosionen (und Ähnliches), die der Handlungen und Spannungen emotionalen Gehalt verleihen.

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Wenn ich Musik nicht über Kopfhörer abspiele, sondern über die Lautsprecher im Raum, werden die Klänge vom ganzen Körper wahrgenommen.

Ein Kollege erzählte mir, er habe für die lauten, tiefen Klänge der Musik eine Einrichtung konstruiert, die er sich auf den Oberkörper schnallen könne. So erlebe er auch diese Vibrationen und ihm entgehe das nicht ganz, was er im Konzertsaal erleben würde.

Was wäre, wenn …

Wenn es keine Kinos mehr gäbe, wenn die Filme nur noch auf privaten Geräten abgespielt würden, dann wären die Originalversionen der Filme entsprechend den Normen der privaten Geräte konfektioniert.

Originale und Reproduktionen.

Mittelalter: Holzschnitte, als Kunstwerke geschaffen. Mehrere Abzüge davon – in späterer Zeit mit der Aura von Original-Abzügen.

Anfangs 19. Jahrhundert: Kupferstich und Radierung, als Kunstwerke geschaffen oder als Illustrationen zu aktuellen Geschehnissen. Teils auch handwerklich geschaffene Reproduktionen von bekannten Gemälden.

Im 20. Jahrhundert: Fotografie als eigene Form, teils mit einem Kunstanspruch.

Andrerseits wurde die Fotografie auch ein Mittel zur Reproduktion von zweidimensionalen Kunstwerken. Es begann «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» (Walter Benjamin, 1955). Zuerst schwarzweiss, später auch farbig.

Die Aura ist mit dem Wissen um die Einzigartigkeit des Kunstwerks verbunden.
Wenn das Publikum glaubt, es habe das Original eines Kunstwerks vor sich, wird es diesem die Aura eines Originals zuschreiben.

Wenn das Publikum weiss/glaubt, dass im Projektor das Unikat eines Films läuft (z.B. ein S8mm-Umkehrfilm), der sich von Vorführung zu Vorführung allmählich auflösen wird, gewinnt der Film die Aura eines Originals.

Bald wurde die Fotografie zu einem privaten Mittel der Erinnerung. Damit sich die Foto-Kunst von diesem populären Gebrauch abhob, wurden die Fotografien in Galerien und Museen häufig in Formaten präsentiert, die sich an Gemälden orientierten. Auch laden diese Ausmasse die Blicke der Betrachter dazu ein, die Fotografie in ihren Details zu erkunden, während auf den üblichen 10 x 15cm-Kopien, ausser dem zentralen Sujet, selten etwas zu entdecken ist (auch weil sich diese meist nur in den Dienst eines Sujets stellen).

Filme und ihre Vorführung.

Wenn ich in meinen Filmen selbst die Kamera führte, dann auch, weil es mir wichtig war, genau diesen Ausschnitt der Realität zu zeigen, genau dieses Bild. Und so schien es mir auch selbstverständlich, dass die Cadragen der Filme von den Operateuren als Ausdruck von bewussten Entscheiden ernst genommen werden.

Eine Erfahrung bei den Aufnahmen für den Prolog meines Films «Cinéma mort ou vif?», zu den Ansprüchen und der gestalterischen Arbeit von Alain Tanner an seinem Film «Jonas»: Ein Kinosaal, aufgenommen von hinter den Zuschauern: der Vorhang öffnet sich und es wird dunkel, es erscheint ein einkopierter Text (das Motto des Films) «transformer le regard du spectateur», danach schliesst sich der Vorhang wieder, es wird hell, die Zuschauer erheben sich.

Für diese Aufnahmen hatte ich hinter den Zuschauern die Kamera aufgestellt. Da der Film von «Jonas»  im Format 16:9 gedreht ist, war es mir wichtig, dass im Kino die leere Leinwand in diesem Format zu sehen war. Doch war mir entgangen, dass gerade an diesem Abend ein Film im Format 3:4 programmiert war. Also wollte ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder kommen, doch der Operateur überzeugte mich, dass das Publikum nicht merken würde, dass der Film im falschen Format vorgeführt wird, die Bilder des Films oben und unten halt etwas beschnitten.

Jedes Mal, wenn ich meinen Film sah, hatte ich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Publikum, dem ein Chaplin-Film im Breitformat zugemutet worden war.

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Es gab Zeiten, in denen sich einige Zürcher Kino-Operateure monatlich zu einem Stammtisch trafen, um ihre technischen Probleme zu besprechen. Dies vor allem, weil sich viele Kinobesitzer weigerten, für bestimmte Filmformate die notwendigen Objektive anzuschaffen. So lieh Hans Gfeller, der Operateur des Kinos Astoria, seinen Kollegen jeweils Objektive aus seiner grossen Sammlung.

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Testlauf für die Pressevorführung eines Films von J.L. Godard. Am unteren Rand der Leinwand sind die Untertitel angeschnitten, der Film offensichtlich mit einem falschen Objektiv projiziert. Ich reklamiere. Der Operateur sagt, er habe halt nur dieses Objektiv. Godard scheint das nicht zu stören, er sagt, wenn jemand auf das Lesen der Untertitel angewiesen sei, könne man das Bild ja noch etwas nach oben schieben. Das tut der Operateur und die zu eng projizierten Bilder werden nun am oberen Rand der Leinwand noch mehr amputiert. Im nachfolgenden Gespräch wird deutlich, dass es Godard nicht so sehr auf das ankommt, was auf den konkreten Bildern zu sehen ist. Die Szenen des Films scheinen für Ideen zu stehen, die in Kombination mit den gesprochenen Texten einen Sinn ergeben werden.

PS (betreffend On-Line-Tauglichkeit).

Wer Filme realisiert, ist immer mit der Problematik von Original, Kopien und Formen der internationalen Vermarktung konfrontiert.

Eine Radio-Sendung über smartphone-taugliche Bibeltexte, hatte mich dazu gebracht, einige Gedanken rund um diese Problematik zu notieren – Erfahrungen, die mich immer wieder beschäftigt hatten.

Wir kennen zwar die Bücher der Bibel nur in deutschen Fassungen, die seit Luther immer wieder von neuem übersetzt wurden. Wie würden wohl die Smartphone-Texte zu den vorhandenen Bibel-Texten stehen?

Radio-Sendung DRS 11.1.2021:

Wie macht man 2'000-3'000 Jahre alte Texte smartphone-tauglich?

Diese Herausforderung hat das Team der Basis-Bibel angepackt. Sukzessive übersetzten Theologinnen und Theologen die Bibel in kurzen Sätzen in eine Sprache, die insbesondere jungen Leserinnen und Lesern entspricht.

Die sogenannte Basis-Bibel hat Erfolg. Gerne wird sie zum Beispiel im Konfirmations-Unterricht eingesetzt. Jetzt ist diese On-Line-Bibel fast abgeschlossen. In knapp zwei Wochen werden alle Bücher der Bibel online-tauglich übersetzt sein.

In unserer Rubrik «Worte der Bibel» hören wir, wie das tönt und zwar mit dem Anfang des Buches Jona:

«Das Wort des Herrn kam zu Jona, dem Sohn des Amitthais: Auf, geh nach Ninive, in die grosse Stadt und rede ihr ins Gewissen. Ihr böses Tun ist mir zu Ohren gekommen. Da machte sich Jona auf den Weg, aber genau in die andere Richtung. Er wollte vor dem Herrn nach Tharfis fliehen. Als er in die Hafenstadt Japho kam, lag dort ein Schiff, das nach Tharfis fuhr. Er zahlte den Fahrpreis und stieg ein, um mit den Seeleuten nach Tharfis zu gelangen. So glaubte er dem Herrn aus den Augen zu kommen; doch der Herr liess einen starken Wind losbrechen, der über das Meer fegte. Der Sturm wurde immer stärker, dass man dachte, gleich bricht das Schiff auseinander.»

Ich verglich den Anfang dieses Jona-Textes mit der «Zürcher Fassung» von 2007 und stellte fest, dass sich der Smartphone-Text nur wenig von der vorhandenen Übersetzung unterscheidet. Er ist näher an unserer Umgangssprache und bemüht sich um Anschaulichkeit. Problematisch scheinen mir zwei inhaltliche Banalitäten. In der Zürcher Übersetzung war offensichtlich vermieden worden, Gott eine menschliche Gestalt zu verleihen. Im Smartphone-Text scheint mir der alte Mann mit dem weissen Bart nicht weit zu sein: «ist mir zu Ohren gekommen» und «er glaubte dem Herrn aus den Augen zu kommen».

Im Vergleich dazu die Zürcher Fassung von 2007:

«Das Wort des Herrn erging an Jona, den Sohn des Amittai. Mach dich auf, geh nach Ninive, in die grosse Stadt, und rufe gegen sie aus, denn ihre Bosheit ist vor mir aufgestiegen. Jona aber machte sich auf, um vor dem Herrn nach Tarschisch zu fliehen. Und er ging hinab nach Jafo und fand ein Schiff, das nach Tarschisch fuhr. Und er zahlte sein Fährgeld und stieg hinab in das Schiff, um mit ihnen nach Tarschisch zu fahren, weg vom Herrn. Der Herr aber warf einen gewaltigen Wind auf das Meer, und über dem Meer zog ein schwerer Sturm auf, und das Schiff drohte auseinander zu brechen.»

Ganz unproblematisch ist es auch nicht, wenn «der Herr einen Wind wirft», da ist mir die Smartphone-Fassung sympathischer «der Herr liess einen starken Wind losbrechen».

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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