«Les quatre cents coups»

«Les quatre cents coups»

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«Les quatre cents coups» ?

«Les quatre cents coups»

Wenn ich für einen meiner Filme einen Titel wählte, war es mir wichtig, dass dieser nicht den Eindruck vermittelte, er würde eine Interpretation des Films anbieten. So sind die Titel meinen Filmen auch nicht vorangestellt, sondern sind Teile davon. (Teile des Prologs oder hinüberführend zum Hauptteil des Films. Sie haben ihre Wirkung wie all die Bilder, Klänge, Worte, tragen mit diesen zum Ganzen des Films bei.)

Wenn ich mich als Zuschauer entscheide, einen Film anzuschauen, kommt dem Titel keine besondere Bedeutung zu. Ich nehme ihn meist als einen zufälligen Namen hin – er könnte auch anders lauten. Im Nachhinein wird mir vielleicht aufgehen, dass der Titel ein Teil war, der auf irgendeine Weise zum Gesamteindruck des Films beigetragen hatte. (Nur befasse ich mich – wie wohl die meisten Zuschauer – im Nachhinein kaum mit dem Titel des Films.)

Film «Les quatre cents coups» (1959) von François Truffaut, mit Jean-Pierre Léaud als Antoine Doinel.

Es ist lange her, dass ich den Film gesehen habe. Über dessen Titel scheine ich mir kaum Gedanken gemacht zu haben. Und der deutsche Verleihtitel wirkte so blöd, wie man das von solchen Übersetzungen gewohnt ist «Sie küssten und sie schlugen ihn». Vielleicht hat mich dieser Titel darauf gebracht, im Originaltitel bestimmte Bedeutungen zu erahnen – les coups / die Schläge.

Der deutsche Verleih-Titel könnte einzelne Elemente der Handlung aufgenommen haben:

Am Anfang des Films sieht Antoine, wie sich seine Mutter und ein fremder Mann küssen. Und die Mutter sieht, dass ihr Sohn es sieht. Antoine behält das für sich. Und so wirkt das Verhalten der Mutter ihm gegenüber immer etwas berechnend – wenn der Vater wütend auf ihn ist, setzt sie sich für ihn ein und sie umarmt und küsst Antoine.

Zu den Schlägen: Von Männern (auch von seinem Vater) bekommt Antoine ein paar Mal heftige Ohrfeigen.

Der Film ist vor allem eine Aneinanderreihung von Streichen, die Antoine mit seinem Schulfreund verübt – in  der Schule, in der Freizeit, beim Schwänzen der Schule, bis zur Flucht aus der Wohnung seiner Eltern. Und er stiehlt – erwischt wird er, als er die grosse, schwere Schreibmaschine wieder zurückbringen will (weil er mit dem Hehler über den Preis nicht einig wurde).

Ich habe mir den Film nochmals angeschaut, weil ich zufälligerweise in einem Buch auf den Satz gestossen bin «faire les quatre cents coups».

Eric Rohmer «Six Contes moraux», Édition de l'Herne 1974, 2003.

Eric Rohmer: «Pourquoi filmer une histoire quand on peut l'écrire? Pourquoi l'écrire quand on va la filmer? L'idée de ces Contes m'est venu à un âge où je ne savais pas encore si je serais cinéaste. Si j'en ai fait des films, c'est parce que je n'ai pas réussi à les écrire. Et si, d'une certaine façon, il est vrai que je les ai écrits – sous la forme même où on va les lire – c'est uniquement pour pouvoir les filmer.»

Aus der Erzählung «Ma nuit chez Maud», Dialog zwischen dem Erzähler und Maud:

Maud: Comment vous marierez-vous, alors?

Der Erzähler: Je ne sais pas, par petites annonces: «Ingénieur, trente-quatre ans, catholique, un mètre soixante-douze …

- «...physique agréable, possédant voiture, cherche jeune fille blonde, catholique… pratiquante.»

- Après tout, pourquoi pas? Vous me donnez une idée. Il y a beaucoup de gens qui se marient comme ça… Je plaisante. Je ne suis pas pressé.

- Évidemment, pour faire les quatre cents coups!

- Ah non, ça, pas du tout!

*     *     *

Im Internet finden sich verschiedene Bedeutungen der französischen Redewendung «les quatre cents coups»:

On peut faire les quatre cents coups avec lui/elle.

Mit ihr/ihm kann man Pferde stehlen.

Faire les quatre cents coups.

Allerhand anstellen. «Faire la fête».

Und eine etwas moralistische Interpretation:

Cette expression qualifie une vie faite d'excès, voire des «bêtises». C'est de là que proviendrait l'expression «faire les quatre cents coups», qui signifie donc «aller contre le sens moral et les convenances».

ORIGINE: Faire les quatre cents coups renvoie à l'attaque de Louis XIII contre les Prostestants de Montauban où il fit tirer quatre cents coups de canon pour effrayer les habitants. Depuis l'expression est synonyme de fête sans limite.

Die Redewendung könnte sich auch erhalten haben, weil die Belagerung erfolglos abgebrochen wurde – also vierhundert Kanonen-Schüsse für nichts.

*     *     *

«Les quatre cents coups»

Offensichtlich haben diese Worte nicht dieselbe Bedeutung, wenn sie auf das Leben des etwa 14-jährigen Antoine bezogen werden oder wenn Maud sie zu einem 34-jährigen Mann sagt.

Maud: Sie fasst die Haltung ihres Gesprächspartners spasseshalber provokativ in den Satz zusammen, er wolle nur «faire les quatre cents coups», er wolle sich wohl in den nächsten Jahren nur auf unverbindliche erotische Abenteuer einlassen.

Antoine: Der Film «Les quatre cents coups» schildert Antoines Lust an seinen Streichen, das abenteuerliche Jahr des 14-jährigen Antoine, die unbeschwerte Lust an «la fête sans limite» - als würde er der ganzen Welt die Zunge herausstrecken.

*     *     *

Im Film enden Antoines Streiche damit, dass er bei einem Einbruch erwischt und in einem Kastenwagen der Polizei abtransportiert wird – Antoines Gesicht hinter dem vergitterten Fenster des Autos, seine Blicke auf die Strassen von Paris (ähnlich den Fahraufnahmen im Prolog des Films), eine Träne auf seiner Wange.

Dann Antoine im Erziehungsheim.

Der Schluss des Films: Antoines Flucht – er allein am Meer, eine riesige Totale eines endlosen, menschenleeren Strandes – eine Stimmung, die ihm fremd ist – eine Stimmung, die wir aus seinem Leben nicht kennen. Ein neues Leben zeichnet sich ab, könnte hier beginnen, «la fête sans limite» ist zu einem Ende gekommen.

 

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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