Zunehmende ästhetische Banalisierung.

Zunehmende ästhetische Banalisierung.

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Zunehmende ästhetische Banalisierung.

Zeitschrift LINK Nr. 3/03 SRG Deutschschweiz

Leserbrief:

Zunehmende ästhetische Banalisierung.

In den Sendepausen zeigt Schweizer Fernsehen DRS jeweils bewegte Luftaufnahmen schweizerischer Landschaften. Eine an sich gute Idee, findet ein Zuschauer, aber...

Zu «Swiss View» auf SFDRS:

Damals, als ich am Schweizer Fernsehen DRS zum ersten Mal Flugaufnahmen von schweizerischen Landschaften und Ortschaften als Pausenfüller sah, fand ich, das sei eine schöne Idee; doch bald merkte ich, dass es den MacherInnen am nötigen Mut für eine konsequente Realisierung fehlte. Gerade das, was die Eigenart dieses Konzepts hätte sein können, wurde ängstlich vermieden: das Setzen auf die zeitlich-räumliche Kontinuität. Die Monotonie von Ebenen, die Weiten von Seen wagte man dem Publikum nicht zuzumuten, und so entstand eine Folge von interessanten Aufnahmen, statt eines sinnlichen Erlebens von Orten in ihren grossen Zusammenhängen. Wo ein Gefühl für Distanzen hätte aufkommen können, ein angespanntes Warten auf das, was in der Ferne noch nicht zu erahnen ist, folgte ein Schnitt auf eine nächste interessante Bildsequenz. Den RealisatorInnen schienen nur Bilder akzeptabel zu sein,-die etwas auf einen Begriff brachten: der Weiler, das Gehöft, der Fluss, die Strasse, der Gletscher usw. - das, was dazwischen liegt, schienen sie dem Publikum nicht zumuten zu wollen: den Blick auf das Unfassbare, auf die Materie (von Natur und Zivilisation), auf das Konkrete ohne Namen. So war mir das Vergnügen an diesen Pausenfüllern schnell verdorben; zu gross war mein Ärger über dieses bevormundende Montieren von Bildern, in einem Programm-Teil, wo diese Ängstlichkeit vom Grundkonzept her nun wirklich nicht angebracht war.

Doch unvermeidlich bekomme auch ich immer wieder solche Pausenfüller zu sehen. Und so musste ich entsetzt feststellen, dass die ästhetische Banalisierung nun noch weiter getrieben wird: Die Aufnahmen sind jetzt mit Ortsangaben beschriftet. Die Möglichkeit des intensiven Hinschauens wird zum Vornherein sabotiert. Natürlich gab es wohl Leute, die sich nicht damit abfinden konnten, einen Ort nicht erkannt zu haben. Doch an die Stelle des befragenden und manchmal erratenden Blicks tritt nun das "Aha, so sieht Lugano von oben aus", und die Sache hat sich erledigt. Die ganze Faszination der Bilder ist weg. Es gibt keinen Grund mehr, um genau hinzuschauen, um überhaupt noch hinzuschauen, denn die Bilder erscheinen nun unter einer Betitelung als deren Illustration - kleine Reportagen über einen Ort, aber von oben gesehen: Die Altstadt, Schnitt, das Industriequartier, Schnitt, das Seeufer.

Es scheint, als hätten die RealisatorInnen noch nie etwas von der "Produktivität des Zuschauens" gehört, von der Qualität der aktiven Anteilnahme, vom Wert eines intensiven Blicks.

Urs Graf, Zürich

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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