Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum.
Kritik und Anregungen (1981).

Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum.
Kritik und Anregungen (1981).

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Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum.
Kritik und Anregungen (1981).

Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum.

Kritik und Anregungen, 1981.

Als Vorstandsmitglied der Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum veröffentlichte ich diesen Text:

Zum Zweck der Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum.

An der letztjährigen (ersten) Generalversammlung der Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum kritisierte ich den Zweckartikel dieser umgewandelten Organisation des Filmzentrums und versprach, mitzuhelfen, dass Alternativen dazu entwickelt werden. Ich hoffe mit den hier dargestellten Gedanken die Diskussion um diese Filmförderung anzuregen.

Der Zweckartikel der Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum ist beschränkt auf die Unterstützung der Stiftung Schweizerisches Filmzentrum, die ihrerseits einen Zweckartikel hat, der recht offen gehalten ist:

Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum:

«Die Gesellschaft bezweckt die ideele und materielle Unterstützung der Stiftung Schweizerisches Filmzentrum, die ihrerseits das schweizerische Filmschaffen und dessen Verbreitung im In- und Ausland fördert.»

Stiftung Schweizerisches Filmzentrum:

«Das 'Schweizerische Filmzentrum' unterstützt das schweizerische Filmschaffen, indem es die Produktion und die Verbreitung von Schweizer Filmen fördert, unter besonderer Berücksichtigung des Nachwuchses. Die Voraussetzungen der Förderung von Schweizer Filmen werden in einem Reglement geordnet, das vom Stiftungsrat erlassen wird.»

Ich bin nicht davon überzeugt, dass der Zweckartikel der Stiftung so allgemein gehalten werden musste, denn schliesslich gibt es ja Gründe, weshalb überhaupt eine Unterstützung des schweizerischen Filmschaffens über das Filmzentrum angestrebt wurde, Gründe, deren Konsequenzen auch genannt werden dürfen. Wenn nun aber der Zweck der Stiftung schon so offen gehalten ist, sollte wenigstens die jetzt gegründete sogenannte Basisorganisation klarere Ziele haben, denn hier geht es um unser Selbstverständnis – formuliert für diejenigen, die dabeisein und sich für diese Ziele einsetzen wollen. Unter anderem kann es auch darum gehen, welchen Einfluss diese Basis auf die Stiftung zu nehmen versucht, z.B. auf das 'Reglement zur Förderung von Schweizer Filmen'.

Für eine regionale Kultur: Ich halte es für erstrebenswert, dass alle kulturellen Gruppen, alle Regionen dieser Erde ihren eigenen Ausdruck finden (z.B. auch im Film), um sich auseinanderzusetzen mit ihren Lebensbedingungen, ihren Ängsten und Hoffnungen. Weil das auch hierzulande nur in bescheidenen Ansätzen realisiert ist, ergibt sich für das Filmzentrum ein Zweck: Förderung und Verbreitung eines eigenen Filmschaffens als Teil einer eigenen Kultur.

Ich zitiere dazu die hoffentlich unverdächtige Kulturdefinition des Europarates: 'Kultur ist alles, was dem Individuum erlaubt, sich gegenüber der Welt, der Gesellschaft und auch gegenüber dem heimatlichen Erbgut zurechtzufinden, alles was dazu führt, dass der Mensch seine Lage besser begreift, um sie unter Umständen verändern zu können.'

Für eine regionale Filmproduktion, ABER.

Ich betrachte nicht alle Filme, die in der Schweiz entstehen, als Beiträge zur Findung, zur Entwicklung unserer Identität. Die Produktion eigener Filme scheint mir wichtig, weil die Produktionen, die die schweizerischen Kinos und Fernsehprogramme aus dem Ausland überschwemmen, grösstenteils Ausdruck eines alles einebnenden Kulturimperialismus sind (und derer, die mit diesen multinationalen Konzernen zu konkurrieren versuchen). Natürlich kann es nicht nur eine Frage der Arbeitsplätze und der Devisen sein, wenn diesem Kulturimperialismus etwas entgegengesetzt werden soll. Natürlich kann es nicht darum gehen, dass wir die Produkte, die üblicherweise importiert werden, nun selbst herstellen wollen. Doch die Gefahr, dass dies geschieht, ist gross; denn auch hier gibt es nicht nur Konsumentenbedürfnisse, sondern auch konditionierende Formen der Vermarktung; auch hier gibt es die zentralistische Bevormundung durch Fernsehbeamte; auch hier gibt es eine Presse, die unter dem Druck der Inserenten auf die Anpreisung dieser Waren einschwenkt; auch hier gibt es Filmschaffende, die nach dem Glimmererfolg und der Kasse schielen und solche, die aus Angst um ihr Überleben als 'Künstler' zu bewusster oder unbewusster Anpassung bereit sind.

Wer sich als Autor/Produzent an den Massstäben von Kinokasse und Programmvorstellungen von Fernsehgewaltigen orientiert, der soll seine Filme auch innerhalb des von ihm gepriesenen Marktes realisieren. Auf eine Subventionierung solcher Filme sollte verzichtet werden können. Die heutige Praxis sieht anders aus.

Bei der Gründung des Schweizerischen Filmzentrums verbanden sich vielleicht mit dem Begriff 'Schweizerfilm' noch klarere Vorstellungen, die diesen Film von den Produkten des internationalen Filmgrosshandels abhoben. Dies und das unreflektierte Aufgehobensein im breiten Strom einer politischen Bewegung ergab eine unausgesprochene Übereinstimmung unter denen, die die Filme schufen. Inzwischen hat eine Entwicklung stattgefunden, durch die immer mehr schweizerische Filme den Erfordernissen internationaler Vermarktung und den Fernsehnormen zu entsprechen begannen. Beängstigend herrscht heute hierzulande das Mittelmass. Viele Filme die hier in der letzten Zeit entstanden, befassen sich mit dieser Mittelmässigkeit, aber die meisten Filme, die hier in der letzten Zeit entstanden, sind selbst Ausdruck dieses Mittelmasses: beherrschte Technik, beherrschte Gestaltung, beherrschte und sich beherrschende Autoren. Entweder erstarrt das Filmzentrum wie ein grosser Teil des Filmschaffens oder es versucht die Ansätze von Leben zu entwickeln, fördert filmische Abenteuer, hilft mit, dass Filme entstehen können, die nicht nur Varianten sind von all dem, was man schon hundert Mal gesehen hat, es lässt sich auf Risiken ein, unterstützt Projekte, die ausserordentlich gut oder ausserordentlich schlecht werden können, aber die auch total missraten immer noch interessanter sein können, als all die Machwerke, von denen man nie so recht weiss, ob man sie nicht schon gesehen hat.

Was also fördern?

Natürlich ist es nicht einfach, Kriterien für die Filmförderung zu formulieren. Vielleicht können wir uns aber doch auf bestimmte, zu bevorzugende Tendenzen festlegen: «Vorrang haben soll ...» (dies gilt ja immer; wenn nur beschränkte Mittel vorhanden sind).

Ich bin nicht für die Förderung jedes schweizerischen Filmschaffens, sondern:

- Ich bin für DAS schweizerische Filmschaffen, das sich als Teil seiner regionalen Kultur begreift, das die Auseinandersetzung mit sich und seiner konkreten Umgebung fördert, mit unseren Städten, Dörfern, Quartieren, Landschaften, Fabriken, Büros, Schulen, Familien, usw.

- Und ich bin für DAS schweizerische Filmschaffen, das auf der Suche ist, das nicht nur die international gängigen Formen und Themen mehr oder weniger perfekt zelebriert.

Ich betone mit diesen beiden Punkten eine Tendenz der Regionalisierung, der Dezentralisierung, der Demokratisierung. Bei einer solchen Zielsetzung ergibt sich kein prinzipieller Förderungsausschluss von bestimmten Filmformaten (neben Video, Super-8-Film und 16mm-Film muss also prinzipiell auch die Förderung von 35mm-Filmen möglich sein, da die Auswertung eines 35mm-Films in der Schweiz kaum dessen Kosten zu decken vermag).

Entweder gelingt es uns, gemeinsam ein Richtung zu finden oder man kann von mir aus ruhig den Laden schliessen, denn allein die Tatsache, dass in der Schweiz Filme produziert werden, immer mehr Filme produziert werden, mit denen man zum Teil an Festivals und Schweizer Filmwochen renommieren kann, ist für mich noch kein Grund zur Zufriedenheit. Auch wenn Filme manchmal national und international hochgejubelt werden, könnten wir uns ja immer noch fragen, was UNS dieser Film bedeutet, welchen Stellenwert er in UNSEREM Leben hat.

Wenn wir uns einig werden sollten, was wir wollen, dürfte das Formulieren eines Zweckartikels kein grosses Problem mehr sein. Aber ein neuer Zweckartikel wird nichts ändern, wenn diejenigen, deren Interessen da vertreten werden sollen, sich nicht selbst etwas um ihre Angelegenheiten zu kümmern beginnen. Entweder werden die Betroffenen AKTIV-Mitglieder, die mitdenken, mitentscheiden und mitarbeiten oder sie helfen durch ihre Mitgliedschaft und ihre eventuelle Teilnahme an der alljährlichen Generalversammlung der Gesellschaft Schweizerisches Filmzentrum den Schein einer Basis-Vertretung zu wahren und eine zentralistische Bürokratie auszubauen (wie überall wo Leute meinen, es genüge, wenn sie ihre Interessen an ihre Funktionäre delegieren).

Urs Graf

PS:

Ein konkretes Beispiel von 'So nicht': Das Geld, dessen Verteilung vom Filmzentrum an den Solothurner Filmtagen 81 bekanntgegeben wurde.

Eine Voraussetzung war, dass diese Erstlingsfilmer ins hauptberufliche Filmmachen einsteigen wollen. Also zwingt man sie dazu, schon ihren ersten Film nicht nur als Film, sondern auch als erste Stufe zu einer Berufskarriere zu betrachten (als Muster zu Förderungsgesuchen). Eine Regelung, die mithilft, dass auch die Neuen der herrschenden Mittelmässigkeit nicht entgehen sollen.

Nun konnte natürlich jeder Bewerber behaupten, er wolle Berufsfilmer werden, auch wenn er keine solchen Ambitionen hatte; wenn dann nichts draus wird, kann man ihm das ja nicht vorwerfen und das Geld zurückverlangen. Hoffentlich waren diese Leute so schlau und haben die Experten des Filmzentrums angelogen und versuchen jetzt erst mal nur e i n e n möglichst guten Film zu machen.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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