Audiovisuelle Medien (1).

Audiovisuelle Medien (1).

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Audiovisuelle Medien (1).

Audiovisuelle Medien (1).

Wer Film nicht als Kunstform sondern als Medium betrachtet, wird dieses als Transportmittel benutzen, mit dem sogenannte Inhalte zum Publikum spediert werden.

Darauf hat sich das Publikum eingestellt, es hat gelernt, das sog. Medium zu übersehen, sich durch das Medium hindurch für dessen Inhalt zu interessieren.

Auch Kunst wird es als eine Art Inhalt betrachten, der aber nicht offen da liegt, sondern den es noch auszupacken gilt.

«Gute Tage»  von Urs Graf (Dokumentarfilm).

Zu einer Vorführung meines Films in Biel hatte sich abends um acht Uhr ein besonders grosses Publikum eingefunden. Hundert Minuten Film und ein sehr intensives Publikums-Gespräch, fast bis Mitternacht. Doch auch Stimmen, die sich unzufrieden zeigten, weil ich auch von den Formen filmischer Gestaltung sprach, die mir besonders wichtig sind.

Im Nachhinein sah ich aufgelegte Werbeblätter, auf denen der Filmabend als Eröffnung einer Veranstaltungs-Reihe zum Thema Sterben und Tod angekündigt war. Verständlich, dass es Zuschauer störte, wenn ich vom Thema der Veranstaltung abgewichen war.

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«Amy, The Girl Behind the Name» von Asif Kapadia (Dokumentarfilm).

Nur allzu gut erinnere ich mich an den Abend, an dem ich ein Gespräch leitete (Art-Kino-Publikum). Die Gesprächs-Teilnehmer sprachen sehr beeindruckt von der Sängerin Amy Winehouse, ihrem Gesang, ihren Texten, ihrem Leben.

Nach etwa vierzig Minuten sagte ich, es wäre interessant, wenn wir auch noch auf den Film eingehen würden. Das verstanden sie gar nicht, hatten sie doch die ganze Zeit über den Film gesprochen.

Wir befassten uns dann doch noch mit den einfachsten Formen der Gestaltung, doch zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Aufbau, der Montage des Films kam es nicht (und das bei einem Film, der, ausser ein paar banalen Einschiebseln, nur aus bestehenden Aufnahmen montiert worden war). Für die Zuschauer war der Film nur das Medium, das den Blick auf eine Person ermöglichte.

Lag es am Film, lag es am Publikum, lag es an Beidem? War es ein Film, der das Publikum zufriedenstellt, ohne dass es ihn wahrzunehmen braucht? Oder ein Publikum, das sich längst unbekümmert um den Film, einem Inhalt zuwendet? (Und seltsamerweise doch den Regisseur zu schätzen scheint.)

Das Positivste, was die Gesprächsteilnehmer vielleicht über den Film hätten sagen können, war wohl, dass er sie nicht gestört habe.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade die Montage eines Films abgeschlossen, mich während einem Jahr intensivst mit Fragen filmischer Darstellung befasst. Für mich als Dokumentarfilm-Autor war eine Begegnung mit einem solchen Publikum schon etwas frustrierend, eine solche Missachtung gestalterischen Arbeitens schwer hinzunehmen. Und da sagte ich auch.

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«I, Daniel Blake» von Ken Loach (Spielfilm).

Vor kurzem leitete ich das Gespräch über einen Film, der von den Teilnehmern aus dem Art-Kino-Programm ausgewählt worden war, weil er von einem Altmeister stammt, den sie sehr schätzen. Ich habe meine Kritiken sehr zurückhaltend in die Diskussion eingebracht. Beim Anschauen des Films bekam ich den Eindruck, der Regisseur habe – nach gründlichen Recherchen – ein Drehbuch geschrieben, in dem mit jeder Szene ein gewichtiger Aspekt der Thematik abgehakt werden konnte.

Da die Handlung durchgehend aus der Perspektive der Opfer des Systems dargestellt ist, waren die Gesprächsteilnehmer sehr bewegt, zu Tränen gerührt und eingenommen von der Parteinahme, der politischen Haltung von Ken Loach. Wieso sollten sie einem solchen Film gegenüber Vorbehalte haben?

Auch wenn ich nichts gegen dessen sozialen Kritiken einzuwenden habe, ändert das nichts daran, dass der Film am fehlenden Widerstand gescheitert ist: der Film als Medium benutzt, um – Punkt für Punkt – eine wichtige Botschaft zu vermitteln. (Was ich abschliessend dann doch noch aussprach. Doch damit hatte ich die nette Harmonie ihrer abendlichen Plauderei gestört. Dabei hatte ich den süsslichen Kitsch einiger Szenen gar nicht angesprochen.)

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Kitsch ist Kunst, gescheitert am fehlenden Widerstand.

(Sigismund von Radecki)

'Fehlender Widerstand' scheint mir ein nützlicher Begriff zu sein, um sich mit der Qualität (oder der fehlenden Qualität) eines Werks zu befassen. Allerdings muss aus diesem Fehlen nicht zwingend 'Kitsch' entstehen, man könnte es auch 'Kunstgewerbe' nennen (wenn Kunstgewerbe nicht auch ein ehrliches Handwerk wäre).

Es geht wohl einfach um ein Werk, das einen Kunstanspruch stellt (zu stellen scheint) und – wegen des fehlenden Widerstands – damit scheitert.

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Wenn ein Filmer keine Kunst-Ansprüche an seine Arbeit stellt, macht es natürlich auch keinen Sinn, sie an solchen Massstäben zu messen. Er wird einfach einen Film machen, von dem er denkt, der Produzent wünsche ihn sich so, ein Fernseh-Redaktor, die Kinobranche oder das Publikum (sein Publikum?).

Und:

Es gibt auch die weit verbreitete Gattung der Alsobkunst – Filme, die ganz auf den Betrieb des Marktes ausgerichtet sind, sich aber Elementen aus dem Kunstbereich aufsetzen, damit sie auch etwas von dieser Aura abbekommen und auch Kritiker aus dieser Ecke des Kulturbetriebs ansprechen, ohne aber dabei jemanden zu irritieren.

Film als Medium.

Man kann unterscheiden zwischen dem Film als Medium (der etwas mitzuteilen sucht) und dem Film, der sich als Kunst versteht, der etwas gestalten will, um es (wenn möglich) in den öffentlichen Raum zu stellen, damit es von einem interessierten Publikum betrachtet/angehört werden kann.

Das leichthin gesetzte Wort 'Etwas' will ich nicht so stehen lassen, denn damit verbindet sich die Vorstellung von einem Etwas, das schon da war, bevor es in eine filmische Form gefasst wurde. Und darum kann es ja gerade nicht gehen.

Es geht um ein 'Etwas', das unfassbar ist, bevor es Film geworden ist – um ein 'Etwas' das noch gar nicht gedacht werden konnte, solange es nicht zu dieser filmischen Darstellung fand.

Das klingt hochgestochen, versucht aber nur auszudrücken, dass es nicht um eine Verfilmung von einem Etwas, von einem Thema gehen kann, sondern darum, in der filmischen Arbeit etwas zu entwickeln, das sich auch der Filmautor davor nicht hätte vorstellen können und schon gar nicht benennen.

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(Wie gesagt:) Wenn Fernsehredaktoren oder PR-Leute vom 'Film als Medium' reden, stellen sie sich ein Transportmittel vor, mit dem eine vorgefertigte Botschaft oder Information dem Konsumenten mit möglichst kleinem Reibungsverlust vermittelt werden soll.

Und sie halten es für selbstverständlich, dass das Publikum irgendwo 'abgeholt' werden muss. Ein solches Denken macht nur Sinn für Leute, die sicher sind, dass dieses Irgendwo unter dem eigenen Niveau liegt. Eine unerschütterliche Arroganz ist Voraussetzung für eine solche Haltung.

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Wenn Filmbilder eine Botschaft vermitteln sollen, ist das nicht wesentlich anders als bei Verbotstafeln – ein Blick genügt und man hat verstanden. Die Wirkung ist allerdings nicht allzu nachhaltig.

Film-Kunst (1).

Werden sich die Zuschauer nach und nach selbst die Filme wünschen, die man für sie zu machen sucht? Oder ist es schon so weit? Jedenfalls kann das Publikum schon äusserst irritiert reagieren, wenn ihm mal etwas zugemutet wird, das nicht dem Art-Kino-Mainstream entspricht.

Mit Wehmut denke ich an die frühen Zeiten des Fernsehens zurück, an die Filme, die 'Das Kleine Fernsehspiel' des ZDF voll produzierte (Rainer Werner Fassbinder, Jim Jarmusch, Jutta Brückner, Peter Lilienthal, Wim Wenders. Und auch «Alzire» von Thomas Koerfer, den wir 1978 im Filmkollektiv Zürich produziert haben.)

Um eine Ahnung zu geben, wovon hier konkret die Rede ist, ein paar Filme, die ich besonders schätze:

Zwei Szenen von Dokumentarfilmen ausführlich besprochen unter «Film und Medien», «Unvergessliche Szenen»: «Zur Besserung der Person» und «Der Stand der Bauern».

Spielfilme: Ein Film hat sich mir besonders eingeprägt, weil er sich den   Kino-Erwartungen (meinen Kino-Erwartungen um 1968) so radikal widersetzte: «Le Bonheur» von Varda. Die Filme von Ozu, Hawks, Melville, Bresson, Kluge, Akerman, Jarmusch. Vor allem die Filme von Marguerite Duras (nicht die Literatur-Verfilmungen, sondern ihre eigenen Filme). «Caro Diario» von Moretti, «La vita è bella von Benigni.

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Lang ist's her, dass Karl Marx schrieb: «Der Kunstgegenstand - ebenso wie jedes andere Produkt - schafft ein kunstsinniges und schönheitsgenussfähiges Publikum. Die Produktion produziert daher nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand.»

Film als Kunst (2).

Es gibt kaum Filmautoren, die ihr Schaffen als Kunst bezeichnen. Und auch wenn ich selbst solche Hemmungen habe, scheint es mir wichtig, an sich und an sein Tun diesen Anspruch zu stellen. Es geht nicht darum, ob das Kunst-Werk gelingt, sondern dass das Schaffen durch eine solchen Anspruch bestimmt ist.

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Unter 'Film als Kunst' stelle ich mir ein Werk vor, das im öffentlichen Raum hingestellt werden könnte, wie eine Skulptur, gehängt wie ein Bild, gespielt wie ein Musikstück – niemandem aufgedrängt, sondern hingestellt, damit Mitbürger hingehen können, um hinzuschauen, hinzuhören, etwas dabei zu empfinden und zu denken.

Eingangs habe ich betonte, dass es nicht um Medien und ihren Inhalt geht. Es geht um das Erlebnis des Films, in seiner ganzen Vielfalt, das heisst auch seiner Formen, seiner Entfaltung in der Zeit – auch dieser Art des Genusses.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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