seitenrichtig / seitenverkehrt

seitenrichtig / seitenverkehrt

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seitenrichtig / seitenverkehrt ?

In dieser Sammlung befasst sich ein Text damit, dass es auf der Welt kein Links und Rechts, kein Hinten und Vorn gibt, dass nur im Zusammenhang mit einem Standpunkt davon die Rede sein kann (Kapitel «Filmkurse – Theorie und Praxis», Text «ETH, Filmschnitt», Abschnitte «Kulturelle Konvention», «Orientierung im Raum».

Hier nun geht es darum, wie das Links und Rechts auch auf Abbildungen fragwürdig sein kann.

seitenrichtig / seitenverkehrt (1)

In meiner Zeit bei Turnus-Film wurde Gody Suter Direktor. Er hatte eben ein Buch geschrieben «Die grossen Städte – was sie zerstören und was sie retten kann». So hat mich Gody (der damals noch Herr Suter war) beigezogen, um einen Film zu diesem Thema zu realisieren, ohne Filmaufnahmen, nur mit seinen Texten und den Fotos aus Europas Städten, die er zusammengetragen hatte – unterschiedlichstes Bildmaterial aus unterschiedlichsten Quellen, oft auch unbekannter Herkunft.

Die Fotos, die mir auf Papier vorlagen, habe ich aufgenommen, ohne mir Gedanken zu machen, ob sie einen Ort seitenrichtig wiedergeben. Erst im Laufe der Arbeit, begann ich zu überprüfen, ob diese Kopien auch wirklich der Realität entsprechen. Mit meinem Hintergrund als Grafiker hätte ich eigentlich wissen können, dass es immer gestalterische Gründe geben kann, um eine Fotografie seitenverkehrt zu kopieren und einzusetzen – beispielsweise wenn darauf Personen, Häuser, Fahrzeuge auf eine Leere ausserhalb eines Blattes ausgerichtet sind.

Die Farbfotografien lagen mir grösstenteils als Diapositive (transparente Farb-Umkehr-Aufnahmen) vor. Bei einigen kannte Gody die abgebildeten Gebäude, sodass klar war, von welcher Seite die Dias zu betrachten waren. Auf vielen Dias gab es Details, die das klärten: Schriften an Fassaden oder Lieferwagen, Verkehrsschilder, eine Uhr an einem Kirchturm (die Zahlen oder die Stellung der grossen und der kleinen Zeiger zueinander), rechts fahrende Autos, links sitzende Fahrer (oder deutet im Bild etwas auf England hin?). Selten waren Menschen im Vordergrund, an deren Kleidung ich mich hätte orientieren können (im Prinzip: von links überlappend, männlich – von rechts überlappend, weiblich) und ihre Armbanduhren, Eheringe, Brusttaschen.

Manchmal gab es ein solch eindeutiges Merkmal auf dem Dia einer offensichtlich zusammengehörenden Serie, sodass ich diesem gleich einige Dias zuordnen konnte (wenn deren fotografische Schicht übereinstimmte),

Ein Diapositiv besteht aus einem Trägermaterial und einer fotografischen Schicht. Die fotografische Schicht ist leicht zu erkennen, denn die Formen der Abbildung sind in den Abstufungen der drei Farbschichten leicht zu erkennen, wenn man leicht seitlich darauf schaut. Im Fotoapparat ist die Schichtseite natürlich auf der Seite des Objektivs, aus dem das Licht auf das Dia fällt. So ist die Abbildung auf der Schichtseite seitenverkehrt, von der Glanzseite her betrachtet (durch das Trägermaterial hindurch) seitenrichtig.

Doch dieses Wissen war nutzlos, da ich nicht wissen konnte, ob ich ein Original vor mir hatte oder eine Kopie davon.

So blieben für diesen Film etwa hundert Dias, über deren Aufnahmen in den Film noch zu entscheiden war.

Bei Turnus-Film war in diesen Jahren eine Cutterin, die davor im arabischen Raum gearbeitet hatte. Sie erzählte von ihrem Unbehagen gegenüber den Filmbildern, die sie dort montierte. Einmal habe sie einen 35mm-Film in den Händen gehalten, ein Bild hatte sie besonders angesprochen – sie sah es sich mit der Lupe an – es befremdete sie nicht, schien ihr ganz selbstverständlich – sie bemerkte, dass sie den Filmstreifen verkehrt in den Händen hielt, das Bild seitenverkehrt.

Sie begann zu begreifen, dass sie es mit Bildern aus einer anderen Kultur zu tun hatte – Bilder, die anders gestaltet sind – die das, was sie zeigen, auf unmerkliche Weise anders in den Raum des Bildes stellen.

Bilder aus einer Kultur (der arabischen), die geprägt ist von einer Schrift, die am rechten Rand beginnt, die Zeilen rechts bündig, nach links offen, unregelmässig auslaufend.

Andrerseits unsere Handschrift (in europäischer Tradition). Und gedruckte Texte, die oft entsprechend unserer Handschrift gesetzt sind – 'linksbündig, rechts auslaufend, Flattersatz' (wie man das in der Typographie nennt).

In der Vielfalt der Bilder, die sie zu dieser Zeit montiert hatte, war eine solch allgemeine Tendenz der Bildgestaltung kaum nachzuweisen. Also machte sie mit einem Kameramann entsprechende kleine Experimente im Studio – verschiedene grössere und kleinere Objekte vor der Kamera. Ihre Bilder davon, seine Bilder davon. Sie bemühten sich beim Cadrieren, sich nicht von Theorien, sondern von ihren Gefühlen leiten zu lassen. Und sie stellten fest, dass es zwar kleine, doch sich wiederholende Unterschiede zwischen ihren Bildern gab:

Wenn sie den Ausschnitt bestimmte, war das Sujet eher rechts im Bild, manchmal klar auf den offenen Raum links im Bild ausgerichtet. (Wurde die unmerkliche Leere, die Offenheit auf der linken Seite des Bildes von der Idee einer linksbündigen Schrift gehalten?)

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Wenn der einheimische Kameramann den Ausschnitt bestimmte, war das Sujet eher links im Bild, manchmal klar auf den offenen Raum rechts im Bild ausgerichtet. (Wurde die unmerkliche Leere, die Offenheit auf der rechten Seite des Bildes von der Idee einer rechtsbündigen Schrift gehalten?)

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So weit jedenfalls die Theorie, die sie sich da zurechtgelegt hatten.

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Ihre vielleicht doch nicht so seltsame Vorstellung:

Wenn sie etwas flüchtig auf ein Papier skizzieren wollte – bevor sie auf dem Blatt (Querformat) zu zeichnen begann, war am linken Rand des Blattes schon die Idee einer Schrift da – unsichtbar und doch präsent – eine links bündige und rechts offene Schrift, die ihrer Zeichnung geheimen Halt geben würde.

Ich musste also bei meinen Entscheiden über seitenrichtig oder seitenverkehrt nicht befürchten, dass das nur persönliche Vorlieben sind, sondern konnte mich darauf verlassen, dass ich von der europäischen Kultur ähnlich geprägt bin, wie die Fotografen, die diese Bilder geschaffen hatten.

Im Allgemeinen betrachte ich Konventionen – gesellschaftliche, künstlerische, filmische Konventionen als etwas recht Fragwürdiges. So habe ich sicherheitshalber die Dias auch noch meinen Kollegen Hans Stürm und Beat Kuert vorgelegt. Und unsere Vorlieben, unsere Gefühle für bestimmte Betrachtungsweisen stimmten zu 90% überein.

seitenrichtig / seitenverkehrt (2)

Das Selbstbild, das die behinderten Protagonisten meines Films «Gute Tage» von sich hatten, muss wohl weitgehend aus der Konfrontation mit den Spiegeln in ihren Wohnungen entstanden sein – Spiegelbilder, so selbstverständlich, wie die Schlagschatten an den Wänden – die Bewegungen im Spiegel Eins mit ihnen, direkt verbunden mit ihrem Tun.

Das Leben mit den Spiegelbildern so selbstverständlich, dass kaum bewusst wird, dass diese seitenverkehrt sind.

Wie wir alle, kennen die Protagonisten Fotos von sich. Und ohne sich dessen bewusst zu sein, haben sie wohl auch – nach einem kleinen Moment des Unbehagens – das Porträt in ihrem Pass als ihr Abbild akzeptiert.

Auch wenn ich mit einem der Protagonisten eine der Videoaufnahmen als Standbild anschaute (ein unbewegtes Bild, zur Wahl eines Porträts für ihre Website), haben sie nicht bemerkt, dass dies nicht das Bild ist, das sie von ihrem Spiegel kennen. Aufmerksam haben wir das Porträt betrachtet, uns mit den Vor- und Nachteilen von Beleuchtung, Haltung, Mimik befasst. Erst wenn ich die Aufnahme weiter abspielte, der Film von der Gross- zu einer Nahaufnahme wechselte, der Körper ins Bild kam, die Arme und Hände zu sehen waren, begann sie das Bild zu irritieren. Es fiel ihnen schwerer, dieses Wesen mit ihrer Person zusammenzubringen. Sie sprachen davon, wie sehr es sie stört, wenn diese Person ungeschickt nach etwas greift, wie schief sie sich hält, wie die Hand zittert, wie unbeholfen sie sich durch den Raum bewegt. Einzelheiten wurden hier für sie sichtbar, die sie akzeptiert zu haben glaubten. So wurden sie von den Anderen betrachtet – Blicke von Aussen, die ihnen die Spiegelbilder und die Fotos nicht zugemutet hatten, Blicke auf ein Wesen in seiner Gebrechlichkeit. Nun auch für sie: Blicke auf ein fremdes Wesen, distanziert betrachtet, wie man halt jemandem zuschaut, mit dessen Tun man nicht verbunden ist.

Diese Fremdheit dürfte zusätzlich verstärkt worden sein, weil man seinem Spiegelbild üblicherweise recht nahe gegenübersteht und nun mit einer Filmaufnahme konfrontiert ist, die denselben engen Bildausschnitt zeigt, jetzt jedoch – mit der relativ langen Brennweite des Objektivs – aus zwei bis drei Metern Distanz aufgenommen ist. Ein fremder Blick, der Blick eines Fremden.

Nicht nur Konfrontation mit dem ungewohnten seitenrichtigen Bild, sondern auch ein beharrlicher Blick aus einer Distanz, die man nicht aus eigener Erfahrung kennen kann – doppelte Fremdheit.

seitenrichtig / seitenverkehrt (3)

Man spricht von dem, was links und rechts auf einem Gemälde zu sehen ist. Wenn jedoch eine Person auf dem Gemälde abgebildet ist, spricht man von ihr, von ihrem linken Arm, von ihrem linken Auge, von  ihrem linken Ohr – vom linken Ohr, das rechts auf dem Bild zu sehen ist.

Bei Selbstporträts ist dieser Regel nicht zu trauen. Vielleicht wissen Kunsthistoriker mehr darüber, doch wir Laien können uns nicht sicher sein, ob Rembrandt van Rijn, Vincent van Gogh, Käthe Kollwitz, Frida Kahlo eine Realität wiedergegeben haben oder ob sie das malten, was sie im Spiegel sahen – also ihr linkes Ohr auf der linken Seite des Gemäldes (also dort wo die abgebildete Person eigentlich das rechte Ohr hätte).

Würden uns Fotos dieser Maler und Malerinnen zur Verfügung stehen, könnten wir uns Gewissheit verschaffen, falls etwas Auffallendes auf einer Seite ihres Gesichts zu sehen ist. (Doch nur, wenn wir sicher sein könnten, dass die Fotografie von damals auch seitenrichtig kopiert wurde. Und ab dem Original-Negativ.)

Der Arzt T. Peyron hat über Vincent van Gogh geschrieben: «Dieser Kranke kommt aus dem Spital in Arles, in das er infolge eines Anfalls von Wahnsinn nebst Gesichts- und Gehörhalluzinationen, die ihn erschreckten, eintrat. Während des Anfalls schnitt er sich das linke Ohr ab, hat jedoch von all diesen Tatsachen nur eine sehr unklare Erinnerung behalten und kann sich nicht Rechenschaft darüber geben.»

Das Selbstporträt, das van Gogh danach malte, zeigt ihn mit einem Verband auf der linken Seite des Gemäldes, also auf der rechten Seite seines Gesichts, was darauf hin deutet, dass sich van Gogh vor einem Spiegel porträtierte.

Fotos von van Gogh aus dieser Zeit scheinen nicht zu existieren.

In vielen Berichten ist nur erwähnt, dass er sich ein Ohr abgeschnitten habe.

In Texten zur Kunstgeschichte ist umstritten, ob es das eine oder das andere Ohr war. So bleibt offen, ob van Gogh seine Realität malte oder das, was er im Spiegel sah.

seitenrichtig / seitenverkehrt (4)

Aufnahmen für den Film «Gute Tage». Schang Hutter zeichnet (lithografiert) auf einen Lithografie-Stein. Später wird man sehen, wie eine dieser Lithografien ab dem Stein auf Papier gedruckt wird.

Ich fragte Schang, ob er denn beim Zeichnen eine Vorstellung davon habe, wie der Druck aussehen werde. Er sagte, darum kümmere er sich nicht, was ihn auf dem Stein überzeuge, werde auch als Druck gut werden. Ich wandte ein, es möge ja sein, dass seine Zeichnung auf dem Stein und der Druck auf Papier 'gut' seien, doch eine Zeichnung, die von einer Bewegung von unten links nach oben rechts dominiert werde, wirke auf mich anders, als wenn diese Bewegung von unten rechts nach oben links führe – das Bild bekomme für mich eine andere Bedeutung.

Da ich mich nicht weiter in Schangs Arbeitsweise einmischen wollte, habe ich weitere Einwände für mich behalten, doch für mich hat es auch eine andere Bedeutung, wenn die Figur nach links geht (Lithostein) oder nach rechts (Druck auf dem Papier). Und diese Bewegungen sehe ich auch verbunden mit den Einzelheiten der Zeichnung: dem gesenkten Kopf, den hängenden Hände, dem nachgezogene (und zeichnerisch kaum angedeuteten) Bein. Vielleicht bringt ein Betrachter diese Figur sogar in Verbindung mit Vorstellungen vom Ort, von dem sie kommt, vom Ort zu dem sie unterwegs ist – zu den Orten links und rechts des eingeprägten Randes des Lithosteins ins Papier.

Der Drucker hatte uns zugehört. Dann erzählte er von einer grossen Lithographie, die er einmal ab einem Stein gedruckt hatte. Der Künstler stand dabei, um die optimale Farbführung zu beurteilen. Er hatte den Auftrag für eine Lithografie eines herrschaftlichen Hauses ausgeführt. Als der Drucker die erste Lithografie vom Lithostein hob, erschrak der Künstler. Der Druck auf dem Papier war gut geraten, nur war die Darstellung seitenverkehrt.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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