Atelier E+U Hiestand (1961-1967)

Atelier E+U Hiestand (1961-1967)

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Atelier E+U Hiestand (1961-1967)

In diesem ersten Abschnitt nur etwas Hintergrund zu den Texten, die ich 1995 zum Geburtstagsfest von Ernst Hiestand geschrieben habe.

Atelier E+U Hiestand (1961-1967)

Nach meiner (extrem schlechten) Lehre als Grafiker-Lithograf bei Ringier in Zofingen wurde ich 1961 zum ersten Angestellten im Atelier von Ernst + Ursula Hiestand. Inserate, Prospekte, Gestaltung von Verpackungen (Globus, SIA, OWG, Fiat, Hug) – darunter das ganze Erscheinungsbild des Warenhauses ABM, dessen damaligen Verpackungen und Etiketten, die ich auch heute noch als vorbildlich betrachte, in einer besonderen Weise auf die Kunden ausgerichtet. Und die ABM-Inserate, deren Gestaltung mir weitgehend übertragen war – die Zusammenarbeit mit Eugen Gomringer, die typografische Gestaltung seiner Texte.

1967 kündigte ich. Ausser den Gründen, die direkt mit meinem Beruf zusammenhingen, gab es aber auch noch allgemeinere Einflüsse – all das, was sich in dieser Zeit auf der Welt und in Zürich abspielte – was diskutiert wurde, was an an Vorlesungen und politischen Veranstaltungen zu hören und in Büchern zu lesen war. Doch so eng politisch war diese Zeit nicht: Kunst, Ausstellungen, Kinos mit Sonderprogrammen, Filmclubs – Filme über Vietnam, über Arbeitskämpfe, vor allem aber auch die faszinierenden New-Yorker Underground-Filme. Musik, zu dieser Zeit von Monk bis John Coltrane und Miles Davis (und die Blues-Sänger). Der bereichernde Kontakt mit der Malerin Verena Loewensberg, die ich in ihrem Plattenladen kennengelernt hatte. Sie war es, die mich darauf aufmerksam machte, dass ich nach einer Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks suchen müsste, in dem meine verschiedenen Interessen zusammenkommen (zu dieser Zeit habe ich in meiner Freizeit vorallem fotografiert, gemalt und Serigrafien meiner Bilder gedruckt).

Zwei kleine S-8mm-Filme entstanden. Ein Drehbuch-Wettbewerb, aus dem sich ein Stage bei Turnus-Film ergab.

Als Ernst Hiestand 1995 seinen 60. Geburtstag feierte, lud er auch die ehemaligen Mitarbeiter zu seinem Fest ein. Schriftlich hatte er einige Fragen gestellt. An den Wänden des Saals waren nun die Texte der Ehemaligen ausgestellt.

«Weggang warum?»

- Interesse an Film.

- Möglichkeit zu einem Volontariat bei Turnus Film AG.

- Und: Eben hatten die Werbeassistenten den Panel entdeckt (ein gedruckter Pseudo-Aufkleber, der in Selbstbedienungsläden die Aufmerksamkeit auf die Verpackung eines Produkts ziehen soll). In diesem Zusammenhang Untersuchungen vor Selbstbedienungs-Gestellen – wie wandern die Augen von Probanden darüber, an welchen formalen Elementen bleiben sie für einen Moment hängen, welche Farben, welche Formen schaffen Aufmerksamkeit innerhalb einer Produktegruppe?

Die Ansprüche an die Gestaltung begannen sich zu verändern. An die Stelle des direkten Bezugs zu Firmen traten nun Werbeagenturen mit Konzepten von Werbepsychologen, denen der Gedanke fremd war, Gestaltung könnte etwas mit Verantwortung gegenüber den Konsumenten zu tun haben, könnte ein Beitrag zu den Bedingungen des Zusammenlebens sein. Gestaltung wurde von solchen Auftraggebern als ein kleines Rädchen beim Umbiegen von Frust in Konsum betrachtet (ein emotionaler Mangel war vorausgesetzt). Vielleicht hat sich dies inzwischen verändert – oder wurde differenzierter, raffinierter?) - doch damals waren die Werbekonzepte, mit denen wir es zu tun bekamen, in ihrer zynisch menschenverachtenden Offenheit erschreckend.

Zur Frage:

«Was war wichtig im Atelier Hiestand?»

Etwas, das ich im Atelier E+U Hiestand gelernt habe, kam mir bei meiner Arbeit immer wieder zugute.

Wenn ich (nach vielen Studien, Skizzen, Varianten) einen Entwurf vorlegte, konnte es vorkommen, dass dieser E+U gefiel, sie aber trotzdem sagten, ich solle weitere Entwürfe machen – noch ganz anderes probieren.

Rückblickend scheint mir diese Haltung das wichtigste, was ich im Atelier Hiestand gelernt habe: Ein Entwurf kann unumschränkt gut sein, nichts daran zu sehen, was noch verbessert werden könnte – und man setzt sich hin und beginnt unabhängig davon nochmals von vorn, sodass man die Wahl zwischen verschiedenartigen Annäherungen hat, zwischen verschiedenen Haltungen gegenüber der Thematik, der Problemstellung.

Ein Resultat erscheint einem oft als das einzigmögliche, weil es sich aus einem bestimmten Weg zwingend ergab; dabei vergisst man, dass es immer noch viele andere Wege gibt, die zu Zielen führen, die genauso zwingend erscheinen, wenn man ihren Weg gegangen ist.

Unter «Sonstige Bemerkungen»:

«Design?»

Am Anfang meiner Zeit bei E+U Hiestand ging es um Werbung, um Verpackungen; doch nach und nach ergab sich aus der Zusammenarbeit mit den Herstellern von Kunststoff-Behältern verschiedenster Art auch die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen,

Kassen, Waagen, eine Bowling-Bahn – sog. Industrial-Design. Darunter auch die Suche nach Alternativen zu gängigen Verpackungen, beispielsweise zu Schuhschachteln (wie man sieht, blieb es beim Alten).

Ich mache nun seit 28 Jahren sog. Autorenfilme. Nach meinem Verständnis des Wortes ist dies nicht «Design», jedoch «Gestaltung».
Ich gebe nicht einem ETWAS eine Form, sondern meine Filme entstehen aus dem gestalterischen Schaffen heraus, sie finden in diesem Prozess zu ihrer Form, zu ihrem Thema, zu ihrem Inhalt, zu ihrer Gestalt – sie werden zu ETWAS, das mir vor der Arbeit in keiner Weise fassbar war.

Als Tätigkeit interessiert mich also Design heute nicht mehr, doch ich bin sehr aufmerksam gegenüber den Formen der Gestaltung, mit denen ich ständig konfrontiert bin – von der Typographie der Tageszeitungen zur Etikette, zum Haus, zum Platz, zum Quartier. Und wenn ich etwas kaufe, ist dessen Gestaltung ein wichtiger Grund der Entscheidung.

Ich vermute: Mir gefällt, was auf keinen Designer verweist. Die Gestaltung ist für mich abgeschlossen, wenn das Werk für sich selbst stehen kann – wenn es in sich so stimmig wirkt, dass es auf niemanden mehr verweist, der gestalterische Entscheide darüber zu treffen hatte.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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