Rede, Kunstpreis Kanton Solothurn, 1989.

Rede, Kunstpreis Kanton Solothurn, 1989.

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Rede, Kunstpreis Kanton Solothurn, 1989.

Rede zur Auszeichnung durch den Grossen Kunstpreis des Kantons Solothurn, 1989:

Zu Beginn allg. Dank im Namen aller ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstler und Dank an die Mitglieder des kantonalen Kuratoriums.

Zu meiner Auszeichnung dann der Abschnitt:

«… So erhielt ich kurz vor der Veröffentlichung meiner Auszeichnung einen Brief des Präsidenten der Ausschusses 'Foto und Film', der sich Sorgen machte, wie ich wohl zurechtkommen würde 'mit dieser sehr heftigen Umarmung von der Institution her'.

Ich weiss aber auch zu schätzen, dass der Regierungsrat die Anträge der von ihm eingesetzten Expertenkommission respektiert hat. Wie Sie vielleicht wissen, kennt man diesen schönen Brauch nicht überall in der Schweiz. (Die Bemerkung bezog sich auf den Zürcher Regierungsrat Gilgen, der vorgeschlagene Auszeichnungen von Filmschaffenden und ihren Filmen unterbunden hat.)

Dann die eigentliche Rede:

Man weiss ja nie so recht, wofür man eigentlich ausgezeichnet wurde. Besonders freuen würde mich, wenn die Experte der Meinung wären, meine Filme könnten – über ihr jeweiliges Thema hinaus – Augen und Ohren öffnen für das Leben hierzulande und auch für andere Filme.

Allgemeiner gesagt, könnte das bedeuten, dass man im Kuratorium annimmt, Kunst könnte auch die Sinne schärfen und dass es auch den Regierungsrat nicht allzusehr stört, wenn dadurch die Bürger auch sogenannt Selbstverständliches als fragwürdig zu betrachten beginnen könnten. Und als veränderbar.

Ich bin mir natürlich nicht so sicher darüber, was Kunst bewirken kann. Und es ist schwer zu sagen, wo in einem Leben wichtige Weichen gestellt wurden. Bei mir weiss ich nur, dass Bücher dabei eine wichtige Rolle gespielt haben müssen.

Im Alter von 16 bis 21 holte ich mir Woche für Woche die drei Bücher, die man in der Stadtbibliothek Olten gleichzeitig ausleihen durfte. Sie waren so etwas wie geheime Verbündete. Es war ermutigend in den Büchern zu entdecken, dass noch anderes denkbar ist, als das, was halt ist, in dieser Stadt, in diesem Land.

Da gabs zum Beispiel eine alte Broschüre eines Professors, von dem – zu seiner Zeit, so um 1907 – Vorträge verboten worden waren. Spannend für einen 17-Jährigen. Da las ich also – man kann sagen 'dank kommunaler Kulturförderung' – in einem Buch unserer Stadtbibliothek:

«Heutzutage von der Moral des Kapitals und von seiner Heuchelei zu reden, heisst Wasser in den See tragen. Unser System der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft mit Hilfe des goldenen Kalbes, welches unsere ganze moderne Gesellschaft hypnotisiert, ist tief unmoralisch. Es zieht alles und jeden mit sich in den ekelhaften verpesteten Sumpf, in dem es sich wälzt. Selbst die Besten bleiben nicht unberührt. Nur ein weiser und gesunder Sozialismus vermag uns von dem fluchwürdigen Joche Mammons zu befreien …»

Der Autor dieses Textes wurde – nach seinem Tod – von unserem Staat recht heftig umarmt: Sein Porträt ziert unsere 1000er-Noten. (Sie waren 1978 herausgebracht worden. Ich hatte einen etwas besonderen Bezug dazu, weil sie von E+U Hiestand gestaltet wurden, in deren Atelier ich sieben Jahre gearbeitet hatte.)

Die kleine Broschüre heisst übrigens «Die Rolle der Heuchelei, der Beschränktheit und Unwissenheit in der landläufigen Moral». Ich verzichte auf weitere Zitate daraus. Sie können sich die Texte sicher selbst vorstellen, wenn ich Ihnen die Titel einiger weiterer Kapitel nenne: 'Die Familie, 'Die Ehe', 'Die Schule', 'Der Patriotismus', 'Die Religion', 'Das Recht', 'Die Medizin', 'Die Wissenschaft', 'Die Kunst'.

Ich bin froh, dass mir in meiner Jugend – unter anderem – auch solche Texte in die Hände gerieten – Texte, die alles in Frage zu stellen wagten.

Als dann 20 Jahre später das Bild des Professors auf den Banknoten erschien, suchte ich nach der Broschüre und fand sie in einem Antiquariat. Doch als ich sie wieder las, ärgerte ich über das Pathos dieses selbstgerechten Moralisten, der so überzeugt war, im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein.

Ich hatte inzwischen begonnen, mich mehr und mehr für die Haltungen zu interessieren, die hinter Texten, hinter Kunstwerken verborgen sind, die in ihren Formen zum Ausdruck kommen.

Wenn es im Wesen der Kunst liegt, dass ihr alles fragwürdig ist, dass nichts als gesichert gilt, dann müsste das auch für die Film-Kunst gelten.

Für einen Filmschaffenden könnte das heissen, dass ihm auch seine Bilder und Töne fragwürdig sind – dass er sie nicht einfach benutzt, sondern auch an ihnen arbeitet um seine Grenzen etwas zu erweitern.

Ich vermute, dass mich der Zweifel an der Sprache zur Arbeit mit Bildern gebracht hat, zum Zeichnen, Malen, Fotografieren, zum Film. Die Zweifel sind natürlich geblieben; der einzige Unterschied ist, dass es bei den Bildern noch keinen Duden gibt. Doch wird der Druck durch die Normen der audiovisuellen Ware, die für den internationalen Markt produziert wird, immer stärker und man kommt sich manchmal als Querulant vor, wenn man sich dieser alles überflutenden Bild-Ton-Grammatik nicht anpasst. ()

Die Arbeit mit und an Bildern erhält ihren Sinn erst durch die Vorführung, erst durch die Zuschauer und Zuhörer. Das wäre eine Banalität, wenn es nicht immer wieder vorkäme, dass auch Leute einen Film zu kennen glauben, die ihn in einem Kino gesehen haben – unscharf, verzerrt im falschem Bildformat, in schrecklicher Tonqualität, beispielsweise.

Und zur Qualität einer Vorführung gehört auch deren Umgebung: das langfristige Programm einer Vorführstelle, das Augen und Ohren öffnen und auf Ungewöhnliches neugierig machen oder das blind und taub machen kann. Noch mehr gilt das für das Fernsehen (ich denke an den Einfluss der Umgebung), wo ein Film zu einem Teil eines – immer stärker fragmentierten – Abendprogramms wird, das geprägt ist von den Einschaltquoten, der Werbung zwischen den Sendungen.

Und es droht noch Schlimmeres: Schweizer Parlamentarier rühmen sich, sie hätten Wesentliches zur Erreichung eines europäischen Kompromisses beigetragen, der bestimmt, dass Filme am Fernsehen durch Werbung unterbrochen werden dürfen – nur nicht zu oft und nicht zu lange. Und natürlich nicht bei uns in der Schweiz, sondern nur bei den ausländischen Sendern – gegen deren Empfang man hier natürlich nichts tun kann.

Selbstverständlich war auch nicht vorauszusehen, dass die zukünftigen Privat-Fernseh-Unternehmen 'gleich lange Spiesse wie die Ausländer' fordern würden. Und natürlich würden die Zuschauer – die bei solchen Gelegenheiten immer 'mündige Bürger' genannt werden – schliesslich selbst die Sender wählen könne, die ihnen zusagen.

Und selbstverständlich sprechen sie nicht davon, dass sich die Unterbrecherwerbung nicht nur auf das jeweilige Programm auswirkt, sondern auch auf die Sender, die im Wettbewerb um den Werbekuchen 'mit kürzeren Spiessen' mitzuhalten suchen.

Auch wenn ich da von Entwicklungen spreche, die mich als Filmschaffenden direkter treffen, zweifle ich nicht daran, dass es Parallelen zu den verschiedensten Bereichen des Kunst- und Kulturschaffens gibt.

Darum bedanke ich mich bei all denen – Künstlern und Kunstförderern – die sich dafür einsetzen, dass das Geschaffene auch unter guten Bedingungen zugänglich ist. Als Filmschaffender habe ich dazu im Kanton Solothurn besonderen Grund.

Und ich bedanke mich bei all den Künstlern, die sich nicht zufriedengeben mit ihrer Sprache, die (trotz oft widriger Bedingungen) an ihrem Ausdruck, an ihren Formen arbeiten und sich nicht zufriedengeben mit dem Schein, den die Oberfläche dieses Landes anbietet.

Kurz: Ich bedanke mich bei all denen, die – in ihrem Bereich – auf der Suche sind und die vielleicht von Zeit zu Zeit auch an den Begrenzungen ihres Bereichs zweifeln. Ich bin auf sie angewiesen – nicht nur für meine eigene Arbeit, sondern auch ganz einfach, um zu leben in diesem Land.

Danke.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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