Die eigenen Angelegenheiten: Greentox.

Die eigenen Angelegenheiten: Greentox.

▲ Zum Seitenanfang


Die eigenen Angelegenheiten: Greentox.

«Die eigenen Angelegenheiten»

Ein Film, zu dem ich eine Drehvorlage verfasste, den ich aber nicht realisieren (d.h. nicht finanzieren) konnte – nicht als Kinofilm und, in reduzierter Form, auch nicht als Fernsehfilm.

Ein Dokumentarfilm über die Aktivitäten von Actares, im Zentrum die Mitglieder des Vorstandes, des aktiven Kerns.

In der Schweiz haben sich vor zehn Jahren Leute zum Verein Actares zusammengeschlossen, um sich gemeinsam zur Wehr zu setzen, wenn sich internationale Konzerne im Streben nach möglichst schnellem und grossem Profit über die Sorge um die Natur und den Respekt vor Menschenrechten hinwegsetzen. Die Kerngruppe von Actares hat dank der Aktienstimmen von Mitgliedern das Recht, von den Konzernen Informationen zu verlangen, Kritiken anzubringen, Forderungen zu stellen.

Actares konzentriert sich auf die SMI-Unternehmen (Swiss Market Index ist der bedeutendste Aktienindex der Schweiz):

ABB, Actelion, Adecco, Credit Suisse, Holcim, Bank Julius Bär, Lonza, Nestlé, Novartis, Richemont, Roche, SGS, Swatch, Swiss Re, Swisscom, Syngenta, Synthes, Transocean, UBS, Zurich.»

Themen (Kapitel):

GREENtox.

Margret Schlumpf.

Diazepam.

Kosmetik.

Hormonaktive Substanzen.

Hormonaktive Substanzen in der Ökosphäre.

Hormonaktive Substanzen in der Entwicklung.

Auswirkungen von hormonaktiven Substanzen während der Embryonalphase.

Auswirkungen während der Fötalperiode.

Auf der Packung (in den meisten Fällen) deklarierte hormonaktive Bestandteile.

Auf der Packung nicht deklariert sind hormonaktive Substanzen.

Hormonaktive Substanzen in der Luft von Innenräumen.

Zusammenfassend.

Deponien.

Export / Import.

Die Schwierigkeit, gesund zu leben.

Neue Projekte von Greentox: Wirkungen von Substanz-Mischungen.

Die Drehvorlage zu meinem Filmprojekt «Unsere eigenen Angelegenheiten» enthielt umfangreiche Materialien, unter anderem Auszüge aus Gesprächen mit Margret Schlumpf von Greentox.

GREENtox (Stand 2011).

Unsere eigenen Angelegenheiten – nirgends wird dies so deutlich wie bei den Produkten, die uns alltäglich umgeben – Pharma, Kosmetik, Nahrungsmittel, Bau-, Treib-, Brennstoffe usw.

Wir wissen, dass viele Produkte Nebenwirkungen haben, die uns und unserer Umwelt schaden können – sie gelangen direkt in den menschlichen Körper – oder über die Luft oder das Wasser – oder über unseren Körper in das Wasser und mit dem Wasser in menschliche Körper – oder über unseren Körper in das Wasser und dort in die Nahrungskette und z.B. über Fische wieder in den menschlichen Körper (und dazu auch aus Zehntausenden von Deponien in das Wasser).

Staatliche Untersuchungen werden durchgeführt, die die Schädlichkeit solcher Stoffe nachweisen, damit deren Verwendung verboten wird. Doch es gibt Substanzen, die weniger Beachtung finden, obwohl sie noch tiefer greifende Auswirkungen auf die Gesundheit alles Lebendigen haben.

Kurz gesagt: Hormonaktive Substanzen finden sich in verschiedensten Produkten unserer alltäglichen Umgebung. Diese können zu Sterilität oder zu massiven Schädigungen verschiedenster Organe der Nachkommen führen.

Auch wer sich um ein möglichst gesundes Leben, um eine bestmögliche Ernährung bemüht, kann dem Kreislauf des Wassers nicht entgehen. Und wer kommt schon auf die Idee, dass es besser wäre, in einem Raum, in dem ein Fernsehapparat oder ein Computer steht, die Luft nicht einzuatmen?

*     *     *

Im Bereich dieser hormonaktiven Substanzen forschen Prof. Dr. med. Walter Lichtensteiger und PD Dr. sc. nat. ETH Margret Schlumpf von GREENtox, Group for Reproductive, Endocrine and Enviromental Toxicology.

Wenn sich NGOs bei ihren Aktionen auf wissenschaftliche Fakten berufen, dann stammen diese oft aus den vielfältigen Analysen von GREEN tox. (Mit AKWs befassen sie sich nicht; für Radioaktivität gibt es andere Spezialisten.)

Margret Schlumpf.

Vorgeschichte und frühe Arbeiten.

Studium der Pharmacie / Bellevue Apotheke Zürich / Auskunftsstelle für Apotheker / Dissertation Neurotransmitoren im Gehirn / Nationalfondprojekt in den USA / Wieder in der Schweiz Wiedereinstieg bei der Pharmakologie.

Margret Schlumpf erzählt mir von den Zielen und Resultaten der Arbeit von GREENtox. Immer wieder muss ich nachfragen, wenn sie sich bemüht, wissenschaftlich genau zu sein und für mich unverständlich wird. So lege ich hier das Resultat meiner Übersetzungen und Kürzungen vor, das Margrets wissenschaftlichen Ansprüchen nach lückenlosem Ausformulieren keineswegs gerecht wird, dafür aber für Leser ohne dieses fachliche Wissen grösstenteils verständlich sein sollte. UG

Diazepam.

Margret Schlumpf: In meinem ersten eigenen Projekt in Pharmakologie interessierten mich Auswirkungen des Psychpharmakons Diazepam – das ist Valium – während der Schwangerschaft. Ich habe diese Substanz schwangeren Ratten verabreicht. Das Resultat war katastrophal: die Immunantwort der über die Mutter exponierten Nachkommen war deutlich gestört und bis zu 50% geringer im Vergleich mit Nachkommen von unbehandelten Kontrolltieren. Es war sehr schwierig, die Erkenntnisse unserer Arbeitsgruppe (Diplom- und Doktorarbeiten) über diese Immundefekte überhaupt zu publizieren. Viele waren der Ansicht, bei unseren Untersuchungen sei sicher etwas falsch gelaufen, weil so ein Defekt beim enormen Valium–Bedarf unserer Gesellschaft nicht sein darf. Unser Nationalfonds-Gesuch mit der Bitte um Verlängerung dieser Arbeit wurde nicht mehr bewilligt. Möglicherweise war auch unser Instituts-Chef (Herkunft Basler Industrie) nicht gerade begeistert von diesen Resultaten und unterstützte das Projekt wohl kaum sehr überzeugend. So hiess es von Seiten des Schweizerischen Nationalfonds: „Die Firma Roche hat alle diese Untersuchungen bereits gemacht, da gibt es nichts mehr zu forschen.“

Ich habe dann noch länger mit Valium gearbeitet. Ein holländischer Forscher hat dann diese inzwischen erwachsenen Nachkommen näher angeschaut. Da telefonierte er mir: „Was hast Du mit diesen Tieren gemacht? Die haben gar keine normal funktionierende Immunabwehr!“ Ich sagte: „Ihre Mutter hat während der Schwangerschaft Valium bekommen, während den sechs Tagen in denen sich das Immunsystem entwickelt.“ Die Immun-Abwehr der nun erwachsenen Nachkommen der mit Valium behandelten Rattenmütter war um rund 30% schwächer als diejenige von unbehandelten Kontrolltieren. Die Tiere produzierten auch signifikant weniger Antikörperchen (Immunoglobuline Ig A und Ig E).

Meine Habilitation habe ich schliesslich auch diesem Thema gewidmet. Mit diesem Thema waren wir an vielen Meetings und Kongressen. Aber all das hat den Schweizerischen Nationalfonds nicht interessiert, man wollte es einfach nicht. Somit musste dieses Thema der vorgeburtlich induzierten Immunschwäche inmitten spannender Arbeiten abgebrochen werden.

Kosmetik.

Darauf habe ich mich für Kosmetik-Substanzen interessiert, nämlich für die synthetischen Moschus-Parfumstoffe (Moschus Xylol und Moschus Keton). Man fand damals neu heraus, dass Parfumstoffe auch in Fischen vorkommen, also bereits in der menschlichen Nahrungsmittelkette sind. Aber bereits bei den ersten Publikationen gab es einen Aufruhr bei der Industrie, als herauskam, dass Parfum-Stoffe über die Haut vom Körper aufgenommen werden. Da die Kosmetik-Branche eine der ganz grossen Industrien (bezüglich Umsatz und Einfluss) ist, hatten wir als kleine Gruppe nicht die geringste Chance; unser Nationalfonds-Projekt über «Parfumstoffe und ihre Wirkungen während der Entwicklung» wurde abgelehnt. Interessant für uns war, dass man mich sogar persönlich vom NF anrief und mich vor „angewandten Forschungsprojekten“ warnte, die seien einer Universität nicht würdig. Wir bekamen also kein Geld mehr für diese Forschungen, jedoch finanzierte mir das Bundesamt für Umwelt (das damalige BUWAL, heute BafU) immerhin eine Doktorandenstelle. Die Doktorandin konnte an Nachkommen von Rattenmüttern, die solche Parfumstoffe im Futter zu sich nahmen, zeigen, dass gewisse Enzyme, die für den Ab- und Umbau von chemischen Molekülen im Säugerkörper verantwortlich sind, eindeutig gestört sind.

Hormonaktive Substanzen.

Während eines Kongresses im Ausland hörte ich, dass auch UV-Filter (Chemikalien in Sonnenschutz-Cremen) in der Muttermilch nachgewiesen werden konnten und dachte, Forschung über UV Filter sei unverfänglich; es wäre spannend, diese aufkommenden und breit eingesetzten Substanzen nach toxikologisch neuen Gesichtspunkten, nämlich auf ihre hormonelle Aktivität hin zu testen.

In der zweiten Hälfte der 80er und den frühen 90er Jahren war die Forschung über hormonaktive Substanzen (sog. EDC`s  = endocrine disrupting chemicals) gerade aufgekommen. Das sind Substanzen, die wie Hormone wirken. Da Hormone gerade während der Entwicklung besonders wichtig sind, war die Wissenschaft gefordert sog. „hormonaktive Substanzen“ zu identifizieren. Sehr bald stufte die Wissenschaft die (unabgeklärten) „hormonellen Aktivitäten“ von Chemikalien als eine möglicherweise grosse Gefährdung ein.

Die von den Firmen erhaltenen UV Filter-Substanzen haben wir dann getestet und fanden in vitro 8 von 9 getesteten Filtern als (unterschiedlich stark) östrogen-aktiv. In in vivo-Tests (im Tiermodell) waren 6 von 9 Substanzen östrogen-aktiv.

Es waren dies: 3-Benzylidene camphor (3-BC), 4-Methylbenzylidene camphor (4-MBC), Octyl-methoxycinnamate (OMC), Benzophenone-3 (BP-3), Benzophenone-1 (Bp-1), Benzophenone-2 (Bp-2), (Schlumpf et al., 2004).

Zuerst war ich sehr skeptisch gegenüber diesen Resultaten und dachte, es sei doch gar nicht möglich, dass ich bei allen Themen in Fettnäpfchen trete. Wir hatten sehr viele Studien gemacht, die Studien mehrfach repetiert und die Firmen, die fleissig angeflogen kamen, über unsere Studien orientiert. Wie solches bei den entsprechenden Firmen ankam, kannst Du Dir ja vorstellen: man sagte wiederum, wir hätten das nicht richtig gemacht – hätten Tests gebraucht, die niemand verwendet. Aber neue Tests mussten ja gefunden und gemacht werden, damit diese neue Art von Toxizität überhaupt nachgewiesen werden konnte.

Ein vielgehörtes Argument war, dass diese Substanzen ja etwa eine Million weniger stark wirksam wären als das Hormon Östrogen. Somit seien sie irrelevant. Das stimmt schon für in vitro gewonnene Daten, doch sobald man sie systematisch dem Tier verabreicht, wirken sie in Konzentrationen, die den wirksamen Konzentrationen von Östrogen sehr viel näher kommen und der Effekt in entwicklungstoxischen Modellen ist nur noch ein Faktor 50 entfernt vom Effekt, den das Hormon Östrogen im Tiermodell bewirkt.

Hormonaktive Substanzen in der Ökoshäre.

Reibt man sich mit Sonnencrème ein und geht schwimmen, geraten die UV Filter (die die UV-Strahlen absorbieren) beim Baden direkt ins Wasser, während ein weiterer Anteil UV-Filter über die Haut in den Körper gelangt. Dieser Anteil wird vom Körper wieder ausgeschieden und gelangt so ins Wasser. Die Kläranlagen können nicht alle Substanzen zu 100% zurückhalten und so gelangen sie über den Auslauf der Kläranlagen in den Fluss. Unterhalb des Einlaufs haben daher die Fische höhere Konzentrationen an solchen Stoffen als Fische, die oberhalb des Kläranlagen-Einlaufs gefangen werden.

Auf diese Weise gelangen Chemikalien aus dem Alltag in die menschliche und auch in die tierische Nahrungskette. Die Folgen: UV-Filter können praktisch überall in der Ökosphäre nachgewiesen werden. Dies ist u.a. auch in unseren eigenen Vor-Studien über Frauenmilch-Verunreinigungen (vor allem mit hormonaktiven Substanzen) publiziert; die Hauptstudie mit allen gemessenen Chemikalien wurde soeben von der Zeitschrift CHEMOSPHERE angenommen. In dieser Studie haben wir die Mütter befragt, ob sie, und auch welche Sonnencrèmen während der Schwangerschaft sie verwendeten und wie häufig. So stellten wir fest, dass wir bei Verwendung bestimmter Sonnencrèmen (mit auf der Packung deklarierten UV-Filtern) dieselben UV-Filter auch in der Brustmilch nachweisen konnten. Jetzt war es eindeutig, dass diese Substanzen über die Haut in die Humanmilch gelangen.

Diese UV-Filter-Substanzen sind gemäss unseren Tests häufig hormonaktiv, das heisst sie haben die Fähigkeit, während hochsensitiven Perioden der Entwicklung, während Schwangerschaft und Stillen, über die Mutter zum Kind zu gelangen.

Hormonaktive Substanzen in der Entwicklung.

In diesem frühen Lebens-Abschnitt der Entwicklung wirken Hormone nicht nur als Hormone wie beim erwachsenen Menschen, sondern sie haben auch eine determinierende Rolle z.B. bei der Entwicklung des Geschlechts.

Das chromosomale Geschlecht beim Säuger wird bei der Befruchtung der Eizelle festgelegt. Keimzellen enthalten einen halben Chromosomensatz: die Eizelle hat immer ein X-Chromosom, die Spermien ein X oder ein Y Chromosom. Es entsteht eine XY oder einen XX Zygote, die sich genetisch zu einem Männchen (XY) oder zu einem Weibchen (XX Chromosom) entwickelt. In der frühen Entwicklung (10.-12. Woche beim Menschen wird dann das Geschlecht der Keimdrüse (Gonade) festgelegt. Zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung trägt beim Menschen die Gonade noch beide Möglichkeiten in sich. Die sexuelle Differenzierung der Gonade in Hoden oder Ovar (Eierstock) erfolgt dann unter dem Einfluss verschiedener Gene. Besonders wichtig ist das SRY Gen der sog. Hauptschalter der männlichen Entwicklung, das auf dem Y Chromosom kodiert oder lokalisiert ist. SRY bestimmt nun über die Aktivierung einer Reihe von nachgeschalteten Genen, dass ein Hoden entsteht, dessen Zellen dann das männliche Hormon Testosteron abscheiden. Ohne Testosteron oder mit einer zu geringen Konzentration entwickelt sich ein mehr oder weniger verweiblichter Phänotyp. Frauen haben z.B. ein etwas anders funktionierendes Blut-Kreislauf-System, eine andere Funktion des Gehirns, der Leber, der Enzymfunktionen etc.

Auswirkungen von hormonaktiven Substanzen während der Embryonalphase.

Diese können während der ersten 60 Tage zu Fehlbildungen der Organe führen z.B. der Geschlechtsorgane:

Kryptorchismus (nicht deszendierte Hoden) oder Hypospadie (offene Harnröhre); wie auch zu Fehl-Bildung von Extremitäten oder des Herz-Kreislaufsystems.

Bei Erwachsenen haben EDC-Substanzen in wirksamen Konzentrationen oder über eine lange Zeit der Exposition auch Auswirkungen.

Auswirkungen während der Fötalperiode.

Vom 60. Tag bis Geburt und später – führen eher zu Funktionsstörungen z.B. der Sexualorgane: Verschiebung der Pubertät, verminderte Fruchtbarkeit, Unfruchtbarkeit. Bei der Frau zusätzlich Zyklusstörungen.

Neben Auswirkungen auf die Sexualorgane und auf Fruchtbarkeit bestehen auch Wirkungen auf die Schilddrüsenachse, auf zentrales Nervensystem und Verhalten, das Immunsystem.

Eine Eigenheit dieser Effekte ist, dass die Auswirkungen häufig erst später im Leben auftreten. Das Neugeborene zeigt keine Defekte, diese werden erst viel später sichtbar: Zu wenig und deformierte Spermien, Verhaltensstörungen, ADHD (Attention Deficit Hyperactivity Disease), Defizite des Immunsystems, Auswirkungen auf Pubertät und Fruchtbarkeit bei Mann oder Frau. Gutartige Uterus-Tumore, Brustkrebs, Hodenkrebs.

EDC-Chemikalien sollten daher während der Entwicklung (Schwangerschaft und Stillzeit), aber auch von Erwachsenen wegen ihrer potenziellen Gefährlichkeit gemieden werden. Es gibt erste Publikationen aus Holland über Auswirkungen von frühen Schadstoffmustern in der Muttermilch auf Kinder in verschiedenen Altersstufe (Konzentrationen an PCB`s, Dioxinen und polybromierten Biphenylen sind bekannt).

Untersuchungen zeigen Korrelationen verschiedener Störungen (des Immunsystems, des Nervensystems und des Verhaltens) mit Konzentrationen dieser Chemikalien in der Muttermilch.

Wir haben etwa 80'000 Chemikalien im Gebrauch – etwa 30'000 die wir viel brauchen. Davon gehört ein kleiner Teil zu den Pharmaka, ein wesentlich grösserer Teil sind Substanzen, die ganz unterschiedlich eingesetzt werden. Die folgende kleine Zusammenstellung über den Einsatz von hormonaktiven Substanzen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Von den in verschiedenen Kategorien (Kosmetika, Flammschutzmittel etc.) genannten Chemikalien oder Chemikaliengruppen sind nicht sämtliche durchwegs hormonaktiv und auch in ganz unterschiedlichem Masse.

Auf der Packung (in den meisten Fällen) deklarierte hormonaktive Bestandteile.

Kosmetika: gewisse UV Filter und Konservierungsmittel, ebenso einige der synthetischen Moschusverbindungen (letztere sind jedoch nicht deklariert).

Pharmaka: hier gibt es neuere Literatur über Paracetamol, sonst sind die Arzneimittel kaum untersucht.

Nahrungszusatzstoffe und Nahrungsmittel.

Wasch- und Putzmittel.

Pestizide sind deklariert auf ihren Verpackungen, unbekannt jedoch ist ihre Anwendung auf Gemüse und Obst etc.

Auf der Packung nicht deklariert sind hormonaktive Substanzen.

In Plastik (Behälter und Verpackungsmaterialien), Plastik-Folien, Farben, Teppiche, Kleiderstoff-Zusätze, UV-Filter in T-Shirts, technische Geräte und auch in Pfannen (Teflon).

Als Weichmacher wie Phthalate. Von den Phthalaten, wurden einzelne aufgrund ungünstiger (anti-androgener) Wirkungen aus dem Handel gezogen und durch andere ersetzt.

Hormonaktive Substanzen in der Luft von Innenräumen.

Flammschutzmittel sind bromhaltige Substanzen, die bei allen möglichen Geräten zugesetzt werden (auch vorgeschrieben z.B.) Computer. Ohne Flammschutz würde ein Fernsehapparat in Flammen aufgehen, wenn es darin einen Funken gibt. Auch in Flugzeugen und in Sälen. Ein Teil dieser Substanzen ist estrogen, hormonell aktiv, vergleichbar mit PCB. Diese Substanzen gelangen auch in die Luft, in die Umwelt. Die Amerikaner sind in dieser Beziehung verrückt, da wird alles zusätzlich flammgeschützt und so haben sie dann auch viel höhere Konzentrationen in der Luft der Räume. Vergleiche haben ergeben, dass sie zehn Mal höhere Konzentrationen im Blut haben als wir.

Zusammenfassend.

Eine hormonelle Aktivität kann bei chemisch sehr heterogenen Molekülen identifiziert werden, wie:

Organochlorpestzide wie DDT und Metaboliten, PCB Kongenere, Hexachlorbenzol, Methoxychlor, Chlorpyriphos, u.a.

Kosmetika: Synthetische Moschusverbindungen: Nitromoschusverbindungen, polyzyklische Moschus-Verbindungen,

UV Filter, Konservierungsstoffe: Verschiedene Parabene.

Flammschutzmittel wie Polybromierte Biphenyle.

Plastik: Bisphenol A. Weichmacher: verschiedene Phthalate.

Beläge: Perfluorierte Stoffe.

Deponien.

Es gibt aber noch sehr viele andere toxische Stoffe wie Schwermetalle Quecksilber, Cadmium, Aluminium, Mangan etc. Auch sind die Abklärungen über mögliche EDC-Hormon-Aktivitäten von Metallen noch gar nicht abgeschlossen. Toxische Abfallprodukte landeten früher in sog. ungeschützten Abfalldeponien, die man dann stehen liess. In der Schweiz gibt es rund 50’000 Deponien, deren Zusammensetzung noch weitgehend unbekannt ist. Sie enthalten Bauschutt, Industriechemikalien, chemische Zwischenprodukte etc. Jetzt muss abgeklärt werden, ob eine Deponie saniert, oder nur beobachtet werden muss. Dann wird ein gesamtschweizerischer Kataster der Deponien erstellt. An bestimmten Stellen der Birs und Saane dürfen viele gefangene Fische wegen zu hoher toxischer Belastungen nicht mehr gegessen werden. In der Saane bei Freiburg war der Grund eine alte Deponie in der Nähe, die teilweise in den Fluss auslief.

Export / Import.

Aus vielen Industriestaaten wurden die zuhause schon lange verbotenen Pestizide in Entwicklungs- und Schwellenländer verkauft. In afrikanischen Ländern ist es inzwischen verboten, bestimmte dieser Pestizide auszubringen; doch sind die dort zuständigen Leute zum Teil nicht ausgebildet und lassen daher Verpackung und Produkte einfach auf den Feldern verrotten. Zum Teil sind diese hochtoxisch, sickern in Gewässer und dann ins Meer. Aber auch das Meer erträgt nicht beliebig viel Kontaminierung. Fische und grosse Meeressäuger erkranken – schadstoffbelastete Fische gelangen in menschliche und tierische Nahrungsketten. So kommen die Giftstoffe wieder zu uns zurück. Oder sie kommen über pflanzliche Produkte aus diesen Ländern wieder zu uns, beispielsweise im Tee, der teils sehr stark belastet ist.

Die Schwierigkeit, gesund zu leben.

Jemand der in jeder Beziehung darauf achtet, möglichst gesund zu leben und  bestrebt ist, möglichst geringe Mengen an Chemikalien aus der Umwelt aufzunehmen, ist besser dran, aber ganz zu vermeiden sind diese Substanzen doch nicht.

Wissenschafter der EMPA erklären, dass auch ein Transport dieser Chemikalien über die Luft stattfindet. So sind in Fischen in Bündner Alpenseen auf über 2000 Metern Substanzen wie PCB und andere Pestizide nachweisbar. Selbst die Moschusparfums sind nachweisbar. Transportieren die Wolken solche Substanzen auf die Höhe der Alpen, kann dies zu einer Art Arktis-Effekt führen, wobei in kühlen Höhen (kondensiertes) Wasser zusammen mit diesen Substanzen ausgeregnet oder ausgeschneit wird. Aufgrund dieses Effekts haben die Tiere in der Arktis eine hohe Chemikalien-Belastung. Ähnlich leiden dort auch die Menschen, die Inuits, unter sehr hohen Konzentrationen an Schadstoffen im Körper und auch in der Brustmilch der Mütter. Dabei gibt es in der Arktis kaum Industrie.

Zum Teil ist es schon etwas deprimierend: Wir hatten grosse Auseinandersetzungen, als wir veröffentlichten, dass sich UV-Filter als hormonaktiv entpuppten. Und heute wird wieder erneut propagiert, man solle sich dick mit Sonnenschutzmitteln mit hohem SPF (Sun Protection Factor) einreiben – ohne jegliche Erwähnung möglicher hormoneller Aktivitäten. Dazu kommt, dass die in der Haut vor sich gehende und von UV-Strahlung abhängige Synthese des Vitamin D verunmöglicht wird, wenn die Haut durch solche UV-Filter geschützt wird.

Neue Projekte von Greentox:
Wirkungen von Substanz-Mischungen.

Wir machen weiter und arbeiten zusammen mit zehn anderen Labors an einem Europäischen Projekt über Mischungen von Chemikalien.

Das Bundesamt für Gesundheit ist heute sehr stark gefordert im autonomen Nachvollzug europäischer Gesetze. Vieles wartet auf eine gerechtere gesetzliche Regelung wie z.B. die Tatsache, dass die Toxizität von Substanzen (auch in wildem Gemisch mit anderen Substanzen vorkommend) im Gesetz heute noch so geregelt ist, als wäre sie allein und isoliert von allen anderen Chemikalien in der Umwelt vorhanden. Was dann jedoch Kombinationen von Substanzen (z.B. Sonnencremen mit Schutzfaktor 50, mit 3 bis 4 UV-Filtern) bewirken können – was Mischungen von Chemikalien bewirken können, ist heute Gegenstand europäischer Forschungs-Projekte. Hier ist das Verständnis noch sehr bescheiden und es gibt vorläufig keine festen Regeln. Reguliert werden die Substanzen im allgemein immer noch nur einzeln.

Wenn man eine Reihe von Anti-Androgenen (anti-männlich wirkende Substanzen) zusammen an Ratten verfüttert, dann ist eine gewisse Addition der Wirksamkeiten zu sehen. Beispielsweise bei den Ratten hat das Männchen vor und kurz nach der Geburt auch Brustwarzen wie die Weibchen. Jedoch sollten die Brustwarzen beim Männchen nach der Geburt wieder verschwinden. Und wenn sich die nicht zurückbilden, dann ist das ein Beweis, dass ein androgener Gesamt-Effekt vorhanden ist, der häufig grösser oder stärker ist als der Effekt von einzelnen anti-androgenen Substanzen. Theoretisch ist es auch möglich, dass sich gewisse Wirkungen aufheben.

Toxizitäten von Chemikalien-Mischungen zu bestimmen ist verrückt kompliziert, weil es da Testosteron-Ähnliche und dann wieder Anti-Testosterone, oder Anti-Estrogen oder Schilddrüsen-Effekte gibt. Und wir haben noch kaum eine Ahnung, was eine Mischung verschieden hormonartig wirksamer Substanzen bewirkt. Man hofft ja, dass man vor solchen Mischungen im Vornherein warnen könnte und das können wir noch nicht.

*     *     *

Die wirklich einschneidenden Entscheide für unser Leben und für das Überleben unseres kleinen Planeten werden schon lange nicht mehr von Regierungen oder durch Volksabstimmungen getroffen, sondern in multinationalen Konzernen. Also muss man sich auch dort einmischen.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



Diese Website ist nicht für die Darstellung auf kleinen Bildschirmen eingerichtet. Lesen Sie sie bitte mit einem Laptop- oder Desktop-Bildschirm!