Vom allmählichen Verschwinden der Kritik.

Vom allmählichen Verschwinden der Kritik.

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Vom allmählichen Verschwinden der Kritik.

TAGES-ANZEIGER Samtag, 11. Juli 1992

Eine Bratwurst kann man nicht hinterfragen – oder: Vom allmählichen Verschwinden der Kritik.

VON CHRISTIAN RENTSCH

Manche haben es vielleicht noch gar nicht so richtig wahrgenommen: Die Kritik ist am Verschwinden. Die reflektierende, kritische und wertende Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk, mit Theater, mit Literatur oder Musik ist auf dem Rückzug. Immer mehr Zeitungen und Zeitschriften verzichten auf traditionelle Kritiken und retten sich in alle möglichen anderen journalistischen Formen, vom Fernsehen und den Lokalradios ganz zu schweigen.

Anstatt sich intensiv mit einem Werk zu befassen, teilen sie ihren Lesern und Hörern mit, wie sich der berühmte Regisseur in seinem neuen Haus in Hollywood eingerichtet hat, zum wievielten Mal die alternde Diva ihre Haut hat neu spannen lassen. Sie mischen Klatsch, Anekdoten, Biographisches und die Erfolgsbilanzen, welche die Verlage oder Plattenlabel ihnen zur Verfügung stellen; allenfalls zitieren sie Schnipsel anderer Kritiker, welche ebenfalls die PR-Abteilungen der Verlage zusammengetragen haben. Oder dann lassen sie den Künstler selber über Gott, die Welt und sein neuestes Opus plaudern; der Kritiker verkommt zum Stichwortgeber und Komplizen, der insgeheim hofft, selber etwas vom Lichterglanz abzubekommen, der auf die Berühmtheit fällt.

Freie Jagd

Wo die Kritik sich nicht freiwillig auf den Rückzug begibt, da wird sie in die Defensive gezwungen. Kritiker, die sich und ihr Metier noch ernst nehmen, werden von den Künstlern geschmäht, von ihren Agenten boykottiert, von den Verlagen links liegengelassen. Ulrich Greiner hat das kürzlich in der deutschen Wochenzeitschrift «Die Zeit» am Beispiel der Literatur gezeigt. Es trifft aber auch auf andere Bereiche zu. Da sind die Ausstellungsmacher, die dem Rezensenten vorwerfen, seine Kritik sei verantwortlich für den Misserfolg einer Ausstellung; die Musiker, die den Kritiker gleichsam vor ein Tribunal laden und ihm dort geschäftsschädigendes Verhalten vorwerfen; die Kinobesitzer, die gleich über die Chefetage ins Gespräch einsteigen und hoffen, dass letztere von oben herab den Filmkritikern die Knöpfe eintut; die Flegel einer Dilettantengruppe, die den Kritiker zu Hause aufsuchen und ihn mit einer Buttercremetorte bewerfen, weil er ihre Musik nicht für das Tollste gehalten hat. Einige ausgewählte Fälle aus dem Redaktionsalltag unserer Zeitung.

Wir wollen nicht klagen: Wer andere kritisiert, muss auch Kritik ertragen können. Wer austeilt, muss - im Rahmen zivilisierter Umgangsformen - auch einstecken können. Dass ein Künstler verletzt und beleidigt ist, wenn sein Werk verrissen wird, verstehen wir. Dass das immer noch verkannte Genie seine Kritiker für inkompetente Dummköpfe halten muss, liegt in der Logik der Sache; wäre der Kritiker kompetent, dann wäre das Genie ja nicht mehr so verkannt. Das alles steht hier nicht zur Debatte.

Was uns interessiert, ist, warum das alles so ist. Wie das gekommen ist, jenseits individueller Empfindlichkeiten und Gereiztheiten der unmittelbar davon Betroffenen. Denn: Es fällt auf, dass auch ein nicht unbeachtlicher Teil der Leser immer heftiger auf Kritiken reagiert. Und nicht bloss die jugendlichen Rockfans, die ihre Idole verteufelt sehen. Reagiert wird nicht auf diese oder jene Kritik, sondern grundsätzlich auf Kritik. Man muss annehmen, dass das nicht bloss eine vorübergehende atmosphärische Störung zwischen Kritikern, ihrem Publikum und den Kunstschaffenden ist, sondern die Folge einer grundsätzlichen und irreversiblen Veränderung der Kulturszene und ihres ideologischen Überbaus, des herrschenden Kultur- und Kunstbegriffs.

Demokratische Kultur

«Kultur für alle» - so hiess in den 60er Jahren eine gute und wichtige Parole, eine brauchbare Antwort auf die Kulturpolitik der 50er Jahre. Dahinter stand die alte Hoffnung vor allem sozialdemokratischer Kulturpolitiker und -funktionäre, dass eine kulturell gut gebildete, aufgeklärte Arbeiterklasse dereinst ihre Geschicke in die eigene Hand nehmen könne. Und die etwas neuere Hoffnung der antifaschistischen Nachkriegs-Kulturpolitiker, dass Kultur ein Bollwerk sein könne gegen Barbarei, Nationalismus und Kriegsgurgelei.

Während die ersteren vor allem darauf abzielten, dem «Volk» das grosse Erbe der abendländischen Kultur vertraut zu machen, also die Arbeiterklasse gleichsam auf die Stufe der bildungsbürgerlichen Machtelite zu erheben, vertraten letztere ein anderes Ziel. Die bürgerliche Kultur hatte als moralisch verbindliche Instanz gegen Faschismus, Völkerhass und Massenmord versagt; selbst viele bürgerliche Intellektuelle waren zu den Menschenfeinden übergelaufen. So ging es denn darum, neben der diskreditierten Hochkultur auch die Alltagskultur, die Volks-, Jugend- und Populärkultur als gleichsam authentischer Ausdruck der entsprechenden Gruppen ernst zu nehmen und deren fortschrittliche, emanzipatorische Momente zu fördern.

Gleichmacherei

Diese Ziele, die Demokratisierung der Kultur, sind, auch heute noch, ehrenwert und gut. Die Folgen aber sind es weniger. Denn: Gegenüber dem Diktat des Marktes stehen diese idealistischen Werte auf schwachen Beinen. Der modernen Kultur- und Bewusstseinsindustrie gelingt es spielend, jeden beliebigen Impuls aufzunehmen, zu absorbieren und ihren eigenen Zwecken dienstbar zu machen Und es gilt das Gesetz der Marktwirtschaft: Wenn das Volk nicht zur Kultur kommen will, dann muss die Kultur zum Volk kommen. Das war ähnlich immer schon so, allerdings bei weitgehend getrennten Märkten: hier erhabene Kunst, dort munteres Volksvergnügen.

Der erweiterte Kultur- und Kunstbegriff aber hat alle Grenzen aufgehoben: Heinz G. Konsalik ist genauso ein Schriftsteller wie Botho Strauss, bloss ein vielfach erfolgreicherer; der Schnulzenschreiber Elton John nennt sich ebenso Künstler wie der avancieterte zeitgenössische Opernkomponist, bloss kennt ihn jedes Kind, während kaum einer weiss, wer Aribert Reimann ist. Plötzlich war alles gleichermassen Kultur; Rock, Pop, Comics, die Seifenoper, der Trivialfilm und die Travestiten-Show sind noch die besten Stücke, neben der sogenannten Hochkultur gibt es die Alltagskultur, die Körper-, die Ess-, die Dessous- und die Liebeskultur.

Das ist eine Sache, die zweite ist damit verbunden: War Kunst einmal Ausdruck der Selbst- und Welterfahrung, von Leiden und Hoffnung, Reflexion und Kritik des schlechten Heute und Vorschein einer besseren Welt, so ist sie in der heutigen Freizeitgesellschaft fast nur noch Fun, Amüsement, Ablenkung. Sie übernimmt eine wichtige Kompensationsfunktion in einer zunehmend fremden, entfremdeten Welt. Wer aber will sich schon das Kinovergnügen, den Theaterabend, das Konzert vermiesen lassen, wenn er schon im Alltag wenig zu lachen hat? Und das ganz unabhängig davon, ob der Kritiker, die Kritikerin recht haben mag oder nicht. «Die ernste Literatur ist nicht dazu da, das Leben zu erleichtern», schrieb der 1969 aus dem Leben geschiedene polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz, «sondern es zu erschweren.» Ich möchte nicht wissen, wie viele Leser mit diesem Satz etwas anfangen können.

Schlimmer noch: Wo Kunst nur noch und ausschliesslich vergnügliche Handelsware ist, verliert die Kritik ihren ursprünglichen Sinn. Eine Bratwurst kann man nicht hinterfragen, allenfalls kann man diskutieren, ob sie gut gemacht ist; der Rest ist Geschmacksache. Konsequent denn auch, dass die Zeitgeist-Magazine und vor allem die akustischen Berieselungsanlagen der Lokalradios, selber Teil dieser Freizeit-Vergnügungsindustrie, genau diese Art von Bratwurst-Kritik üben, wenn sie zwischen Porträts, Interviews, Klatsch und Tratsch, einige kritische Anmerkungen riskieren.

Plausibel aber auch, dass die einen Künstler zunehmend mit kalter Wut reagieren, wenn man ihr Werk nach allen Regeln der Kunst auseinandernimmt, kritisch wertet und damit ihre ohnehin schmale Existenzgrundlage vielleicht weiter schmälert, während man auf der gleichen Zeitungsseite den millionenschweren Unterhaltungs-Künstler schlüpfen lassen muss, weil er seinen Job, das Publikum nichts als zu unterhalten, perfekt beherrscht.

Die traditionelle Kritik also ist am Verschwinden. Wir möchten trotzdem noch ein bisschen daran festhalten. Man mag das Sentimentalität nennen. Wir halten es für eine Überzeugung. Kultur ist so eminent wichtig, dass sie es verdient, kritisiert zu werden.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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