Streaming (Energie).

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Streaming (Energie).

Neue Zürcher Zeitung 16.4.2019

Streaming ist das neue Fliegen.

Unterschätzte Klimafolgen des digitalen Konsums.

Was digital ist, muss lange nicht grün sein. Ein wichtiger Treiber für die Emissionen der Informationstechnologie ist das mobile Streaming von Videos.

Thomas Fuster

Bei der Klimadiskussion sind die Rollen klar verteilt: Auf der Seite der Bösen stehen etwa die Schwerindustrie, der Verkehr und die Landwirtschaft. Zu den Guten gehören demgegenüber die Dienstleister, weil deren Produkte eher immaterieller Natur sind. Die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) wird meist der guten Seite zugeordnet. Die Digitalisierung gilt als Teil der Lösung und nicht als Teil des Klimaproblems. So werden die elektronischen Gadgets ja immer kleiner. Und die über Displays genutzten Dienste muten irgendwie virtuell an - und somit auch schadstoffarm.

Schädlicher als die Luftfahrt

Doch die Sache ist komplexer. Das zeigt eine Studie der französischen Denkfabrik «The Shift Project». Die Organisation hat den ökologischen Fussabdruck der ICT-Branche zu messen versucht. Sie kommt zum Schluss, dass die umweltpolitischen Folgen der digitalen Wirtschaft konstant unterschätzt werden. Grund dafür sei nicht nur die fortschreitende Miniaturisierung der Geräte, sondern auch die «Unsichtbarkeit» der verwendeten Infrastruktur - ein Phänomen, das verstärkt werde durch die wachsende Verfügbarkeit von Dienstleistungen in der sogenannten Datenwolke. Das Cloud-Computing sorge dafür, dass die physische Realität digitaler Produkte noch schwieriger wahrnehmbar werde.

Gar so wolkig-harmlos ist die Schadstoffbilanz der Branche jedenfalls nicht. So wird der Anteil der ICT-Branche an den globalen Treibhausgasemissionen auf 3,7 Prozent geschätzt; das ist fast doppelt so viel wie der Beitrag der zivilen Luftfahrt (2 Prozent) und knapp die Hälfte des Ausstosses aller Personenfahrzeuge und Motorräder (8 Prozent). Sorgen macht vor allem die rasche Zunahme des digitalen Energieverbrauchs um rund 9 Prozent pro Jahr. Setzt sich der Trend fort und steigt das Datenvolumen im Internet weiterhin um zirka 30 Prozent pro Jahr, wäre die ICT-Branche schon 2025 für rund 8 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Was sind die Gründe für den rasant steigenden Energieverbrauch der Branche? Genannt werden vier Treiber: erstens die weltweit um zirka 11 Prozent pro Jahr wachsende Zahl von Smartphones und deren immer energieintensivere Features. Zweitens die zunehmende Verbreitung digital vernetzter Peripheriegeräte in Freizeit und Haushalt, seien es Fitness-Armbänder oder komplexe Überwachungssysteme. Drittens der Aufstieg des Internets industrieller Dinge. Und viertens die Explosion des Datenverkehrs, was primär auf Angebote internationaler Tech-Giganten wie Google, Apple, Facebook, Amazon, Baidu oder Alibaba zurückgeführt wird.

Während die Energieintensität des globalen Bruttoinlandprodukts derzeit um 1,8 Prozent pro Jahr sinkt, ist bei der ICT-Branche das Gegenteil der Fall. Deren Energieintensität wächst um 4 Prozent. Das heisst, der Konsum von 1 Euro an digitaler Technologie verursacht einen Energiekonsum, der 37% Prozent höher ist als noch im Jahr 2010. Dass die digitalen Geräte immer leistungsfähiger werden, ändert daran wenig, denn gleichzeitig steigt die Nutzung. Ein Beispiel: Zwar hat die Batteriekapazität von Smartphones in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent zugelegt. Die Häufigkeit des Aufladens ist in dieser Zeit aber konstant geblieben, weil die Geräte nun einfach länger genutzt werden; ein typisches Beispiel eines Rebound-Effekts.

Die Abschätzung von Klimaschäden ist zwar mit viel Unsicherheiten verbunden. Dennoch zeigt die Studie, dass auch vermeintlich unverdächtige Aktivitäten mit umweltpolitischen Kosten verbunden sind. Ein Beispiel ist das Streaming von Videos, das für über 80 Prozent der Zunahme des Datenverkehrs im Internet verantwortlich ist. Der vor allem bei jungen Generationen populäre Zeitvertreib benötigt 1500-mal mehr Energie als der gewöhnliche Betrieb eines Smartphones. Wer zehn Minuten über die Cloud ein Video anschaut, verbraucht gleich viel Strom, wie wenn er fünf Stunden nonstop E-Mails mit angehängten Dateien verschickt. Oder wie wenn er fünf Minuten einen elektronischen 2000-Watt-Ofen mit voller Kraft, im Heizbetrieb hält.

Im Visier der Umweltverbände

Tatsächlich steht hinter dem Stromverbrauch letztlich immer der eigenverantwortliche Konsument, der mehr Datenvolumen nachfragt oder neue Smartphones erwirbt, deren Produktion auch Seltenerdmetalle benötigt. All dies den ICT-Firmen anzulasten, greift deshalb zu kurz. Dennoch geraten die Unternehmen zusehends ins Visier von Umweltorganisationen: Greenpeace etwa publiziert ein Ranking zur Umweltpolitik grosser ICT-Firmen. Bezüglich Transparenz schneidet dabei Amazon wenig löbIich ab. Apple, Microsoft und Samsung wird derweil vorgeworfen, die Lebensdauer ihrer Produkte absichtlich zu verkürzen, indem Reparaturen oder Upgrades unnötig erschwert würden.

Doch darf man den steigenden Stromverbrauch des Internets überhaupt pauschal der ICT-Branche anlasten? Zweifel hat Jean-Marc Hensch, Geschäftsführer von Swico, dem Wirtschaftsverband der Schweizer ICT- und Online-Branche. Wenn ein Journalist eine E-Mail verschicke, so Hensch, müsse der damit verbundene Stromverbrauch eigentlich dem Mediensektor angelastet werden. Letztlich stelle die ICT-Industrie ja nur die Apparate zur Verfügung, um den Konsumenten die elektronische Kommunikation oder das Speichern von Daten zu ermöglichen. Entsprechend fragwürdig sei es, wenn im Rahmen der Klimastreiks betont werde, eine kleine Zahl von 100 Unternehmen sei für drei Viertel der  CO2-Emissionen verantwortlich.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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