Styling.

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Es ist schon sehr lange her und ich bin mir meiner Erinnerungen nicht mehr sicher; doch aus aktuellem Anlass komme ich darauf zurück.

Die Stiftung Pro Helvetia organisiert Filmveranstaltungen mit Schweizer Filmen in anderen Ländern. Meist wird das Programm mit der organisierenden Institution in diesen Ländern zusammengestellt.

Ich erinnere mich an die Schweizer Filmwochen in Lateinamerika. Wie üblich wurden die Filme entsprechend untertitelt, die Werbematerialien, Plakate, Informationen zu den Programmen in der Schweiz gestaltet, gedruckt und mit den Filmkopien in die Länder gesandt.

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Keine Ahnung, was den Leuten von Pro Helvetia damals durch den Kopf gegangen sein mag, ich hatte nur meine Vermutungen.

Es scheint, dass man davon ausging, die Schweiz sei für Leute in der Fremde der Inbegriff von Reichtum, Sauberkeit und Ordnung, jedenfalls kein Land, das starke, emotional überwältigende Filme erwarten liess. Solchen Vorstellungen musste Pro Helvetia ein anderes Bild entgegensetzen. Niemand wusste zwar, was das bedeuten könnte, man war einfach sicher, dass dort etwas gegen die Vorstellungen von schweizerischer Biederkeit und Saturiertheit unternommen werden musste.

Also das Werbematerial möglichst weit weg von Ordentlichkeit und Sauberkeit. Ein raueres Erscheinungsbild. Selbstverständlich kein Kunstdruckpapier, keine Typografie, die aus dem Sinn der Sache entwickelt ist, konsequente Missachtung gängiger Formen gestalterischer Qualität, Bilder und Texte schräg ausgeschnitten, eingerissen, sich überlappend. Spontaneität, ein Eindruck, als ob das Ganze lässig zusammengestiefelt worden wäre.

Und damit es noch improvisierter, noch etwas laienhafter wirkt, alles mit braunen Klebstreifen hingeklebt (als ob es so hingeklebt worden wäre). Nun wirkt es so billig, dass es sich klar von unserer wohlhabenden Gesellschaft mit all ihren Konventionen und Qualitätsvorstellungen absetzt.

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Nach den Schweizer Filmwochen in Lateinamerika war zu erfahren, wie sich das Publikum über das billig wirkende Werbematerial gewundert hatte. Die reiche Schweiz müsste doch die Mittel haben, um ihre Filmveranstaltungen anständig zu präsentieren!

Auch den Veranstaltern war das unbegreiflich; doch sie waren auch beleidigt – beleidigt, nicht ernst genommen zu werden, erleben zu müssen, wie unwichtig, wie gleichgültig den Schweizern die Länder Lateinamerikas sind.

Vom kulturell interessierten Mittelstand der Städte waren die Veranstaltungen gut besucht. Der riesige Teil der Bevölkerung, der in grosser Armut lebt, hat davon ohnehin nichts erfahren und hätte sich wohl auch keine Gedanken über die Art der Präsentation gemacht. Dass jemand seinen Wohlstand hinter einem ärmlichen Aussehen zu verbergen sucht, wäre ohnehin ein verrückter Gedanke. Das wäre ja, wie wenn einer aus einem dieser Wohlstandsländer mit Löchern in den Hosen herumlaufen würde.

Wie wäre das für einen dieser Armen, wenn er in Zürich im Tram sitzen würde – unter den Fahrgästen einige mit Löchern in den Hosen – Individualisten, die sich vom spiessigen Bürgertum absetzen, rebellisch ein wenig mit der Armut kokettieren – mit seiner Armut ein Spiel treiben – in lässig modischem Styling. Er müsste beleidigt sein, doch der Anblick wäre so unfassbar, dass er sich nur unter Verrückten wähnen könnte.

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«Destroyed Denim und Ripped Look – für ein lässiges Styling.

Offensichtlich sind zerfetzte Jeans bei Frauen und Männern wieder angesagt. () Destroyed bedeutet frei übersetzt soviel wie vernichtet. Ripped ist klar, das heisst zerrissen oder eingerissen.

Destroyed Denim setzt Akzente und fällt auf. Bei diesem extremen Used Look muss man unweigerlich zweimal hingucken – je nachdem, wo sich die Abwetzungen, Risse und Löcher in der Jeans befinden. Verschiedene Waschungen sollen den Jeans einen möglichst abgetragenen Touch verleihen. Mit der Zeit haben die Jeans-Hersteller ihre Methoden verfeinert. Für Destroyed oder Ripped Denim werden zusätzlich zum Bleichmittel Bimssteine eingesetzt. Löcher und Risse werden per Hand ergänzt. Jede so behandelte Jeans ist vom ersten Tragen an ein Unikat. Normalerweise dauert es ja ein paar Jahre, bis sich die wertvolle Patina eingestellt hat und die Lieblingsjeans mit Tragefalten, Rissen und Löchern eine eigene Geschichte erzählt.

Eine Destroyed oder Ripped Jeans sieht vom ersten Tag aus, wie eine Lieblingsjeans, von der man sich nicht trennen will. Die Auswahl und der Grad der Abnutzung ist riesig. Nahezu jede Jeansmarke bietet eine eigenen Fetzen-Kollektion an, bei der angeblich jeder das passende Modell findet. Jeanshosen im extremen Used-Design sollen sich prima mit „cleanen“ Oberteilen kombinieren lassen – sagen Designer und Modeblogger. Der Kontrast macht den Unterschied. Ich probier das jetzt einfach mal aus – bye, bin Jeans kaufen!»

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«Es handle sich um «angepasstes Rebellentum», sagt Kolumnist Van Huisseling. «Man gibt sich als Individualist, wird aber doch nicht richtig offensiv. Man lehnt sich latent auf, lehnt sich aber doch nicht zu weit aus dem Fenster.» Die Hosen mit den Löchern reichten ja doch bis zum Boden und seien also grundsätzlich konventionell. Auch haben Löcher natürlich einen erotischen Reiz, Durchblicke auf Haut, doch auch hier ein Kleidungsstück das seine konventionelle Länge hat.»

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Es gab mal eine Zeit, in der bei uns Jeans getragen wurden, obschon sie schon ein Loch hatten.

Seit etwa zwanzig Jahren ist das nicht mehr so. Löcher und Abriebspuren wurden selbst gemacht.

Dann gab es Loch-Jeans als Modeartikel zu kaufen, mit möglichst individuell wirkenden Gebrauchsspuren, hergestellt von Arbeiterinnen in armen Ländern mit einer armen Bevölkerung.

Inzwischen hatte diese Art von Individualismus so überhand genommen, dass es sich lohnte, Maschinen zu entwickeln, die solche Gebrauchsspuren herstellen.

So sind Loch-Hosen heute für jedermann erschwinglich.

Ein bisschen Rebellion gegenüber dem Wohlstand an dem man teilhat.

Ein bisschen Individualismus in der herrschenden Biederkeit.

Und dies erst noch den aktuellen Modetrends entsprechend – man ist In.

Urs Graf

Notizen zur Filmästhetik



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